09.02.2010 · Amerikanische Staatsanleihen finden noch immer reißenden Absatz. Sollte die Staatsverschuldung allerdings weiter deutlich steigen, dann könnte Uncle Sam rasch das Vertrauen der Investoren verlieren
Von Peter CoyKommt Amerika in den Augen internationaler Investoren an einen kritischen Punkt? Diese Frage dürfte sich der eine oder andere gestellt haben, als Präsident Barack Obama am 1. Februar einen Haushaltsentwurf vorstellte, der für das laufende Jahr eine Rekordneuverschuldung vorsieht. Hohe Staatsschulden sind natürlich kein neues Phänomen. Und bislang hat die amerikanische Regierung trotz rekordverdächtig niedriger Zinsen auch keinerlei Probleme, willige Käufer für ihre Wertpapiere zu finden.
Doch angesichts eines Schuldenstands, der bereits 2011 oder 2012 mit der Höhe des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts gleichziehen könnte, geht bei vielen Ökonomen die Sorge um, dass Investoren plötzlich das Vertrauen in Uncle Sam verlieren und für ihr eingegangenes Risiko höhere Zinsen fordern könnten.
Das Anlegervertrauen kann in kurzer Zeit schwinden
Wie Griechenland derzeit zu seinem Leidwesen feststellen muss, kann ein Verlust des Anlegervertrauens in kurzer Zeit eskalieren. Müsste die amerikanische Regierung für ihre Schuldenfinanzierung höhere Zinsen zahlen, dann würde die gesamte Zinsbelastung des Staatshaushalts ansteigen. An diesem Punkt müsste die Regierung dann entweder Ausgaben kürzen, Steuern erhöhen oder neue Kredite aufnehmen, um die Zinsen für die Altschulden zu bedienen. Die erste Lösung ist politisch unpopulär, die zweite tödlich für das Vertrauen der Märkte. Wenn die Gläubiger zu dem Schluss gelangen, dass die amerikanische Regierung nicht den politischen Willen zur Kontrolle ihrer Defizitfinanzierung aufbringt, dann könnte dies Panikreaktionen hervorrufen, was die Zinsen und damit die staatliche Zinslast in die Höhe treiben würde, wodurch ein gefährlicher Teufelskreis in Gang käme.
In einer im vergangenen Monat veröffentlichten Studie mit dem Titel „Growth in a Time of Debt“ (Wachstum in Zeiten der Verschuldung) gelangen die Wirtschaftswissenschaftler Kenneth Rogoff (Universität Harvard) und Carmen Reinhart (Universität Maryland) nach Auswertung historischer Datenreihen zu dem Ergebnis, dass sich das Wachstum hoch entwickelter Volkswirtschaften merklich verlangsamt, wenn ihre Schuldenquote 90 Prozent überschreitet. (Die Schulden umfassen hierbei sämtliche privaten und öffentlichen Zahlungsverpflichtungen der Volkswirtschaft). Nach Angaben des Office of Management and Budget der Obama-Regierung lag die Schuldenquote im Fiskaljahr 2009 bei 83 Prozent und dürfte im laufenden Jahr auf 94 Prozent, 2011 auf 99 Prozent und 2012 auf 101 Prozent steigen. Die Verschuldung könnte sogar noch weiter zunehmen, wenn Obama mit seinen Vorhaben scheitert, die unter der Präsidentschaft von George W. Bush vorgenommenen Steuererleichterungen für Amerikaner mit einem Jahreseinkommen von mehr als 250.000 Dollar auslaufen zu lassen und fortan weite Teile des Etats für drei Jahre einzufrieren, wobei Ausgaben für innere Sicherheit, Verteidigung, Energie, Entwicklungshilfe, Bildung und Sozialprogramme ausgenommen sind.
Die Erfahrung der Vereinigten Staaten mit massiver Staatsverschuldung geht bis unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg zurück, als die Regierung den Gürtel enger schnallte, um die im Zuge der Kriegsfinanzierung angehäuften Schulden abzubauen, woraufhin die Wirtschaft in die Rezession fiel. In einem Interview sagte Rogoff, dass das Vertrauen der Investoren heute größeren Anlass zur Sorge gebe als damals. „Kriegsausgaben ließen sich leicht zurückführen. Zudem konnte man auf eine große Erwerbsbevölkerung als Wachstumsmotor zurückgreifen.“ Heute stelle sich die Lage dagegen anders dar: Die Kürzung von Ausgaben sei schwierig und die Wirtschaft scheine außerstande, die große Zahl von Arbeitslosen aufzunehmen. Es sei daher „weitaus schwieriger, die Märkte davon zu überzeugen, dass man es ernst meint, was auch Obama noch am eigenen Leib erfahren wird“, so Rogoff.
Lassen sich Staatsausgaben genügend stark kürzen?
Rogoff zufolge könnte für die Vereinigten Staaten die Schwelle der Schuldenquote diesmal oberhalb von 90 Prozent liegen, was den Spielraum der Regierung um ein paar Jahre ausweite. Außerdem könnte die Reaktion der Investoren weniger abrupt erfolgen als im Fall Griechenlands. Doch selbst wenn es langsamer vonstatten gehe, lasse sich das Ganze nicht aufhalten, ist Rogoff überzeugt.
Auch für die Wirtschaftswissenschaftler Nancy Marion (Dartmouth College) und Joshua Aizenman (Universität von Kalifornien) lassen sich aus den Erfahrungen der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte der Vereinigten Staaten Lektionen für die Wirtschaft ableiten. Sie gelangen allerdings zu einer positiveren Schlussfolgerung. In einer neuen Studie mit dem Titel „Using Inflation to Erode the U.S. Public Debt“ (Abbau der amerikanischen Staatsverschuldung durch Inflation) belegen sie, dass sich das durchschnittliche Wirtschaftswachstum im Nachkriegsjahrzehnt erstaunlich gut entwickelt habe. Die Inflation sei zwar höher gewesen, wodurch jedoch auch die reale Schuldenlast des Staates und damit die Belastung der Steuerzahler geringer ausgefallen sei. Dies könnte sich heute wiederholen. Die Idee, „Schulden mit Hilfe der Inflation abzutragen, ist nicht weit hergeholt“, schreiben sie.
Die Idee ist vielleicht nicht weit hergeholt, sie wäre allerdings ein Spiel mit dem Feuer. In einem Interview räumt Aizenman denn auch ein, dass Investoren rasch aussteigen könnten, wenn sie zu dem Schluss kämen, dass die amerikanische Regierung die Inflation vorsätzlich anheizen würde. Durch die Globalisierung sind Kapitalverschiebungen zwischen Ländern heute sehr viel leichter möglich als in den 1940er-Jahren. Die Finanzkrise hat eindrücklich gezeigt, dass es in Windeseile zu einem weltweiten Flächenbrand kommen kann.
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