24.01.2006 · Bei Konjunkturprognosen waren sich die Experten noch nie einig. Mittlerweile sind sie regelrecht in Lager gespalten. Doch immer noch haben die Optimisten Oberwasser. Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff erwartet sogar Zinserhöhungen in Japan.
Angesichts der zum Teil deutlichen Korrekturen an den verschiedenen Börsen in den vergangenen Tagen mag man vereinzelt schon fast wieder zu einem gewissen Pessimismus neigen. Immerhin deutet sich in Amerika die Abschwächung des Booms im Häusermarkt an, der getrieben von rekordtiefen Zinsen und sonstigen Anreizen, den Konsum auf sehr hohem Niveau gehalten hatte.
Sollte sich der amerikanische Konsum abschwächen, so müßte das auch die Weltkonjunktur nach unten ziehen, so lautet eine gewisse Logik. Denn der amerikanische Konsum hat die Produktion von Konsumgütern in Asien beflügelt, auf diese Weise die dortige Wirtschaft zu Investitionen stimuliert und über die zunehmende Nachfrage nach Rohstoffen auch zu positiven Impulsen in den Schwellenländern geführt.
Amerika könnte China schwächen
Nun drängt sich die Vermutung auf, dieser bisher positive Kreislauf könnte sich ins Negative drehen und zu einer Krise führen. Immerhin sind in den vergangenen Jahren deutliche makroökonomische Ungleichgewichte aufgekommen: Ein starkes und im Trend zunehmendes Leistungsbilanzdefizit und zum Teil riesige Überschüsse und Devisenreserven in Asien.
Ganz auf dieser Linie argumentierte auch erneut Steven Roach, Chefstratege der amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley, auf einer Kapitalanlegertagung in Zürich. Die amerikanische Sparquote sei individuell und gesamtwirtschaftlich - Stichwort Leistungsbilanz - zu gering, die Häuserpreise hätten ein viel zu hohes Niveau erreicht und müßten korrigieren, die Schulden längst aus dem Ruder gelaufen. Obendrein entwickelten sich Arbeitsmarkt und Löhne unterdurchschnittlich. Daher werde der amerikanische Konsum in Zukunft abnehmen.
Auf diese Weise werde nicht nur das amerikanische, sondern auch das chinesische Wachstum aufgrund einer geringeren Importnachfrage der Vereinigten Staaten abflachen. China könne ohnehin das rasante Wachstum der vergangenen Jahre nicht ohne weiteres fortsetzen. Die Ungleichheit innerhalb des Landes nehme zu stark zu, ebenso ungesund sei die starke Investitionslastigkeit der chinesischen Wirtschaft. In den G5-Staaten und China sei der Anteil der Investitionsausgaben am Sozialprodukt in den vergangenen Monaten auf Rekordniveau gestiegen. Roach sieht deswegen nicht, wo der vielfach erwartete Boom bei den Investitionsausgaben herkommen sollte und ist sowohl für die Weltkonjunktur als auch für den Dollar in den kommenden Monaten skeptisch.
Auswirkungen der Immobilienblase „nicht überschätzen“
Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff und Goldman-Sachs-Chefvolkswirt auch Jim O'Neill sehen das ganz anders - zumindest in Bezug auf die Weltkonjunktur. Abgesehen von Extremszenarien sind sie sogar recht optimistisch. Beide rechnen eher mit einer zunehmenden weltwirtschaftlichen Dynamik - auch wenn es am amerikanischen Immobilienmarkt eine gewisse Korrektur-Wahrscheinlichkeit gebe. In den „Boomregionen“ könnten die Hauspreise nach Rogoffs Schätzungen sogar bis zu 15 Prozent fallen.
Allerdings dürfe man das genauso wenig überschätzen wie den anhaltend hohen Ölpreis. Es heiße zwar immer „wir werden bald kein Öl mehr haben“. Allerdings werde das Angebot bei Preisen um die 70 Dollar deutlich zunehmen. Aus diesem Grund müsse man den Satz abwandeln in „wir werden kein Öl für 20 Dollar je Barrel Öl mehr haben“. Kritisch blickt er auf den Dollar. Er wird nach seiner Einschätzung künftig abwerten, insbesondere gegen die asiatischen Währungen. Aber selbst das werde für die amerikanische Konjunktur nicht sonderlich tragisch sein, da Studien zeigten, daß die Wirkungen von Wechselkursbewegungen überschätzt würden. Eine Abwertung des Dollars wirke sich nur unterdurchschnittlich auf das Wachstum aus.
Japan wird die Weltkonjunktur beleben
Und hier kommt Jim O'Neill ins Spiel. Er geht ebenfalls davon aus, daß sich die amerikanische Konjunktur in den kommenden Monaten abkühlen werde. Allerdings könne das mehr als überkompensiert werden durch die Wirtschaftsentwicklung in Asien, insbesondere in Japan. Das Land der aufgehenden Sonne werde in den kommenden Monaten die deflationäre Phase hinter sich lassen - Rogoff rechnet sogar Mitte des Jahres 2006 mit einer ersten Zinserhöhung in Japan und blickt deswegen kritisch auf den japanischen Rentenmarkt. Die Konjunktur des Landes sei entgegen anders lautender Berichte nicht primär exportgetrieben, sondern profitiere von der inländischen Nachfrage und könne weiterhin positiv überraschen.
Für den Dollar ist O'Neill indes ebenfalls skeptisch und geht von einer Abwertung insbesondere gegen die asiatischen Währungen aus. China werde den Yuan in den kommenden Monaten um einen weiteren Schritt aufwerten und das Band, in dem sich die Währung gegen einen Währungskorb bewegt, ausweiten. Die Abwertung des Yen in den vergangenen Monaten könne sich niemand erklären, eine deutliche Gegenbewegung sei unvermeidlich.