23.06.2009 · Es gilt als unwahrscheinlich, dass Amerikas Währungshüter am kommenden Mittwoch den Leitzins bereits wieder erhöhen. Dennoch macht sich die Fed Gedanken über einen Kursschwenk und berät über eine „Exit-Strategie“.
Von Claus Tigges, WashingtonEine Erhöhung des Leitzinses steht auf dem Treffen des geldpolitischen Rates der Federal Reserve (Fed) an diesem Dienstag und Mittwoch nicht zur Debatte. Doch die amerikanischen Währungshüter um ihren Vorsitzenden Ben Bernanke werden darüber beraten, zu welchem Zeitpunkt und auf welche Weise sie den Kurswechsel einleiten und zumindest einen Teil der im Zuge der Krise ausgeweiteten Liquidität aus dem Finanzsystem herausnehmen sollen. Die Erwartung zahlreicher Marktakteure, die Fed werde aufgrund der konjunkturellen Erholung gegen Jahresende den Zielzinssatz für Tagesgeld von seinem aktuellen Niveau zwischen 0 und 0,25 Prozent anheben, ist nach Einschätzung von Bankökonomen an Wall Street übertrieben.
Die Notenbanker, allen voran Bernanke, äußern seit einiger Zeit die Hoffnung, dass die schwere Rezession, in der Amerika seit Ende 2007 steckt, in diesem Jahr zu Ende gehen und 2010 zum Jahr eines behutsamen Aufschwungs wird. Doch sie vermitteln den Eindruck, dass sie noch auf weitere Hinweise auf eine konjunkturelle Wende warten wollen, ehe sie das Geldangebot verknappen.
Inflationsgefahr noch sehr gering
Zumal nach Ansicht Bernankes und vieler seiner Kollegen im Rat die Inflationsgefahr derzeit noch sehr gering ist. Die verhältnismäßig geringe Auslastung der Kapazitäten in den Unternehmen und die hohe Arbeitslosigkeit - die Quote beträgt 9,4 Prozent und dürfte noch weiter steigen - ließen keinen Spielraum für Preiserhöhungen, sagen die Währungshüter. Zumal der Kreditkanal nach wie vor nicht richtig funktioniert und das schnelle Geldmengenwachstum darum zunächst nur bedingt inflationär wirke. Bernanke rechnet sogar in den kommenden Monaten mit einem weiteren Rückgang der Verbraucherpreise.
„Die hohe Arbeitslosigkeit wird sicher einen Teil des Drucks hin zu einer Zinserhöhung von der Fed nehmen. Gleichwohl haben die Finanzminister der G 8 kürzlich sehr deutlich gemacht, dass die Wirtschaftspolitik über ein Ende der Krisenmaßnahmen nachdenken muss“, beschreibt Rob Carnell, Chefökonom von ING in London die Lage. Nach seiner Ansicht besteht zwar eine gewisse Gefahr eines zu frühen Kursschwenks der Fed, doch sei sie recht gering. Carnell hält es für möglich, dass der Rat den Kauf zusätzlicher amerikanischer Staatsanleihen direkt vom Finanzministerium in Aussicht stellen wird, um einen weiteren Anstieg der Kapitalmarktzinsen zu verhindern.
Kürzung der Fed-Bilanz schwierig
In der Tat stellen sich die Akteure auf dem Anleihemarkt darauf ein, dass das Treffen ein Signal in die eine oder andere Richtung senden wird. Am Montag lag die Rendite der maßgeblichen amerikanischen Staatsanleihe auf 3,71 Prozent, 1 Prozentpunkt höher als Anfang April.
„Die Ausweitung der Bilanz der Fed war eines der wichtigsten Instrumente im Kampf gegen die Krise. Jetzt wird sich aber bald die Aufmerksamkeit darauf richten, wie die Bilanz wieder verkürzt wird“, sagt Ajay Rajadhyaksha von Barclays Capital in New York. Am einfachsten wäre es natürlich, wenn die Fed schlicht jene Wertpapiere wieder verkaufte, die sie in den vergangenen Monaten erworben habe. „Das dürfte aber in der Praxis sehr schwierig sein“. Das gelte vor allem mit Blick auf die Anleihen, die mit Forderungen aus Hypothekendarlehen abgesichert seien. Auf dem Markt für diese Papiere könnte es zu erheblichen Turbulenzen kommen, gäbe die Fed ihre Anleihen in großem Umfang wieder ab.
Eine andere Möglichkeit zur Bilanzverkürzung wären zusätzliche Verbindlichkeiten, beispielsweise durch die Ausgabe eigener Fed-Anleihen. „Das setzt allerdings die Zustimmung des Kongresses voraus“, sagt Rajadhyaksha. Die Fachleute von Barclays Capital sagen voraus, dass die Rendite der zehnjährigen amerikanischen Staatsanleihe in einem Jahr rund 4,5 Prozent betragen wird. Sie rechnen gleichwohl nicht damit, dass die Fed über die angekündigten 300 Milliarden Dollar hinaus Staatsanleihen kaufen wird. Eine steilere Zinskurve stehe durchaus im Einklang mit einer beginnenden Konjunkturerholung.