Zum dritten Mal seit der Finanzkrise beginnt die amerikanische Zentralbank Federal Reserve mit einem großen Programm zum Ankauf von Anleihen. Der Offenmarktausschuss teilte am Donnerstag mit, die Fed werde bis auf weiteres hypothekenbesicherte Wertpapiere der staatlichen Hausfinanzierer im Wert von 40 Milliarden Dollar im Monat kaufen. Die Zentralbank schloß zusätzliche Käufe anderer Wertpapiere nicht aus, sollten die Aussichten für den Arbeitsmarkt sich in den kommenden Monaten nicht substantiell verbessern.
Zusammen mit dem bis Jahresende befristeten Programm zur Verlängerung der Laufzeit der von der Fed gehaltenen Staatsanleihen und der Wiederanlage fälliger Schuldverschreibungen beläuft sich die Intervention nach Angaben der Fed schon jetzt auf rund 85 Milliarden Dollar im Monat. Die Fed will mit dem Anleihekauf Schuldverschreibungen aus dem Markt nehmen und so gerade die Zinssätze am Hausmarkt drücken, um Verbraucher zum Hauskauf und zum Konsum zu ermuntern.
An den Finanzmärken wurde der Fed-Entscheid positiv aufgenommen. Der Dow-Jones-Index schloss 1,55 Prozent im Plus. Die Preise für Öl und auch für Gold aber stiegen deutlich. Der Dollar gab nach. Ein Euro kostete zeitweise mehr als 1,30 Dollar. Die Rendite amerikanischer Staatsanleihe gab leicht auf 1,73 Prozent nach.
Leitzins soll bis 2015 auf „extrem niedrigem Niveau“ bleiben
Der Offenmarktausschuss verlängerte ferner seine zinspolitischen Leitlinien und sicherte zu, den Leitzins bis mindestens Jahresmitte 2015 auf „extrem niedrigem Niveau“ zu halten. Das Versprechen einer faktischen Nullzinspolitik ist indes wie zuvor an die weitere wirtschaftliche Entwicklung gebunden. 12 der 19 Mitglieder des Offenmarktausschusses halten eine Zinserhöhung frühestens im Jahr 2015 für geboten. Der Leitzins, die Fed Funds Rate, liegt seit Dezember 2008 bei 0 bis 0,25 Prozent.
Die Entscheidung fiel mit einer Gegenstimme von Jeffrey Lacker, dem regionalen Fed-Präsident aus Richmond. Andere regionale Fed-Präsidenten im Offenmarktausschuss lehnen eine weitere Lockerung der Geldpolitik ab. Sie haben derzeit aber kein Stimmrecht.
Sorge um amerikanische Konjunktur
Der Fed-Vorsitzende Ben Bernanke gab vor Journalisten kein klares Kriterium, wann die Fed die Anleihekäufe wieder einstellen werde. Die Fed wolle warten, bis eine dauerhafte Verbesserung der Wirtschaft und in den Arbeitsmarktbedingungen erreicht sei. „Wir werden nicht eilen, die Geldpolitik zu straffen“, sagte Bernanke, selbst wenn die Wirtschaft sich schneller erhole oder die Arbeitslosenquote sinke. Er mahnte mit Blick auf die Finanzpolitik zugleich, dass die Geldpolitik „nicht alle Übel heilen“ könne.
Die Fed begründete die neue Runde der quantitativen Lockerung, die an den Finanzmärkten QE3 genannt wird, mit der Sorge, dass die Arbeitslosenquote von zuletzt 8,1 Prozent nicht schnell genug sinke. Gemäß der Prognosen der Geldpolitiker wird die Arbeitslosenquote noch am Jahresende 2014 knapp 8 Prozent und Ende 2015 rund 7 Prozent betragen. Dabei vermutet die Fed, dass die Wirtschaft im kommenden Jahr um 2,5 bis 3 Prozent wachsen wird, leicht stärker als bislang vermutet. Für die Folgejahre prognostiziert sie ein Wachstum von 3 bis 3,8 Prozent. Das wäre deutlich höher als die inflationsneutrale Wachstumsrate, die die Fed bei rund 2,4 Prozent ansetzt. Inflationsdruck erwartet sie als Folge der Unterauslastung der Kapazitäten indes nicht.
Mit der Orientierung am Hypothekenmarkt ähnelt die neue Runde der quantitativen Lockerung dem ersten Ankauf von Anleihen während der Finanzkrise. Von November 2008 bis März 2010 hatte die Zentralbank für 1,725 Billionen Dollar überwiegend hypothekenbesicherte Wertpapiere gekauft. In der zweiten Runde der quantitativen Lockerung beschränkte sie sich von November 2010 bis Juni 2011 auf den Kauf von Staatsanleihen für 600 Milliarden Dollar. Seit September 2011 kauft die Fed für insgesamt rund 667 Milliarden Dollar in der „Operation Twist“ zudem langfristige Staatsanleihen und verkauft kurzfristige Anleihen, um die Fristigkeit ihres Portfolios zu verlängern.
Die Fed steht unter heftiger Kritik der Republikaner, die künftigen Inflationsdruck fürchten. Scort Garrett, der Vorsitzende eines wichtigen Finanzunterausschusses im Abgeordnetenhaus, nannte die Geldpolitik der Fed „radikal und beispiellos“. Garrett kritisierte, dass die Fed „tief im fiskalpolitischen Wasser“ stehe und ihre Unabhängigkeit aufs Spiel setze. Bernanke verwahrte sich gegen solche Vorwürfe: „Der Kauf von Anleihen ist nicht mit Ausgaben der Regierung zu vergleichen.“ Mitt Romney, der republikanische Präsidentschaftskandidat, hat für den Fall eines Wahlsieges schon angekündigt, er werde den im Januar 2014 endenden Vertrag des Fed-Vorsitzenden Ben Bernanke nicht verlängern.
Volkswirte von Geschäftsbanken halten den wirtschaftlichen Nutzen eines weiteren Ankaufs von Anleihen für wahrscheinlich gering. Eine knappe Mehrheit der befragten 51 Ökonomen hielt in einer Umfrage der Zeitung „Wall Street Journal“ noch vor der Fed-Entscheidung eine weitere Runde der quantitativen Lockerung in diesem Jahr für einen Fehler. 28 Volkswirte rieten der Fed, darauf zu verzichten. Nur 17 der befragten Volkswirte sprachen sich dafür aus.
Ökonomen kritisieren die Fed
Unter akademischen Ökonomen steht die Fed von zwei Seiten unter Kritik. Ökonomen wie Paul Krugman oder Michael Woodford verneinen, dass ein weiterer Anleihekauf noch sehr expansiv wirke. Ein Grund dafür ist nach ihrer Analyse, dass eine Erhöhung der Liquidität die Banken nicht zu einer höheren Kreditvergabe anregen wird. Schon jetzt haben die Banken Reserven von 1,5 Billionen Dollar bei der Fed geparkt. Woodford analysierte auf der Notenbankertagung Ende August in Jackson Hole, dass in den bisherigen Runden weniger die quantitative Lockerung, also der Ankauf von Anleihen, sondern die Erwartung über eine auch künftig lockere Geldpolitik die langfristigen Zinsen gedrückt habe.
Wie Krugman sieht er als verbleibendes effektives Mittel der Fed zur Stimulierung der Wirtschaft, dass sie die Zukunftserwartungen über die Geldpolitik verändere. So solle die Fed zusagen, die Zinsen auch noch nach Beginn eines kräftigen Aufschwungs für längere Zeit niedrig zu halten, und damit zeitweise eine höhere Inflation in Kauf nehmen. Mit ihren zinspolitischen „Leitlinien“ erfüllt die Fed diese Bedingung nicht, weil sie die künftige Niedrigzinspolitik immer an die wirtschaftliche Lage knüpft.
Kritiker befürchten höhere Inflationsrisiken
Woodfords Kritik blieb nicht unwidersprochen. Die Ökonomen von Goldman Sachs etwa analysieren, dass nach ihren empirischen Modellen auch der Anleihekauf für sich genommen die langfristigen Zinsen senkt. Insgesamt könne ein Ankauf von 500 Milliarden Dollar die Zehnjahreszinsen der amerikanischen Staatsanleihen (Treasuries) um etwa 30 Basispunkte senken. Am Donnerstag vor der Fed-Entscheidung lag die Rendite der Treasuries mit zehn Jahren Laufzeit bei etwa 1,7 Prozent.
Der Ausgangspunkt der akademischen Kritik von der Gegenseite ist ähnlich wie der von Woodford und Krugman, die Begründung indes anders. Ökonomen wie der den Republikanern nahestehende John Taylor von der Stanford Universität argumentieren, die hohen Reserven der Banken bei der Fed und die geringe Kreditvergabe gründeten in der Unsicherheit über die Wirtschaftslage und die Schuldenpolitik der Regierung. Ein abermaliger Ankauf von Staatsanleihen werde künftige Inflationsrisiken erhöhen und die Unsicherheit noch steigern, meint Taylor. Ein Grund dafür ist, dass die Fed mit dem Anleihekauf der Staatsverschuldung Vorschub leistet. Im Fiskaljahr 2010/2011 hatte die Fed allein 77 Prozent der neuen Schulden des Finanzministeriums übernommen. Wenn die Wirtschaft in Zukunft stärker wächst, wird die Fed diese Schuldscheine wieder in den Markt geben müssen. Das treibt nach Taylors Analyse die Zinsen dann noch mehr als ohnehin in die Höhe und werde die Unsicherheit über die Solidität des Schuldners Vereinigte Staaten noch verstärken.
Die große Depression...
Jan Frisch (Bunrakunier)
- 14.09.2012, 15:32 Uhr
Wert einer Währung ist Vertrauen, oder die Machtlosigkeit
Misstrauen durchzusetzen
Bernd Winkler (Langsamdenker)
- 14.09.2012, 12:14 Uhr
@Hans-Joachim Müller & Paul Rabe
Ronald Schlimm (ronslim)
- 14.09.2012, 10:27 Uhr
Die Fed behandelt Symptome, die schon Karl Marx vorraus gesehen hat
Paul Rabe (heidelpaul)
- 14.09.2012, 09:08 Uhr
Die Welt will betrogen sein
Dieter Ackermann (armerrentner)
- 14.09.2012, 02:47 Uhr