Home
http://www.faz.net/-gv6-6wyq1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Anlagestrategie Auf welche Megatrends sich die Anleger einstellen müssen

20.01.2012 ·  Die Welt befindet sich stark im Wandel. Das hat auch Auswirkungen auf das Anlageverhalten. Eine Allianz-Studie erklärt, worauf Investoren achten sollten.

Artikel Bilder (12) Lesermeinungen (15)

Die Welt verändert sich rasant. Das klingt zwar nach einer Binsenweisheit, lässt sich aber durchaus mit einigen beliebigen Zahlen belegen. So werden weltweit in jeder Sekunde 4,3 Menschen geboren, 472127 Dollar Warenwert gehandelt, 201864 Dollar Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt) zusätzlich erbracht, 14212 -Dollar an chinesischen Devisenreserven angehäuft, 170921 Liter Erdöl verbraucht, 1.051 Tonnen Kohlendioxid ausgestoßen, 50540 Internetsuchanfragen gestellt und 1.084,60 Dollar Umsatz beim Onlinehändler Amazon generiert.

Und der Wandel geht unvermindert weiter. In einer Studie geht Dennis Nacken davon aus, dass die Welt bis auf Weiteres vor allem durch die beiden sehr langfristig wirkenden Treiber Globalisierung und Demografie verändert wird. Der Kapitalmarktanalyst bei Allianz Global Investors rechnet deshalb mit einer anhaltenden globalen Nachfrageverschiebung. Dieser Trend wirke zwar schon länger, die volle Tragweite dürfte sich aber erst in den nächsten Jahrzehnten erst noch entfalten. So habe sich der Eiserne Vorhang zwar bereits Ende der 1980er Jahre geöffnet und mit der politischen Wende seien Staaten wie Russland, China und Indien auf die Marktwirtschaft umgeschwenkt. Doch mit dem Wegfall technologischer Schranken durch das Internet habe die Globalisierung eine neue Qualitätsstufe erreicht. Nicht nur Waren können per Knopfdruck auf jedem Fleck der Erde angeboten werden, vielmehr erlaube das Internet nun auch den Export von Dienstleistungen. So ist der Welthandel seit 1987 im Volumen um das 4,5-Fache gestiegen, obwohl sich die globale Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt) im gleichen Zeitraum lediglich verdoppelt hat, wie Nacken vorrechnet.

Vor allem Schwellenländer diktieren den Wandel

Während sich die Welt immer stärker vernetze, sei jedoch demografisch betrachtet eine zunehmende Zweiteilung der Erde erkennbar: In den Industriestaaten schrumpfe die Bevölkerung und werde immer älter. In den Schwellenländern wachse die Bevölkerung weiter und bleibe vergleichsweise jung. So wird die weltweite Bevölkerung nach Schätzungen der Vereinten Nationen (UN) um über 30 Prozent von derzeit rund 7 Milliarden auf mehr als 9,3 Milliarden bis 2050 steigen. Und bereits heute seien davon 82 Prozent in den aufstrebenden Staaten beheimatet (siehe Schaubilder). Aus diesen beiden Metatrends dürften sich in Zukunft weitere langfristige Entwicklungen (Megatrends) ableiten: eine Verlagerung der wirtschaftlichen Gravitationszentren, der Weg hin zu einer effizienteren Nutzung der weltweiten Ressourcen sowie eine engere Verzahnung von Mensch und Maschine.

Es seien insbesondere die Schwellenländer, in denen sich die Trends der Globalisierung und des Bevölkerungswachstums bündele und unverändert für einen strukturellen Wachstumsschub sorgten. Ein wirtschaftlicher Aufholprozess in den aufstrebenden Staaten, ähnlich wie ihn die heutigen Industriestaaten nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt hätten. Stellten die Schwellenländer bereits seit langem den überwiegenden Teil der Weltbevölkerung (circa 82 Prozent), so seien sie während der vergangenen Jahrzehnte auch ökonomisch immer bedeutender geworden. Gemessen an der weltweiten Wertschöpfung hätten sie schon jetzt einen Anteil von über 35 Prozent. Würden dabei die Kaufkraftunterschiede mitberücksichtigt, wären es sogar knapp 50 Prozent. Auch der Anteil am globalen Energieverbrauch ist mittlerweile in dieser Liga angekommen (siehe Schaubilder). Gleichzeitig scheinen sich die aufstrebenden Staaten laut Nacken zunehmend zum Stabilitätsanker zu entwickeln. Denn immerhin verfügten sie über zwei Drittel aller Devisenreserven und lediglich 15 Prozent der weltweiten Staatsschulden lasten auf ihnen.

Asien – das Gravitationszentrum des 21. Jahrhunderts

In der Gesamtbetrachtung seien die Schwellenländer zu Wachstumsländern geworden, von denen sich voraussichtlich Asien als das Gravitationszentrum des 21. Jahrhunderts etablieren werde. Nach Schätzungen der Asian Development Bank wird der Anteil Asiens an der Weltwirtschaftsleistung 2050 etwa 50 Prozent ausmachen und China wird vermutlich Amerika bereits im Jahr 2020 als größte Wirtschaftsnation überholt haben (Schaubilder). Bereits heute sei das bevölkerungsreichste Land zur zweitgrößten Wirtschaftsnation aufgestiegen. Und auch im Jahr 2012 dürfte Chinas Wirtschaft kaufkraftadjustiert um rund 1000 Milliarden Dollar (+8,5 Prozent gegenüber Vorjahr) wachsen. Zum Vergleich: Das entspricht der gesamten Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt) von Portugal, Irland, Griechenland und der Schweiz zusammen!

Eine neue Mittelschicht wachse heran. In China zählten bereits 140 Millionen Menschen dazu, in Indien 60 Millionen. Und das gehe rapide so weiter: Nach einer Studie von McKinsey werden in knapp zwei Jahrzehnten über eine Milliarde Menschen Chinas und Indiens zur Mittelschicht zählen und den Konsum in Asien kräftig anheizen. Allein in den nächsten 15 Jahren sollen es rund 500 Millionen Menschen mehr sein, die sich in ihrem Konsumverhalten an westlichen Standards orientieren – das entspricht der Einwohnerzahl gesamt Europas. Jeder einzelne Mensch davon benötigt neuen Wohnraum, neue Supermärkte, erstmals einen Pkw – und er hätte sogar das Geld dazu.

Nachfrage nach der knappen Ressource Rohstoffe steigt

Mit dem höheren Wohlstand in den Wachstumsländern werde der Konsum rohstoffintensiver. Wer heute laufe, kaufe morgen ein Fahrrad. Wer heute Rad fahre, sattele morgen auf das Auto um. Allein der Rohstoffhunger Chinas sorge für eine ständig wachsende Nachfrage. Der Pro-Kopf-Verbrauch von Aluminium, Kupfer und Stahl habe sich dort über die vergangenen zehn Jahre nahezu verdreifacht. Das Reich der Mitte sei mittlerweile der weltweit größte Verbraucher unter anderem von Eisenerz, Stahl, Kupfer und Aluminium (siehe Schaubilder).

Auch der Trend zu einer zunehmenden Verstädterung, vor allem in den Schwellenländern, sollte die Nachfragedynamik nach Rohstoffen zusätzlich verstärken. China beispielsweise werde bis 2025 fast 140 Städte mit mehr als anderthalb Millionen Einwohnern haben. In Europa gibt es derzeit rund fünfzehn solcher Städte. Der Rohstoffbedarf steige aber nicht nur durch das qualitative Wachstum, sondern auch durch die quantitativ steigende Weltbevölkerung. So müssten in den nächsten 40 Jahren 2300 Millionen Menschen zusätzlich mit Rohstoffen versorgt werden. Zu der steigenden Nachfrage komme die Tatsache, dass während der vergangenen Jahre kaum neue Kapazitäten auf der Produktionsseite geschaffen worden seien. Außerdem werde die Erschließung neuer Reserven permanent aufwendiger und damit teurer. Folglich dürften Rohstoffe zu einer immer knapperen und damit sich verteuernden Ressource werden.

Neue Energieformen gewinnen weiter an Bedeutung

Im nächsten langen Zyklus dürfte auf der Angebotsseite ein Schlüssel zum Erfolg in der Steigerung der Ressourcen- und Energieproduktivität liegen. Denn die Weltbevölkerung wachse, Rohstoffe würden knapper, neue Energiequellen müssten gefunden werden und der Klimawandel werde immer deutlicher (siehe Schaubilder). Gleichzeitig trügen Faktoren wie die Einführung von Kohlendioxid-Emissionsrechten, steigende Rohstoffpreise oder der Klimawandel als Unternehmensrisiko dazu bei, dass der Verbrauch von Umwelt einen „Preis“ bekomme. Umwelt selbst werde zum knappen Gut.

Infolgedessen hätten neue Energieformen bereits mehr und mehr an Einfluss gewonnen. Vor allem der Anteil erneuerbarer, Kohlendioxid-neutraler Energiequellen dürfte am weltweiten Energiemarkt weiterhin zunehmen, zumal herkömmliche Energieressourcen wie beispielsweise Öl und Gas begrenzt seien. Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) habe in 164 verschiedenen Zukunftsszenarien analysiert, dass im Schnitt bis Mitte dieses Jahrhunderts die globale Energienachfrage sich nahezu verdoppeln und gleichzeitig der Anteil regenerativer Energiequellen von derzeit circa 13 Prozent auf rund 30 Prozent anwachsen wird. In einem optimistischen Szenario werde der Beitrag regenerativer Energien sogar auf 77 Prozent geschätzt. Entsprechend sollten die für den Ausbau erneuerbarer Energien benötigten Investitionen – vor allem in Technologieförderung und Infrastrukturausbau – nach Schätzungen des IPCC von heute bis 2020 eine mögliche Spanne von 1360 bis 5100 Milliarden Dollar umfassen. Für den Zeitraum von 2020 bis 2030 werde eine Spanne von 1490 bis 7180 Milliarden Dollar erwartet.

Verantwortungsbewusstes Investment nimmt immer mehr zu

Auch konventionelle Anleger bezögen scheinbar verstärkt außerfinanzielle Faktoren wie den Klimawandel oder die finanziellen und rufschädigenden Folgen großer Umweltkatastrophen in ihre Anlageentscheidungen ein. Das stelle einen Wendepunkt in der Entwicklung globaler Finanzen dar. Immerhin hätten zwischenzeitlich 900 institutionelle Anleger und Vermögensverwalter, die zusammen über 30 Billionen Dollar investieren (Stand: September 2011), die sechs „Principles for Responsible Investment“ (Grundsätze für verantwortungsbewusstes Investment) unterzeichnet. Sie treten unter anderem dafür ein, dass die ESG-Kriterien (Environmental = ökologisch, Social = sozial verantwortlich, Governance = Grundsätze der Unternehmensführung) generell in Anlage- und Entscheidungsprozesse miteinbezogen werden. Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage scheine sich somit zum Megatrend zu entwickeln.

Immer engere Verzahnung von Mensch und Maschine

„Smart Grid“: Auch die Hightech-Industrie dürfte spürbar vom grünen Wandel der Märkte profitieren, weil die Nachfrage nach erneuerbaren Energien, modernen Umwelttechnologien, nachhaltiger Wasserwirtschaft, Recycling und effizienteren Antriebstechniken steige. Die Bereiche Informationstechnologie und „Eco-Trends“ sollten sich weiter verzahnen, wie der Ausbau des virtuellen Energienetzes „Smart Grid“ zeige (siehe Schaubilder). Strommessung und -verwaltung über das Internet, genauso wie virtuelle Kraftwerke, die im „Energie-Web“ die Balance zwischen Erzeugung und Verbrauch herstellen, dürften die Zukunftsmusik im Energiemarkt spielen. Cisco-Chef John Chambers schätzt demnach das Potenzial für „Smart Grid“ 10- bis 100-mal so groß wie das Internet ein. Einer Studie des Beratungsunternehmens Zpryme zur Folge sollten sich die weltweiten Umsätze mit „Smart-Grid“-Komponenten und -Systemen von 2009 bis 2014 mehr als verdoppeln – von 69 auf 171 Milliarden Dollar.

Doch nicht nur im Energiesektor finde eine engere Verzahnung von Mensch und Maschine statt, auch in anderen Bereichen halte das Internet noch stärker Einzug. Dank beständig kleiner werdender Elektronik (z. B. Nanotechnologie) und intelligenter Informations- und Kommunikationsnetze (beispielsweise „Cloud Computing“) könnten einzelne elektronische Systeme immer vernetzter wirken. Kommunikation von Maschine zu Maschine, das heißt intelligente Netze, die sich auf den Benutzer selbstständig und situationsgerecht einstellten – so genannte „Ambient Intelligence“ –, sei keine Utopie aus einem Science-Fiction-Film mehr, sondern bereits Realität. Die mehr als 18 Milliarden heruntergeladenen Apps (insgesamt gibt es über 500.000 Apps) für das iPhone seien nur ein Zeugnis dieser Entwicklung (siehe Schaubilder).

Die „neuen“ Märkte würden die klassischen Industriezweige zukünftig wohl deutlich hinter sich lassen. Ob Megatrends auf der Nachfrageseite, wie Globalisierung, Demografie und der Aufholprozess der Wachstumsländer, oder ob Megatrends auf der Angebotsseite, wie Umwelt- und Informationstechnologien: Alle hätten nicht nur das Potenzial, langfristig Produktivitätsschübe für die Weltwirtschaft auszulösen, sondern sie verfügten gleichzeitig über das Leistungsvermögen einer gesamtgesellschaftlichen Einflussnahme.

Allianz plädiert für aktives Anlagemanagement

In dieser Welt im Wandel ist für Nacken ein aktives Fondsmanagement bei der Kapitalanlage das Gebot der Stunde. Passive Investments, die sich nur an einem Index orientieren, bilden nach seiner Ansicht die Erfolge und Misserfolge von gestern ab. Unternehmen, Branchen oder ganze Regionen, die über längere Zeit in der Gunst der Anleger standen, hätten an Marktkapitalisierung und damit an Gewicht im Index zugelegt. Die Erfolge von gestern seien aber keine Garantie für zukünftige Performance. Die „TMT-Bubble“, die im auslaufenden 2. Jahrtausend die Technologie-, Medien- und Telekommunikationswerte stark habe ansteigen lassen, oder die jüngste Finanzmarktkrise, die uns noch in den Knochen stecke und die bei ihrem Entstehen zu einem wachsenden Anteil an Banken in den Indizes geführt habe, belegten sehr gut die Nachteile dieser Vergangenheitsorientierung (siehe Schaubilder).

Aber auch eine Orientierung an globalen Aktienindizes, wie zum Beispiel dem MSCI World Index, würden bei der Kapitalanlage die Welt von gestern abbilden: Amerika, Japan sowie europäische Industrieländer haben darin ein Anteilsgewicht von rund 76 Prozent an dieser weltweiten Richtschnur. Die BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) machen lediglich 6 Prozent aus. Die Wachstumskraft dieser Länder steht hierzu jedoch diametral gegenüber. Während die BRIC-Staaten schätzungsweise rund 42 Prozent zum weltweiten Wachstum 2011 beigetragen hätten, kämen von Amerika, Europa und Japan zusammen nur circa 25 Prozent.

Im Rahmen eines aktiven Managements werde auch ein effizientes Risikomanagement immer bedeutsamer. Denn in der Welt von morgen seien im Zuge der immer stärkeren globalen Vernetzung auch häufiger Extremrisiken („Schwarze Schwäne“) zu erwarten (siehe Schaubilder). In einer Welt, die sich zwar nicht schneller drehe, aber die sich dramatisch verändere und in der (Kapitalmarkt-)Risiken zu unserem ständigen Begleiter geworden seien, sollte aktives Fondsmanagement dem Anleger langfristig einen Mehrwert bieten, ist Nacken überzeugt.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
25.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.339,94 +0,38%
 OK
25.05.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.339,94 +0,38%
FAZ-INDEX 1.377,69 −0,11%
TecDAX 752,47 +0,08%
MDAX 10.196,40 −0,34%
SDAX 4.817,28 +0,29%
REX 434,70 −0,15%
Eurostoxx 50 2.161,87 +0,25%
F.A.Z. EURO 69,61 +0,13%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
Nasdaq 100 2.527,05 −0,17%
S&P500 1.317,82 −0,22%
Nikkei225 8.580,39 +0,20%
EUR/USD 1,2515 −0,14%
Rohöl Brent Crude 106,90 $ +0,14%
Gold 1.569,50 $ +0,06%
Bund Future 144,35 € +0,25%