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„Abenomics“ : Japans Geldpolitik läuft ins Leere

  • Aktualisiert am

Bank of Japan: Zinsdruck in die falsche Richtung Bild: REUTERS

Die japanische Notenbank bemüht sich nach Kräften, die Zinsen zu senken, um die Wirtschaft anzukurbeln, doch scheint sie genau das Gegenteil zu erreichen.

          Niedrige Zinsen sind gut für die Konjunktur. Diese Erkenntnis ist keineswegs erst mit dem neune japanischen Ministerpräsidenten Shinzo Abe gekommen, dessen auch „Abenomics“ genannte Politik mit niedrigen Zinsen und höheren Staatsausgaben das Land endlich aus der Stagnation und Deflation führen soll.

          Doch irgendwie scheint es nicht so zu funktionieren wie gewünscht. Zum einen bricht der Regierung der Kurs der Landeswährung Yen weg. Allein seit Mitte November ist der Wechselkurs gegenüber dem Dollar um 30 Prozent gefallen. Schon stehen Wirtschaftsminister Akira Amari Inflationssorgen im Gesicht. Höhere Inlandspreise für vor allem für Rohstoffe und Energie könnten das Wachstum abwürgen, ehe es begonnen hat.

          Zinsen steigen statt zu fallen

          Nun gibt es auch auf der Zinsseite schlechte Nachrichten. In den vergangenen Tagen sind die Renditen japanischer Staatsanleihen deutlich gestiegen, obgleich die Bank of Japan (BoJ) in großem Umfang Anleihen kauft. Da diese durch mehr Nachfrage teurer werden sollten, sollte ihr Ertrag (Rendite) eigentlich sinken. Über niedrigere Zinsen sollten Unternehmen und Privatpersonen billig Kredite aufnehmen können.

          Zunächst schienen die Maßnahmen zu funktionieren. Als die Bank of Japan Anfang April massive Anleihekäufe ankündigte, fiel die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen auf ein Rekordtief von 0,441 Prozent. Doch zu Monatsbeginn stieg sie sprunghaft an und ist mit 0,874 Prozent so hoch wie seit 11 Monaten nicht mehr. Einige Banken hätten wegen des Renditeanstiegs schon die Kreditzinsen erhöhen müssen. Die Regierung scheint auch hier nervös. Man werde den Anleihemarkt sorgfältig beobachten, sagte Yuko Obuchi, Staatssekretärin im japanischen Finanzministerium.

          Zu wenig Käufer am Markt

          Als Ursache gilt, dass es außer der Notenbank kaum Käufer für japanische Staatsanleihen gibt. Mit dem Fallen des Wechselkurses wurden aber japanische Staatsanleihen für Ausländer unattraktiver, weil ihr Gegenwert in ausländischer Währung deutlich sank. Zudem stiegen aufgrund der Erholung der amerikanischen Wirtschaft in Übersee Aktienkurse und Renditen, was die Risikofreude weckte. Der „sichere Hafen“ Japan war weniger gefragt.

          Darüber hinaus verunsichert die starke Präsenz der BoJ am Anleihemarkt Händler und Fondsmanager. Die Notenbank kauft jeden Monat japanische Staatsanleihen für über 7 Billionen Yen und absorbiert damit über 70 Prozent der Neuemissionen. Das lässt anderen Anlegern kaum Raum. In dem illiquiden Markt kommt es zu übertrieben starken Kursausschlägen, sobald jemand nervös werde und Positionen abbaue. Eine eigentlich risikoarme Anlageklasse sei plötzlich mit Risiken behaftet, merkt Manabu Tamaru an, Leitender Investmentmanager bei Baring Asset Management in Japan. Anleger forderten daher eine Prämie.

          Sorge um Renditen in Amerika

          Eine Risikoprämie wäre nach Meinung von Hiroki Sato von Tokio Marine Asset Management auch das einzige, worauf die Bank of Japan noch Einfluss nehmen könnte. Streng genommen sei aber gar keine Risikoprämie mehr vorhanden. Sato erwartet, dass die Renditen japanischer Staatsanleihen in der zweiten Hälfte des Jahres im Einklang mit den amerikanischen Renditen steigen werden, wenn die amerikanische Notenbank aus der lockeren Geldpolitik aussteige.

          Noriatsu Tanji von Barclays Securities Japan ist dagegen überzeugt, dass die Anleihekäufe der Notenbank die Zinsen letztlich drücken werden. Allerdings glaubt auch er, dass die geringe Liquidität des Anleihemarkts diesen anfälliger macht. Das gilt vor allem für die Renditen amerikanischer Schatzanweisungen: „Wenn die Rendite zehnjähriger Treasurys über 2 Prozent steigt, welches Renditeniveau wäre dann für japanische Anleihen angemessen?“

          Dieses Szenario scheint derzeit noch weit weg. Gleichwohl bereitet es der japanischen Zentralbank Schwierigkeiten, die Zinsen niedrig zu halten. Die Bank of Japan selbst sieht ihre Möglichkeiten offenbar als weitgehend ausgeschöpft an. „Wir haben jetzt alle notwendigen Maßnahmen in Gang gebracht“, sagte Notenbankgouverneur Haruhiko Kuroda im April, nachdem er die Pläne der Bank of Japan zum Anleihekauf vorgestellt hatte.

          Der jüngste plötzliche Anstieg der Zinsen wird bei der zweitägigen Ratssitzung am Dienstag und Mittwoch ein zentrales Thema sein. Die Währungshüter wollen über die Risiken und Effekte sprechen, die mit ihrem neuen Inflationsziel von zwei Prozent verbunden seien, berichtete die Zeitung Nikkei.

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