Die Euro-Schuldenkrise schürt bei den Deutschen die Angst vor einer deutlichen Geldentwertung. Nicht geringer werden die Sorgen auch dadurch, dass nicht nur die amerikanische und japanische sondern auch die europäische Zentralbank (EZB) eine sehr expansive Geldpolitik betreibt.
So hat bekanntlich die europäische Notenbank ihren Leitzins erst im November und Dezember in zwei Schritten um jeweils 0,25 Prozent auf den historischen Tiefstand von 1,0 Prozent gesenkt. Außerdem hat sie jüngst an die Banken zu diesem Zinssatz eine Rekordsumme von 489 Milliarden Euro über drei Jahre ausgeliehen.
Die Analysten der österreichischen Raiffeisen Research GmbH geben sich mit Blick auf die Inflation aber dennoch gelassen. Sie sehen wegen der Aktivitäten der EZB keine unmittelbaren Inflationsgefahren. Weder durch Staatsanleihenkäufe noch durch eine hohe Kreditvergabe sei die Preisstabilität gefährdet, schreiben sie in einer Studie.
Anleihenankaufprogramm der EZB noch vergleichsweise gering
Zur Begründung verweisen sie unter anderem auf das im Vergleich mit anderen großen Zentralbanken deutlich geringere Anleihenankaufprogramm der EZB. Demnach entsprechen die bis Ende 2011 von der EZB getätigten Staatsanleihenkäufe im Volumen von 211 Milliarden Euro nur rund 2 Prozent der Wirtschaftsleistung der Eurozone. Andere Notenbanken seien hier bereits viel generöser zu Werke gegangen (siehe Grafiken).
Auch wenn EZB ihre Staatsanleihenkäufe auf 1000 Milliarden Euro ausweite, was dem gemeinsamen Finanzierungsbedarf von Italien und Spanien über die nächsten drei Jahre gleichkomme, würden diese Anleihenkäufe nur rund 10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes entsprechen. Selbst eine Erhöhung der Geldmenge in der Eurozone über die nächsten drei Jahre von insgesamt rund 10 Prozent oder rund 3 Prozent pro Jahr sei viel zu wenig für ein Inflationsproblem.
EZB-Kredite an Banken mehr Krisenpuffer als Inflationsgefahr
Bekanntlich gibt die EZB dem Bankensystem derzeit verstärkt Kredite, um Liquiditätsengpässe bei Banken zu verhindern. Die Summe aus hellblauer und dunkelblauer Fläche in der Grafik EZB-Kredite an den Bankensektor zeigt deren Höhe von aktuell 873 Milliarden Euro.
Ein Gutteil dieser Liquidität werde von den Geschäftsbanken gleich wieder bei der EZB angelegt (rote Linie, aktuell 452 Milliarden Euro), und der Rest ersetze im Wesentlichen fehlende Inter-Banken-Kredite im Finanzsystem. Die dadurch tatsächlich im Finanzsystem zusätzlich geschaffene und damit potenzielle Inflation verursachende Liquidität ist nach Einschätzung von Raiffeisen Research minimal.
Geldmengenwachstum und Kreditwachstum in der Eurozone derzeit sogar zu schwach
Zumal diese zusätzlich im Finanzsystem geschaffene Liquidität mangels Kreditwachstum zum größten Teil innerhalb des Finanzsystems gefangen bleibe. Sie gelange folglich nicht in die breite Wirtschaft, wo sie über eine starke Ausweitung der Geldmenge zu Inflationsdruck führen würde.
Als Folge davon sei das Geldmengenwachstum in der Eurozone deshalb derzeit sogar zu niedrig (siehe Grafiken). Sie liege unter dem Zielwert der EZB von 4,5 Prozent p.a. und werde 2012 weiter fallen. Von Inflationsgefahr auf Grund der EZB-Maßnahmen sei deshalb nichts zu sehen.
Inflation vermutlich auf dem Rückzug
Durch die EZB entsteht laut Raiffeisen Research kein Inflationsdruck auf Grund einer zu lockeren Geldpolitik. 2012 sei durch Rezession und vermutlich nicht weiter steigenden Ölpreise (siehe Grafiken) sogar ein deutlicher Inflationsrückgang unter 2 Prozent zu erwarten.
Auch längerfristig auf Sicht von 5 Jahren wird von den Analysten die Inflationsrate im Schnitt bei rund 2 Prozent, und nur in einzelnen Jahren mit starkem Ölpreisanstieg deutlich darüber gesehen. Gehe die Schuldenkrise weiter und dauere die Rezession länger als erwartet, drohten sogar eher „japanische Verhältnisse“ mit Deflationsrisiken.
Zinsen dürften historisch niedrig bleiben
Bei ihren internen Prognosen für 2012 gehen die Österreicher in der Eurozone wegen der Rezession und einer fallenden Inflation von anhaltend tiefen Leitzinsen im Bereich von 1,0 Prozent oder eventuell sogar noch tiefer aus (siehe Grafiken). Vorsichtige Leitzinsanhebungen dürften demnach erst 2013 wieder ein Thema werden.
Zinsen auf lang laufende deutsche Staatsanleihen dürften kurzfristig, zumindest bei einer sich nochmals zuspitzenden Euro-Schuldenkrise noch etwas sinken. Auf Jahressicht und darüber hinaus rechnet man dann aber wieder mit steigenden langfristigen Zinsen. Denn das sei typisch wenn eine Rezession überwunden werde und folglich sei mit Kursrückgängen bei langen Laufzeiten zu rechnen. Der Rat an Zinssparer lautet deshalb, ab dem ersten Quartal 2012 lange Laufzeiten wie etwa 10-jährige Anleihen zu meiden.
Nach der Krise muss EZB Liquidität aber wieder abschöpfen
Als allgemeinen Freibrief wollen die Analysten von Raiffeisen Research ihre derzeitige Gelassenheit mit Blick auf mögliche Inflationsgefahren aber nicht verstanden wissen. Vielmehr stellen sie ausdrücklich klar, dass nach der Krise die Liquidität von der EZB auch wieder abgebaut werden müsse. Geschehe das nicht, sei die Basis gelegt für einen Kreditboom in Verbindung mit früher oder später zweistelligem Kredit- und Geldmengenwachstum und als eine weitere Folge davon hoher Inflationsraten.
Gleichzeitig geben sie aber auch hier Entwarnung. Denn aus ihrer Sicht stellt die Umsetzung dieser Forderung technisch kein Problem dar. So könne die EZB dann Staatsanleihen einfach wieder verkaufen und Kredite nicht verlängern. Und man geht auch davon aus, dass bei der EZB der Wille dazu besteht. Schließlich gebe es nach Überwinden der Krise keinen Grund mehr, den Banken weiterhin Kredite in so hohem Umfang zu geben und weiter Staatsanleihen von Peripherieländern zu kaufen.
Computermodelle - ach ja
Carolus Doomdey (Domday)
- 07.01.2012, 00:06 Uhr
