06.11.2009 · Die amerikanische Zentralbank hält an der extrem lockeren Geldpolitik fest. Dabei hat die Politik des billigen Geldes einige unerwünschte Nebenwirkungen, etwa die ebenso extreme Rohstoffspekulation und eine fortgesetzte Dollarschwäche.
Der Offenmarktausschuss der Fed entschied in seiner Sitzung am 3. und 4. November dafür, der kränkelnden amerikanischen Wirtschaft auch weiterhin die starke Medizin billigen Geldes zu verabreichen, auch wenn diese mit unerwünschten Nebenwirkungen einhergeht, etwa der spekulationsgetriebene Anstieg des Goldpreises. Die Mitglieder des Gremiums sprachen sich einhellig dafür aus, den Zielsatz für Tagesgeld auf seinem Tiefststand zwischen 0 und 0,25 Prozent zu belassen, und sie ließen durchblicken, dass mit einer Zinsanhebung bis auf Weiteres nicht zu rechnen sei.
„Die Inflation wird für einige Zeit gedämpft bleiben“, verkündete die Fed in ihrer am 4. November veröffentlichten Erklärung und fügte an, dass das schwache Wirtschaftsumfeld „wahrscheinlich für einen längeren Zeitraum einen außergewöhnlich niedrigen Zielsatz für Tagesgeld erforderlich macht“.
Diese Entscheidung der Fed war zwar erwartet worden, fiel jedoch nicht leicht. Positiv ist, dass dieses niedrige Zinsniveau, zu dem sich Banken untereinander Tagesgeld leihen, allmählich zur Ankurbelung der Wirtschaft beiträgt. Negativ ist hingegen, dass die Flut billigend Geldes die Spekulation anheizt, den Goldpreis auf neue Rekordhochs jenseits der 1.100 Dollar je Feinunze treibt und die Schwäche des Dollars gegenüber ausländischen Währungen begünstigt. Wenn der Goldpreisanstieg und der Wertverfall des Dollars von der Öffentlichkeit als Signale aufkeimender Inflation interpretiert werden, dann gerät die Fed in eine verzwickte Lage, da die Erwartungen anziehender Preise zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden können.
Keine Anzeichen eines Kurswechsels
Zum jetzigen Zeitpunkt scheint der Offenmarktausschuss die Ansicht zu vertreten, dass die Inflationsgefahr angesichts der Konjunkturschwäche vorerst nicht akut ist und die Spekulation zwar eine bedauernswerte, aber handhabbare Nebenwirkung darstellt. Die Fed belässt die Leitzinsen weiterhin auf dem niedrigsten Stand ihrer Geschichte in der Hoffnung, damit eine stärkere Kreditvergabe anzustoßen, um so die konjunkturelle Erholung zu unterstützen.
Beobachter der Fed haben sich gefragt, ob die Währungshüter angesichts der ersten Anzeichen einer konjunkturellen Aufhellung von der Formulierung „für einen längeren Zeitraum“ abrücken werden. Doch die Fed hält an ihrem Kurs fest. Der größte Unterschied gegenüber der am 23. September verlautbaren Erklärung besteht darin, den Umfang der Käufe von Schuldtiteln der unter staatlicher Kontrolle befindlichen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac zur Stützung des Häusermarktes geringfügig von 200 auf 175 Milliarden Dollar zu verringern.
Die vom Offenmarktausschuss demonstrierte einmütige Entschlossenheit zur Verabreichung der Medizin des billigen Geldes mag verwundern, sind doch einige Ausschussmitglieder als „Inflationsfalken“ bekannt. Eine Erklärung hierfür könnte sein, dass selbst die Falken der Fed von der Schwere der Finanz- und Wirtschaftskrise geschockt waren und der Meinung sind, dass die Wirtschaft für eine Zinsanhebung noch nicht reif sei.
„Diejenigen, die sich jedes Wochenende intensiv mit der Krise befassen, wissen genau, wie zerbrechlich die Erholung ist“, sagt Ethan Harris, Chefvolkswirt Nordamerika bei Bank of America Merrill Lynch. Während die Falken letztlich eine Zinsanhebung anstreben, „ist der Abstand zwischen den Superfalken und den Tauben kurzfristig recht gering“, so Harris.
Auf den Rohstoff- und Devisenmärkten sind „Inflationstauben“ dagegen selten anzutreffen. Am 4. November stieg der Goldpreis vor Veröffentlichung der Fed-Entscheidung um fast sieben Dollar auf ein neues Rekordhoch von etwa 1.092 Dollar je Feinunze. In einem Bloomberg-Interview prophezeite Rohstoff-Guru Jim Rogers, dass der Goldpreis im kommenden Jahrzehnt auf mindestens 2.000 Dollar je Feinunze klettern werde. Rogers sah auch Probleme auf den Dollar zukommen, der seit Anfang März gegenüber einem Korb der wichtigsten Weltwährungen rund 15 Prozent an Wert verloren hat.
Enorme ungenutzte Kapazitäten im Wirtschaftskreislauf
Auch am Ölmarkt hat die Spekulation Spuren hinterlassen, wo der Preis für ein Fass Rohöl derzeit um die Marke von 80 Dollar pendelt, was einem Anstieg von fast 60 Prozent seit Jahresbeginn entspricht, und das trotz ausreichend vorhandener Lagerbestände. Einige Investoren kaufen Rohöl-Terminkontrakte, weil sie damit rechnen, dass diese an Wert gewinnen, wenn der Dollar fällt.
Eine weitere Sorge der Fed sind Zinsdifferenzgeschäfte, bei denen Investoren zinsgünstige Kredite in Dollar aufnehmen und diese Mittel in höher verzinsten Valuta wie dem australischen Dollar oder der norwegischen Krone anlegen. Seltsamerweise nahmen Händler diese „Carry Trades“ in Reaktion auf erste Anzeichen einer Wiederbelebung der amerikanischen Wirtschaft vor, wahrscheinlich in der Annahme, dass sich eine Erholung in den Vereinigten Staaten positiv auf alle anderen Staaten auswirken werde, Australien und Norwegen eingeschlossen. Bis zu einem gewissen Grad ist eine Abwertung des Dollars von Vorteil, da sie die Wettbewerbsfähigkeit amerikanischer Güter auf den Weltmärkten verbessert. Allerdings heizt ein schwächelnder Greenback in der Regel auch die Inflation an.
Der Hauptgrund, weshalb die Fed all diese Warnsignale der Inflation bislang ignoriert hat, besteht darin, dass die Inflation selten zum Problem wird, solange sich enorme ungenutzte Kapazitäten - mangelnde Produktionsauslastung zahlreicher Unternehmen und hohe Arbeitslosigkeit - im Wirtschaftskreislauf befinden. „Unternehmen fahren Anlageinvestitionen und Mitarbeiterzahlen weiter zurück, wenngleich in einem langsameren Tempo“, schreibt die Fed in ihrer Erklärung.
Rückendeckung erhält die Fed auch vom Rentenmarkt, der sensibel auf Inflation reagiert, da sie den Wert festverzinslicher Wertpapiere aufzehrt. Derzeit zeigen sich die Anleiheinvestoren mit Blick auf den Preisauftrieb nicht sonderlich besorgt: Für zehnjährige Staatsanleihen akzeptieren sie aktuell eine Rendite von nur rund 3,5 Prozent, während sie vor etwas mehr als zwei Jahren noch fünf Prozent forderten.
Die Finanzmärkte reagierten umgehend auf die Fed-Erklärung. Kurze Zeit nach der um 20.15 Uhr deutscher Zeit veröffentlichten Verlautbarung stieg die Rendite zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen von 3,5 auf 3,54 Prozent, worin sich eine etwas größere Sorge des Marktes widerspiegelte, dass die Fed die Inflation auf die leichte Schulter nehmen könnte. Der marktbreite Aktienindex S&P-500 konnte seine zuvor erzielten Kursgewinne halten und lag 1,1 Prozent höher bei 1.057 Punkten.
Erwünschte Nebenwirkungen?
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 09.11.2009, 00:21 Uhr