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Anlagestrategie "Kaufen und halten war gestern"

25.04.2003 ·  Nach vier Jahren Baisse rütteln Strategen an alten Börsenweisheiten

Von Hanno Beck
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Manche Börsenweisheiten sind so selbstverständlich, daß man sie kaum noch hinterfragt: "Kaufen Sie Aktien, und nehmen Sie ein paar Schlaftabletten", lautete einer der Ratschläge von Börsenaltmeister Andre Kostolany. Doch mit einer Baisse, die ins vierte Jahr geht, und dem Negativbeispiel Japan vor Augen wird diese Strategie - in Fachkreisen "Buy and hold"-Strategie, also "kaufen und halten" genannt - zunehmend hinterfragt. Sollen Investoren Aktien nicht mehr langfristig halten, sondern auf Trends setzen und ihr Portfolio häufiger umschichten?

"Kaufen Sie Aktien und Schlaftabletten"

"Die Ära des buy and hold ist vorüber", proklamieren die Experten der Fondsgesellschaft Federated. In den neunziger Jahren habe diese Strategie wegen eines intakten Börsentrends noch funktioniert, doch eine solche Phase werde man nicht mehr so rasch sehen. Nun komme es darauf an, auf die richtigen Trends zu setzen und eine sogenannte Timing-Strategie zu fahren. "In den vergangenen drei Jahre wäre eher eine Sell-and-hold-Strategie angebracht gewesen", meint Ulrich Stephan, bei der Deutschen Bank verantwortlich für die Anlagestrategie Deutschland. Er glaubt, daß sich Anleger in Zukunft für Strategien öffnen müssen, die auch bei fallenden Kursen ertragsreich sein können. "Die Kostolany-Schlaftablette würde ich keinem Anleger mehr empfehlen; viele Unternehmen werden in 10 oder 20 Jahren nicht mehr existieren", sagt Stephan. "Mit Aktien verdient man Geld, wenn man sie hat, nicht, wenn man mit ihnen hin und her jongliert", hält Lutz Gebser, Vermögensverwalter aus Frankfurt den Abgesängen auf die Buy-and-hold-Strategie entgegen. Und er verweist auf ein wesentliches Argument gegen ein rasches Hin und Her: Die Kosten für den Kauf und Verkauf der Aktien sind vor allem für Privatanleger hoch und drücken die Rendite einer solchen Strategie.

Hohe Transaktionskosten

Doch nicht nur die höheren Kosten sprechen gegen eine zu hohe Umschlagshäufigkeit des Portfolios: "Im nachhinein läßt sich leicht eine Strategie finden, die besser war als buy and hold. Doch die erhoffte höhere Rendite erkauft man sich auch mit einem höheren Risiko", sagt Raimond Maurer, Professor für Investment, Portfolio-Management und Altersvorsorge an der Universität Frankfurt. In der Tat: Wer die vergangenen Jahre a la baisse spekuliert hat, hat, im nachhinein betrachtet, gut spekuliert, sich aber auch dem Risiko ausgesetzt, einen möglichen Trendwechsel zu verpassen. Wer für eine Timing-Strategie plädiert, unterstellt auch implizit, daß er die Richtung der Kurse korrekt antizipiert. "Unterstellt man ein ausreichend diversifiziertes Portfolio, dann schneidet eine Buy-and-hold-Strategie nicht systematisch schlechter ab als eine Timing-Strategie mit dem entsprechendem Risiko, Trends zu verpassen oder falsch einzuschätzen", sagt Maurer. Dennoch warnt auch Maurer vor einer allzu naiven Befolgung des Kostolany-Ratschlags: Bezogen auf eine einzelne Aktie, sei dieser Ratschlag sehr riskant. "Die Welt ist schneller und dynamischer geworden, das bedeutet, daß Sie Ihr Portfolio häufiger überprüfen müssen", sagt Stephan.

"Das Kostolany-Zitat läßt sich noch am ehesten auf Standardwerte mit erprobtem Geschäftsmodell und überschaubarem Risiko anwenden, bei Wachstumswerten funktioniert das nicht", sagt Franz-Josef Leven vom Deutschen Aktieninstitut (DAI). Das Institut hat in einer Studie eine Buy-and-hold-Strategie verglichen mit einer Strategie, bei der in die besten Werte des Vorjahres investiert wurde, und ferner einer Strategie, bei der in der Hoffnung auf eine Trendwende in die schlechtesten Aktien des Vorjahres investiert wurde. Das Ergebnis der Studie: Die aktiveren Strategien erbrachten zwar eine leicht höhere Rendite, doch unter Berücksichtigung der Transaktionskosten sei die Buy-and-hold-Strategie die für den Privatanleger beste, meint das Aktieninstitut. Doch leider ist die Studie schon älteren Datums, die vergangenen vier Jahre dürften die Resultate deutlich verändert haben.

Auch bei Fonds läßt sich kein Votum zugunsten einer der beiden Strategien fällen: Ein kursorischer Blick über ausgewählte Fonds (siehe Tabelle) legt keinen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit, mit der ein Fonds sein Portfolio umschichtet, und dessen Wertentwicklung nahe. "Branchenfonds schichten in der Regel häufiger um als Standardwertefonds", sagt Adrian Bonauer vom Finanzdienstleister Mornigstar. Über die höheren Gebühren, die durch eine erhöhte Umschlagshäufigkeit entstehen, erfährt der Fondskunde nichts - obwohl die deutschen Fonds seit einiger Zeit die Gesamtkostenkennziffer (total expense ratio) ausweisen. Denn die Transaktionskosten für den Handel der Wertpapiere werden in der deutschen Version der Gesamtkostenkennziffer nicht berücksichtigt.

Vorsicht vor dem "Survivor-Bias"

Bei einem Vergleich zwischen einer Buy-and-hold-Strategie und einer aktiveren Anlagestrategie gilt es allerdings, einen Fehler zu vermeiden, den Experten als survivor-bias bezeichnen: Wer einen Index über Jahre zurückrechnet, darf dabei nicht all jene Aktien vergessen, die im Verlauf der Zeit aus dem Index herausgefallen sind - wer diese Aktien in seinem Portfolio gehabt hat und sein Portfolio nicht immer sofort der Indexzusammensetzung angepaßt hat, schneidet schlechter ab als der Index. Insofern darf man nicht der Versuchung unterliegen, die Wertentwicklung eines Index uneingeschränkt als Beleg für eine erfolgreiche Buy-and-hold-Strategie zu werten.

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