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Anleihemarkt : Markt spekuliert über Behandlung privat gehaltener Griechen-Anleihen

  • Aktualisiert am

Was passiert mit den griechischen Anleihen der Privatanleger? Bild: dpa

Die EU hat sich mit den Banken bei griechischen Staatsanleihen auf einen Schuldenschnitt geeinigt. Noch unklar ist, was das für die von privaten Sparern gehaltenen Papiere bedeutet. Das führt zu heftigen Spekulationen.

          Auf dem 14. Euro-Gipfeltreffen seit Beginn der Euro-Krise vor 21 Monaten haben sich die Staats- und Regierungschefs der 17 Euroländer mit den Banken auf neue Details zum Schuldenschnitt bei griechischen Staatsanleihen geeinigt. Statt wie im Juli vereinbart, sollen sie jetzt einen Abschlag von 50 Prozent statt von 21 Prozent hinnehmen.

          Um offiziell einen Kreditausfall zu vermeiden wurde das Paket so gestrickt, dass es auf freiwilliger Basis beruht. Denn so hofft man negative Auswirkungen auf das Rating Griechenlands und die damit dann verbundenen negative Kettenreaktionen vermeiden zu können.

          Bei dem Verhandlungsmarathon konzentrierten sich die Verantwortlichen auf die Behandlung der großen Gläubiger aus dem Bankensektor. Was mit den von privaten Anlegern gehaltenen Griechen-Anleihen passieren soll, darüber war bisher noch wenig zu hören. Die damit verbundenen Unklarheiten führen am Markt zu einem großen Rätselraten.

          Kurse der kurz laufenden Griechenland-Anleihen legten kräftig zu

          „Was mit den Griechenland-Anleihen der Privatanleger passiert, das fragen wir uns hier auch alle. Bis jetzt kann diese Frage noch niemand beantworten. Man hat sich bisher vermutlich auf die Behandlung der großen Adressen konzentriert. Auf eine über den Bankenverband geschickte entsprechende Anfrage haben wir bisher jedenfalls noch keine Antwort erhalten“, berichtet Klaus Stopp, Leiter Rentenhandel bei der Baader Bank.

          Ähnlich sieht das auch Ursina Kubli, Volkswirtin bei der Bank Sarasin: „Das ist eine der großen Fragen, welche zur Zeit noch nicht geklärt ist. Wichtig ist, dass der Schuldenschnitt als „freiwillig“ gewertet wird – da ansonsten CDS ausgelöst werden, was wiederum die Unsicherheiten zwischen den Banken erhöhen würde. Es könnte jedoch sein, dass ein freiwilliger Mehrheitsbeschluss der grössten Banken bereits ausreicht, damit der Schuldenschnitt als freiwillig gilt. Dann könnten private Anleger sehr wohl zu einem Schuldenschnitt gezwungen werden.

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          Am Markt selbst scheinen das viele Investoren dagegen etwas anders zu sehen. Zumindest verbuchten am Donnerstag nach dem Beschluss des EU-Gipfels die kurz laufenden Griechen-Anleihen deutliche Aufschläge. So sprang der Kurs der bis zum 20. März 2012 laufenden Griechenland Anleihe mit der Isin GR0110021236 von 51,85 Prozent auf 60,00 Prozent und das bis zum 18. Mai 2012 laufende Papier mit der Isin GR0124018525 kletterte von 46,31 Prozent auf 53 Prozent. Auch der Titel mit der Isin GR0114020457 und einer Laufzeit bis zum 20. August 2012 rückte von 42,53 Prozent auf 50,55 Prozent vor.

          Die Kurse notieren somit teilweise deutlich über dem mit den Banken vereinbarten 50-prozentigen Schuldenschnitt. Einige Anleger scheinen somit zu ähnlichen Schlüssen zu kommen, wie Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise. „Die Privatanleger werden nicht einbezogen. Ob das noch kommt, wird von der weiteren Entwicklung in Griechenland abhängen. Zum jetzigen Zeitpunkt könnte man allenfalls überlegen, privaten Anlegern einen freiwilligen Umtausch zu den Konditionen der Banken und Versicherungen zu gewähren. Eine zwangsweise Einbeziehung der Privatanleger und Fondsanleger würde aber ein Kreditereignis darstellen, dann müssten wohl auch öffentliche Kredite und Bestände bei der EZB umgetauscht werden, es würden CDS-Kontrakte ausgelöst. Daher und auch wegen der Ansteckungsgefahr anderer Länder ist der „freiwillige“ Deal mit den Privatinstituten zurzeit der bessere Weg. Kurzläufer wären nach derzeitigem Stand zu 100 Prozent zurückzuzahlen. Aber andererseits werden länger laufende Anleihen von Privatanlegern wohl geraume Zeit in weiter Ferne von 100 Prozent notieren.“

          Spekulationen dürften bis auf Weiteres anhalten

          Auf den Aspekt der Freiwilligkeit der Umtauschmaßnahme konzentriert sich auch Michael Kappeler, Financial Economist bei LGT Capital Management, bei seinem Versuch, die Lage aus Sicht der Privatsparer zu beurteilen. „Es läuft alles auf freiwilliger Basis. Gezwungen wird niemand. Denn sobald es Zwangsmaßnahmen gibt, droht ein Rating-Problem.“ Ob die beschlossenen Maßnahmen ausreichen werden, um die EU-Krise abschließend einzudämmen, beurteilt Kappeler derzeit noch zurückhaltend. Für einige Monate sollte der Beschluss aber helfen, die Lage zu beruhigen. Für die privaten Inhaber der im Jahr 2012 auslaufenden Griechenland-Anleihen könnte diese Zeitspanne eventuell ausreichen. Weil noch sehr viele Punkte offen sind, warnt der LGT-Volkswirt aber davor, zu offensiv auf diese Wette zu spekulieren.

          Zu bedenken ist für längerfristig denkende Investoren auch, dass selbst mit den neuen Beschlüssen die griechische Staatsverschuldung bis 2020 im besten Fall nur auf 120 Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt senken wird. Inwieweit das ausreicht, um das Land aus der Schusslinie von neuen Attacken zu halten, bleibt abzuwarten.

          Klaus Stopp von der Baader Bank tippt persönlich auf eine Rückzahlung in Form anderer Anleihen. Diese dürften dann mit längeren Laufzeiten und niedrigen Kupons ausgestattet sein. Und er verweist auf die bei der Staatspleite Argentiniens gemachten Erfahrungen. Da sei es ähnlich gelaufen und eine Spekulation habe sich letztlich nicht gelohnt.

          Den Spekulationen am Markt dürfte diese Warnung zunächst aber keinen Einhalt gebieten. Das sieht auch Ursina Kubli so: „So lange keine Details vorliegen, bleibt das Trittbrettfahrer-Problem virulent.“ Für die Umsetzung eines geordneten Schuldenschnitts für Griechenland stelle diese Unsicherheit aber kein Problem dar. „Denn private Anleger machen nur noch rund 10 bis 20 Prozent der gesamten Gläubiger griechischer Staatsanleihen aus“, gibt die Sarasin-Volkswirtin Entwarnung.

          Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors wieder.

          Quelle: @JüB

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