04.01.2010 · Der Abstand zwischen kurz- und langfristigen Zinsen war noch nie so hoch. Die Konstellation spiegelt die unter den Marktteilnehmern weit verbreitete Hoffnung auf eine Belebung der Wirtschaft und steigenden Leitzinsen wider.
Von Stefan RuhkampDer Abstand zwischen den Zinsen für Kreditgeschäfte mit kurzer und langer Laufzeit war im Euro-Raum noch nie so hoch wie heute. Während dreimonatige Leihegeschäfte unter den Banken, die auch in der Finanzierung der Unternehmen eine wichtige Rolle spielen, derzeit nur mit etwa 0,7 Prozent verzinst sind, werfen zehnjährige Staatsanleihen rund 3,4 Prozent Ertrag ab.
Eine derartig steile Zinsstruktur tritt meist auf, wenn nach einer wirtschaftlichen Krise die Leitzinsen noch niedrig sind, auf den Märkten aber schon auf eine Belebung der Wirtschaft und steigende Leitzinsen in der Zukunft gewettet wird. Umgekehrt war der Abstand zwischen kurz- und langfristigen Zinsen im Herbst 2008 in Erwartung einer Rezession deutlich negativ. Die damalige Erwartung der Marktteilnehmer hat sich erfüllt, denn die Wirtschaft schrumpfte um rund 5 Prozent, und die Europäische Zentralbank hat ihren Leitzins von 4,25 auf 1 Prozent reduziert. Weil die Banken aus Misstrauen untereinander zudem überschüssige Liquidität halten, liegt der Tagesgeldsatz und dadurch auch der Zins für dreimonatige Leihegeschäfte unter dem Leitzins.
Und so ist der Zinsabstand zwischen kurzfristigen und langfristigen Leitzinsen seit dem Tiefpunkt im Oktober 2008 von minus 1,3 auf plus 2,7 Prozentpunkte gestiegen. Das ist das höchste Niveau, seitdem es die Währungsunion gibt.
Die Zinsstrukturkurve in Amerika ist noch steiler
In Amerika ist die Bewegung sogar noch kräftiger gewesen. Dort ist die Zinsstrukturkurve noch steiler. Der Abstand zwischen kurz- und langfristigen Zinsen ist dort seit Oktober 2008 von minus 0,8 auf knapp 3,6 Prozentpunkte gestiegen. Die amerikanische Notenbank Fed hat ihren Leitzins nahe null gesenkt, zugleich sind die Renditen amerikanischer Anleihen mit langer Laufzeit in den vergangenen Monaten kräftig gestiegen. Für die Banken ist die steile Zinsstruktur mit guten Ertragsmöglichkeiten verbunden. Sie können sich auf dem Euro-Tagesgeldmarkt für etwa 0,3 Prozent Geld leihen und es mit längeren Laufzeiten weiterverleihen oder langlaufende Anleihen kaufen.
Die Steilheit der beiden Zinskurven ist nach Ansicht von Jürgen Michels, Ökonom der Citigroup, Ausdruck der wachsenden Zuversicht. Doch das Ausmaß der Steilheit müsse relativiert werden. Unter normalen Bedingungen signalisiere ein derart großer Zinsabstand die Erwartung eines wirtschaftlichen Booms, sagt Michels. Das sei dieses Mal anders. Denn wegen der Finanzkrise seien die Zinsen am kurzen und langen Ende der Laufzeitenkurve verzerrt. Die kurzfristigen Zinsen seien wegen der niedrigen Leitzinsen und wegen der unkonventionellen Liquiditätshilfen der Notenbanken besonders gering. Die Preise für langfristige Staatsanleihen seien dagegen wegen der stark gestiegenen Staatsschulden unter Druck. Außerdem spiele die Furcht vor Inflation eine wachsende Rolle. Dadurch sei das Renditeniveau höher, als es unter normalen Umständen wäre. "Der Zinsabstand spricht zwar für eine Erholung, ist aber nicht der Vorbote eines kräftigen Aufschwungs", sagt Michels.
Deutlich steigende Leitzinsen nicht vor dem zweiten Halbjahr zu erwarten
Und so dürfte der auf den Märkten erwartete deutliche Anstieg der Leitzinsen in den großen Währungsräumen wohl erst in der zweiten Hälfte dieses Jahres beginnen. Für die nächste Zinsentscheidung der EZB am 14. Januar schließen fast alle Beobachter eine Zinserhöhung aus. Mindestens noch bis zum Ende des ersten Quartals wird die Zentralbank den Banken zudem so viel Geld zum Leitzins leihen, wie diese nachfragen. Diese Mengenfreigabe wurde in der Finanzkrise zur Stabilisierung der Banken eingeführt. Michael Schubert, Analyst der Commerzbank, rechnet damit, dass die Vollzuteilung zumindest bei den wöchentlichen Hauptfinanzierungsgeschäften noch bis zum Sommer beibehalten wird.
Unmittelbaren Druck, die Leitzinsen entgegen den Erwartungen der Investoren schon im ersten Halbjahr zu erhöhen, gibt es in Europa kaum. Denn die Geldmenge ist zuletzt geschrumpft, und auch die Kreditvergabe der Banken normalisiert sich nur allmählich. Der letzte Monatswert war leicht positiv, was vor allem an der gestiegenen Kreditvergabe an private Haushalte lag, zum Beispiel in Form von Baukrediten. Dagegen ging die Kreditvergabe an die Unternehmen, wie es typisch ist für die späte Phase eines wirtschaftlichen Abschwungs, weiter zurück. Die schwache Kreditdynamik spricht dafür, dass die Teuerung mittelfristig nicht zu einer Schwierigkeit werden wird. In Deutschland ging sie im Jahr 2009 auf den geringsten Wert seit zehn Jahren zurück.