09.12.2007 · Die Fed berät am Dienstag die Lage. Die Märkte zweifeln nicht an einer Zinssenkung und träumen schon von einer Jahresendrally, die dem Dax sogar seinen historischen Höchststand bringen könnte. Nur leise Stimmen fürchten Kursrückgänge.
Von Gerald BraunbergerSenkt die Fed am kommenden Dienstag ihren Leitzins um 25 oder um 50 Basispunkte? Das ist die wichtigste Frage, mit der die Teilnehmer an den internationalen Finanzmärkten die neue Woche beginnen. Denn dass die Fed ihren Leitzins von derzeit 4,5 Prozent weiter zurücknehmen wird, gilt an den Märkten angesichts der immer noch nicht überwundenen Bankenkrise und der Furcht vor einem Einbruch des Wirtschaftswachstums in den Vereinigten Staaten als völlig gewiss.
Die Entwicklung der amerikanischen Geldmarktzinsen deutet darauf, dass der Markt eine Rücknahme um 25 Basispunkte für die wahrscheinlichere Option hält. Fast noch wichtiger als die eigentliche Entscheidung werden die Stellungnahmen der Führung sein. Die Märkte sähen es gerne, wenn der Fed-Vorsitzende Ben Bernanke schon eine weitere Zinssenkung in Aussicht stellen würde.
Erwartung von Zinssenkung lässt Dax steigen
Über die Gefahren für die Preisstabilität wird am Donnerstag und Freitag die Veröffentlichung von Novemberdaten für die amerikanischen Erzeuger- und die Verbraucherpreise Aufschluss geben. Die Bayern LB erwartet eine Inflationsrate bei den Verbrauchsgütern von 4,1 Prozent, was der höchste Wert seit Juli 2006 wäre. Ein großer Teil dieses Zuwachses ergäbe sich aus der Verteuerung von Benzin und Nahrungsmitteln.
Was die Erwartung von Leitzinssenkungen an den Aktienmärkten zu bewirken vermag, ließ sich in den vergangenen Tagen beobachten: In Deutschland etwa überschritt der Dax am Freitag vorübergehend wieder die Marke von 8000 Punkten, und selbst technische Analysten, die vor vier Wochen noch unausweichlich eine große Baisse hatten kommen sehen, prognostizieren nun fröhlich eine Fortdauer der Hausse.
Vorsichtige Stimmen fürchten Kursrückgänge
Eine „Jahresendrally“, die vielleicht sogar noch einen historischen Höchststand des Dax - der bisherige wurde mit 8151 Punkten im Juli 2007 erreicht - bringen könnte, wird in immer mehr Banken für möglich gehalten. „Unsere Prognose für das Jahresende liegt bei 8200 Punkten“, heißt es beispielsweise in der Helaba. Die Stärke des Marktes verdeutlicht auch die Erholung des M-Dax, der mittelgroße Unternehmen vereinigt, und der zuvor sehr viel stärker zurückgegangen war als der die Standardwerte umfassende Dax. In Amerika ist es fast schon üblich, dass die Aktienkurse in der Woche vor Weihnachten und in den ersten Tagen des neuen Jahres zulegen.
Nur wenige vorsichtige Stimmen sind zu hören, die fragen, ob denn eine Leitzinssenkung der Fed nicht längst in den aktuellen Aktienkursen eingepreist sei und daher statt zu steigenden Kursen zu Gewinnmitnahmen und Kursrückgängen führen könnte. So schreiben die Analysten der West LB: „Wir gehen davon aus, dass die Zinsentscheidung Enttäuschungspotential für die Aktienmärkte bereithalten sollte, und rechnen eher damit, dass sich die Vorzeichen für eine Jahresendrally zum Negativen verändern.“ Aber solche Stellungnahmen sind eher Ausnahmen.
Fed scheut radikale Maßnahmen nicht
Woher kommt der weitverbreitete Optimismus? Die Anlagestrategen der Deutschen Bank, die selbst für die Aktienmärkte nur noch moderat optimistisch sind, haben in der vergangenen Woche mit Hinweis auf die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte an zwei alte Weisheiten für Aktienanleger erinnert: „Wette nicht gegen die Fed“ und „Wette nicht gegen den amerikanischen Konsumenten“.
Der Erkenntnis „Wette nicht gegen die Fed“ liegt die Erfahrung zugrunde, dass die amerikanische Zentralbank in den vergangenen Jahrzehnten immer aggressiv ihre Leitzinsen senkte, wenn die Wirtschaft in Schwierigkeiten zu kommen drohte - und zwar ziemlich unbeeindruckt von etwaigen Inflationsgefahren. Einhergegangen war diese Geldpolitik meist mit einer allmählichen wirtschaftlichen Erholung und steigenden Aktienkursen. Wer also heute auf Baisse setzt, muss annehmen, dass die Fed die amerikanische Wirtschaft auf längere Zeit nicht zu stimulieren vermag.
Amerikanischen Wirtschaft bleibt zweiter Rettungsanker
Für die Deutsche Bank wäre das eine problematische Annahme. „Die Geldpolitik ist nicht mehr so mächtig wie früher, aber Einfluss besitzt die Fed immer noch“, sagt Anlagestratege Helmut Kaiser. Wenn sie radikale Maßnahmen für notwendig hält, scheut die Fed nicht vor ihnen zurück. In den Rezessionen von 1991 und 2000 reduzierte sie ihren Leitzins nach einer Analyse von Morgan Stanley um 500 bis 550 Basispunkte, in der Kreditkrise von 1998 dagegen nur um 75 Basispunkte.
Welche Episode am ehesten mit der aktuellen Krise verglichen werden kann, ist nach Ansicht von Morgan Stanley noch offen. Insofern lässt sich derzeit schwer vorhersagen, wie stark die Fed ihren Leitzins noch senken wird und wie stark diese Maßnahmen auf die Wirtschaft wirken werden. Doch selbst wenn der Einfluss der Fed überschätzt würde, bliebe der amerikanischen Wirtschaft nach Ansicht der Deutschen Bank ein zweiter Rettungsanker.
Wirtschaftswachstum brach auch in rauen Zeiten nicht ein
Der Spruch „Wette nicht gegen den Konsumenten“ erinnert daran, dass die Amerikaner in den vergangenen Jahrzehnten auch in wirtschaftlich etwas rauheren Zeiten ihre Konsumausgaben nicht sehr stark reduziert haben - und damit einen kräftigen Einbruch des Wirtschaftswachstums verhinderten. Die am vergangenen Freitag veröffentlichten amerikanischen Arbeitsmarktdaten fielen bereits besser aus als befürchtet und stützten den Aktienmarkt. Ein drittes Argument für den Aktienmarkt - oder zumindest für dessen kurzfristige Entwicklung - liefert ein sogenannter Kontraindikator: Die Stimmung der deutschen Aktienanleger hat sich in den vergangenen Wochen etwas verschlechtert, was technischen Analysten als Zeichen für Hausse denn für Baisse gilt.
Das Investmentbarometer von JP Morgan Asset Management besagt, dass der Anteil der Börsenoptimisten unter den deutschen Privatanlegern im November von 50,8 auf 49,3 Prozent zurückgegangen ist. Der Anteil der Pessimisten stieg von 12,9 auf 16,9 Prozent, während 33,8 Prozent sich abwartend verhalten. „Dass sich immer noch mehr als ein Drittel der befragten Privatanleger keine Meinung zu den Aktienmärkten bilden möchten, ist ein Zeichen für die anhaltende Verunsicherung der Anleger“, sagt Jean Guido Servais von JP Morgan.
Gerald Braunberger Jahrgang 1960, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.
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