26.10.2004 · Anleihe-, Devisenmärkte und Ökonomen rechnen mit anhaltend tiefen Zinsen in Amerika. Das zeigen die Kursentwicklungen und eine Umfrage von Bloomberg. Nur eine Minderheit rechnet mit einer Zinserhöhung im Dezember.
Die amerikanische Federal Reserve Bank wird die Anleger im Dezember überraschen, indem sie erneut den Leitzinsen anhebt, sagen Ökonomen bei Goldman, Sachs & Co. und JPMorgan Chase & Co. voraus.
In einer Bloomberg-Umfrage unter den 22 Primärhändlern, die direkt mit der Federal Reserve Geschäfte machen, waren sich alle Befragten einig, daß im November eine Zinserhöhung um einen Viertelprozentpunkt auf zwei Prozent ansteht. Lediglich sechs Banken, unter ihnen Goldman und JPMorgan, erwarten, daß die Fed im Dezember erneut an der Zinsschraube dreht.
Amerikanischer Leitzins im Vergleich mit dem Wachstum zu tief
Der Offenmarktausschuß der Fed hat auf jeder seiner drei vergangenen Sitzungen die Leitzinsen um jeweils einen Viertelprozentpunkt angehoben. Das derzeitige Zinsniveau von 1,75 Prozent entspricht jedoch eher einer Volkswirtschaft, die sich in einer Rezession befindet, als einer mit einer jährlichen Wachstumsrate von vier Prozent, heben die Ökonomen der sechs Banken hervor. Im Mai erklärte die amerikanische Notenbank, sie werde die Zinsen in einem "maßvollen" Tempo anpassen. "Die Konjunkturdaten müßten schon sehr schwach ausfallen, um die Fed davon abzubringen", kommentierte Edward McKelvey, leitender Volkswirt bei Goldman Sachs in New York.
Neben Goldman und JPMorgan rechnen auch BNP Paribas Securities , Barclays Capital , Mizuho Securities USA und RBS Greenwich Capital Markets mit einem amerikanischen Leitzinssatz von 2,25 Prozent zum Jahresende. Im historischen Rückblick haben sie nur geringe Chancen, recht zu behalten. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat die Fed lediglich zweimal, nämlich 1988 und 1986, im Dezember die Zinsen angehoben. Dagegen hat sie seit 1984 siebenmal im Dezember die Zinsen gesenkt, zuletzt im Jahr 2001.
Notenbank muß inflationären Entwicklungen vorbeugen
Die amerikanische Volkswirtschaft wird in diesem Jahr wahrscheinlich 4,4 Prozent wachsen, so die Medianprognose der 63 von Bloomberg befragten Ökonomen. Zuletzt lag die Wachstumsrate im Jahr 1999 über vier Prozent, und Ende 1999 lag der Leitzins bei 5,5 Prozent. RBS Greenwich erwartet für das dritte Quartal ein Wirtschaftswachstum von 4,6 Prozent und für das laufende Quartal 4,3 Prozent. "Das sollte ausreichen, um die Fed zu einer weiteren Zinsanhebung nach November zu bewegen", erklärte Stephen Stanley, Chefvolkswirt bei RBS Greenwich.
Auch dürfte die Fed nicht riskieren, daß die Inflation anzieht, weil die Zinsen zu lange niedrig waren, argumentieren die Ökonomen, die im Dezember höhere Zinsen erwarten. Im September lag die Kerninflation ohne Nahrungsmittel und Energie bei zwei Prozent, so hoch wie seit November des Jahres 2002 nicht mehr. Gegenüber dem Vormonat stiegen die Preise 0,3 Prozent, während die Volkswirte 0,2 Prozent erwartet hatten.
Ein weiteres Argument ist der amerikanische Arbeitsmarkt. Werden im Oktober und November weitee Stellen geschaffen, wird die Fed sowohl im November als auch im Dezember die Zinsen erhöhen, sagte Brian Fabbri, Chefökonom bei BNP Paribas in New York. Für Henry Willmore, Chefvolkswirt bei Barclays Capital in New York, liegt eine wichtige Begründung für eine Zinserhöhung im Dezember darin, daß Notenbankchef Alan Greenspan in seinen öffentlichen Äußerungen der letzten Zeit keine Pause angekündigt hat.
Wird der hohe Ölpreis das Wirtschaftswachstum dämpfen?
Die Ökonomen, die im Dezember keine Zinserhöhung erwarten, führen vor allem den hohen Ölpreis an, der die Konsumausgaben bremsen kann. "Solange wir nicht einen deutlichen Rückgang beim Ölpreis bekommen, ist es schwer zu erwarten, daß die Konsumausgaben so gut ausfallen wie im dritten Quartal", erläuterte Robert DiClemente, Chefvolkswirt USA bei Citigroup Global Markets in New York. Der Ölpreis ist in den vergangenen zwölf Monaten rund 81 Prozent gestiegen. Am Montag markierte er bei 55,67 Dollar je Barrel einen erneuten Rekord.
Die Zinsentscheider der Fed werden wahrscheinlich auf die Zahlen vom Weihnachtsgeschäft als Indikator für die Konsumausgaben warten, prognostiziert Eric Green, leitender Volkwirt bei Countrywide Securities in Calabasas, Kalifornien. Im Schnitt erzielen Einzelhändler im Weihnachtsgeschäft 25 Prozent des gesamten Jahresumsatzes. Auch die kurze Zeitspanne von nur 34 Tagen zwischen den Sitzungen im November und im Dezember macht eine Pause wahrscheinlicher, führt John Ryding, Chefvolkswirt bei Bear, Stearns & Co. in New York, aus.