Home
http://www.faz.net/-gv6-quma
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Altersvorsorge Lebenszeichen von der Riester-Rente

01.08.2005 ·  Durch die Diskussion um den Zwang zur privaten Altersvorsorge ist das Interesse an der Riester-Rente im ersten Halbjahr 2005 gewachsen. Trotzdem haben bisher nur 15 Prozent der Anspruchsberechtigten einen Riester-Vertrag.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Gerade zu einem Zeitpunkt, an dem in der Politik aufgrund der geringen Akzeptanz der staatlich geförderten Altersvorsorge die Diskussion um einen Zwang zur privaten Altersvorsorge aufkommt, gibt die vielgeschmähte Riester-Rente ein Lebenszeichen von sich. Das erste Halbjahr 2005 ist nach Einschätzung der Finanzbranche gut verlaufen. Dabei war gerade von einem Mißerfolg der Riester-Rente die Rede, mit dem Politiker wie Franz Müntefering (SPD) oder Horst Seehofer (CSU) für einen Zwang zur privaten Altersvorsorge plädierten.

Höhere Nachfrage im ersten Halbjahr

Vielleicht kommt der Bürger aber nun noch um diesen Zwang herum - das Geschäft mit der Riester-Rente gewinnt endlich an Fahrt. Bei der Deutschen Vermögensberatung beispielsweise hat man im ersten Halbjahr 2005 rund 55.000 Riester-Verträge vermittelt - ein Zuwachs von 110 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2004 -, wenngleich das absolute Niveau nach wie vor recht niedrig ist. Auch bei der Konkurrenz vom AWD spricht man davon, daß deutlich mehr Riester-Verträge vermittelt und auch nachgefragt werden. Gleiches ist aus der Versicherungsbranche zu hören: Das Riester-Geschäft im ersten Halbjahr habe angezogen.

Eine Ursache für die Riester-Renaissance könnten die Neuregelungen sein, die zum Jahresbeginn wirksam geworden sind: So muß die Zulage für die Riester-Rente nicht mehr jedes Jahr aufs neue beantragt werden. Zudem können von diesem Jahr an bis zu 30 Prozent des angesparten Kapitals auf einmal ausgezahlt werden - bisher waren es nur 20 Prozent. Doch nicht jeder ist mit dem Absatz der Riester-Produkte zufrieden: So berichtet der BVI, der Branchenverband der Deutschen Fondsbranche, von 32.000 Neuverträgen im ersten Halbjahr und einem Bestand von insgesamt 390.000 Riester-Fondssparplänen - eine enttäuschende Entwicklung, wie man befindet. Lediglich bei Union Investment, dem Fondsanbieter der Volks- und Raiffeisenbanken, verzeichnet man ein stärkeres Neugeschäft.

Andere Versicherungsprodukte sind attraktiver

Die Unzufriedenheit der Fondsbranche mit den Riester-Verträgen deutet jedoch eine weitere Quelle der Riester-Renaissance an: Ebenfalls seit Jahresbeginn dürfen die Anbieter - Banken, Fondsgesellschaften und Lebensversicherer - die Abschlußkosten für Riester-Verträge auf fünf Jahre verteilen. Bisher mußten sie mindestens zehn Jahre auf die Provisionen warten. Das erhöht die Anreize für die Vermittler, ihren Kunden die Riester-Renten trotz des relativ hohen Erklärungsaufwands anzubieten. Zum Ärger der Fondsbranche sind aber die Anreize für den Verkauf von Riester-Fondsprodukten nicht so attraktiv wie bei Versicherungsprodukten: Während beim Abschluß eines Versicherungsvertrages die Provision auf nunmehr fünf Jahre verteilt wird, fließt diese bei einem Fondssparvertrag über dessen gesamte Laufzeit nur monatlich in kleinen Beträgen.

Ein weiterer Grund für die guten Absatzzahlen des ersten Halbjahres dürfte allerdings auch der Lebensversicherungs-Schlußspurt des vergangenen Jahres sein: In den letzten vier Monaten des Jahres 2004 haben Berater vor allem Lebensversicherungen verkauft statt der beratungsintensiveren Riester-Produkte - für diese Zeit haben viele Berater das Riester-Geschäft vermutlich auf Eis gelegt, so daß jetzt ein gewisser Nachholbedarf besteht. Die jüngsten Absatzzahlen dürfen aber auch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Riester-Rente immer noch hinter dem vorhandenen Marktpotential zurückbleibt. Nur 15 Prozent aller Anspruchsberechtigten haben bisher einen Riester-Vertrag.

Frauen bevorteilt durch Unisex-Tarife

Zudem könnte der Riester-Frühling schon rasch wieder vorbei sein, sollten im kommenden Jahr die sogenannten Unisex-Tarife Pflicht werden. Diese sehen vor, daß Männer und Frauen, unabhängig von ihrer unterschiedlichen Lebenserwartung, die gleichen Beiträge zahlen sollen. Da Frauen, statistisch betrachtet, eine höhere Lebenserwartung haben, wären sie bei gleichen Tarifen für Männer und Frauen eindeutig bevorteilt - Männer müßten dann mit ihren Beiträgen für die höhere Lebenserwartung der Frauen bezahlen. Die Riester-Fondsprodukte wären von dieser Regelung allerdings nicht betroffen. Die drohenden Unisex-Tarife dürften denn auch in diesem Jahr zu einer zusätzlichen Sonderkonjunktur bei Riester-Produkten führen, glaubt man beim Finanzdienstleister MLP.

Dem Zwang zu einer privaten Altersvorsorge steht die Branche skeptisch gegenüber. „Zwang ist immer schlecht, da er den Wettbewerb lähmt - das ist letztlich ein Nachteil für die Kunden“, sagt Stefan Suska vom AWD. Ähnlich kritisch sieht Wolfram Erling von Union Investment diese Pläne: „Mit der Diskussion um eine Zwangsrente bringt man die Riester-Rente erneut in negative Schlagzeilen - damit ist niemandem gedient.“ Auch beim BVI gibt man einer freiwilligen Lösung den Vorzug. „Nur wenn die von uns geforderte Entbürokratisierung und Flexibilisierung der Riester-Rente nicht zu einer breiteren Akzeptanz führt, kann man auch über ein Obligatorium nachdenken“, sagt Andreas Fink vom BVI.

Dabei sei es aber wichtig, den Arbeitnehmern den nötigen finanziellen Freiraum zu verschaffen, indem man die Belastung der Arbeitnehmer mit Steuern und Abgaben reduziere. Zumindest in diesem Punkt weiß der BVI die Kanzlerkandidatin der CDU, Angela Merkel, auf seiner Seite: Wenn die Lohnzusatzkosten sinken und die Menschen finanziell entlastet würden, gebe es auch wieder Spielraum, um etwas für die eigene Altersvorsorge zu tun, sagte die Kanzlerkandidatin am Wochenende.

Quelle: hbe. / F.A.Z., 02.08.2005, Nr. 177 / Seite 19
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
25.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.339,94 +0,38%
 OK
25.05.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.339,94 +0,38%
FAZ-INDEX 1.377,69 −0,11%
TecDAX 752,47 +0,08%
MDAX 10.196,40 −0,34%
SDAX 4.817,28 +0,29%
REX 434,70 −0,15%
Eurostoxx 50 2.161,87 +0,25%
F.A.Z. EURO 69,61 +0,13%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
Nasdaq 100 2.527,05 −0,17%
S&P500 1.317,82 −0,22%
Nikkei225 8.580,39 +0,20%
EUR/USD 1,2515 −0,14%
Rohöl Brent Crude 106,90 $ +0,14%
Gold 1.569,50 $ +0,06%
Bund Future 144,35 € +0,25%