Home
http://www.faz.net/-gv6-rg4c
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Aktienmarkt-Gespräch „Ende 2010 dürfte die russische Börse zwei oder drei Mal höher notieren“

11.01.2006 ·  An Rußlands Börse winken Anlegern in den nächsten Jahren noch außergewöhnliche Kursgewinne. Davon ist der generell als sehr kritisch geltende Stratege Eric Kraus vom russischen Broker Sovlink Securities überzeugt.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Zur russischen Börse äußern sich viele Analysten. Angesichts der sich allzu oft ähnelnden Aussagen und vieler Fehleinschätzungen könnte man als neutraler Beobachter auf die eine oder andere Stimme mitunter auch gut verzichten. Speziell gilt das häufig für selbsternannte Experten aus dem Ausland.

Doch es gibt auch lobenswerte Ausnahmen. Stets lesenswert sind etwa die Analysen von Eric Kraus. Der angesehene Stratege vom russischen Broker Sovlink Securities sticht aus dem Einheitsbrei mit pointierten Einschätzungen und kontroversen Aussagen hervor. Außerdem scheut sich der Franzose, der sich aber eher als Weltbürger sieht und neben französisch auch englisch, spanisch, italienisch und russische spricht, nicht davor, Mißstände direkt zu kritisieren.

Seine Offenheit hat ihm sogar schon einmal den Arbeitsplatz gekostet, als er sich weigerte, der Forderung seines damaligen Arbeitsgebers Nikoil Financial Corporation nachzukommen und weniger kritisch über Firmen wie den Ölkonzern Sibneft zu schreiben. Natürlich liegt auch Kraus mit seinen Einschätzungen nicht immer richtig, die Trefferquote übersteigt aber die Zahl der Nieten deutlich. Und zumindest zum Nachdenken regen die Studien von Kraus immer an.

Kritik an den Medien wegen der Berichterstattung über Rußland

Auch die Medien bekommen dabei regelmäßig ihr Fett weg. Ihnen wirft Kraus eine einseitige und oberflächliche Berichterstattung vor. Überhaupt nicht nachvollziehen konnte er beispielsweise die Darstellung des entmachteten Yukos-Chef Chodorkowskij. Dieser wurde speziell im Westen oft als Märtyrer oder zumindest als Opfer dargestellt, während Kraus Chodorkowskij als Täter einstuft, der sein Schicksal selbst provoziert hat und der einer der brutalsten und kriminellsten Oligarchen gewesen sei. Außerdem habe das Vorgehen gegen Yukos den schönen Nebeneffekt bewirkt, daß andere Oligarchen bei ihren Firmen auf fragwürdige Steuertricks verzichten und deutlich höhere Gewinne auswiesen.

Nicht verstehen kann er auch die Kritik an der engen Bande, die der abgelöste Bundeskanzler Schröder mit dem russischen Staatspräsidenten Putin pflegte. „Würde Westeuropa Rußland mit zu viel Kritik in die Arme von China treiben, dann wäre das wegen dem Rohstoffreichtum des Landes strategisch gesehen noch viel schlimmer.“ Auch diese Ansicht teilt Kraus übrigens mit vielen anderen vor Ort sitzenden Kennern der russischen Börse.

Überhaupt bekommt Putin von Kraus, obwohl der normalerweise nicht vor Kritik zurückschreckt, ein gutes Zeugnis für seine Amtsführung ausgestellt. Während der Regentschaft Putins sei Rußland eindeutig auf den Wachstumspfad eingeschwenkt. Diese Tatsache nur auf die hohen Rohstoff- und Ölpreise zurückzuführen, greife viel zu kurz. So hätten die günstigen Rahmenbedingungen früher mit Sicherheit zu einem verschwenderischen Umgang mit dem Staatshaushalt geführt. Wie die Überschüsse im Haushalt und der üppig bestückte staatliche Ölausgleichsfonds zeigten, habe hier ein deutlicher Sinneswandel eingesetzt. „Putin ist verantwortlich für die erzielten Fortschritte. Verglichen mit 1997 leben wir hier heute in einer anderen Welt“, lobt Kraus.

Rußland braucht keine Verwestlichung, sondern eine Modernisierung

Kein gutes Haar läßt Kraus dagegen am unlängst zurückgetretenen Putin-Wirtschaftsberater Illarionow. Dessen Abtritt sei im Westen zwar zumeist als ein weiteres Indiz für ein Ende der Reformen in Rußland und einem autoritäreren Staat gewertet worden. Doch dabei handele es sich wieder einmal um eine Fehleinschätzung. Schließlich seien die eigentlichen Reformer wie Gref, Kudrin und Medwedew noch im Amt. Wer den vermutlich nicht ganz unfreiwilligen Abgang von Illarionow kritisch betrachte, der solle bedenken, daß sich keine noch so demokratisch auftretende Regierung der Welt sich in den eigenen Reihen einen ähnlich vehementen Kritiker leisten könne, wie es Illarionow gewesen sei.

Außerdem zweifelt Kraus die Fähigkeit Illarionows an, die für Rußland richtigen Wirtschaftsrezepte zu identifizieren. Dessen gebetsmühlenartig vorgetragenen Vorschläge zur Reformierung der Wirtschaft hätten sich stark an den Rezepten orientiert, die im Westen angewandt würden. Ob diese auch in Rußland Früchte bringen würden, sei aber mehr als fraglich.

Das gelte auch für die ständigen Rufen von Kritiker nach mehr Demokratie in Rußland. Wer sich diesen Forderungen anschließe, verkenne die Tatsache, daß das Land einfach noch nicht reif sei für eine Demokratie nach westlichen Vorbild. Würden die dortigen Systeme eins zu eins auf Rußland übertragen, würde das mit Sicherheit in der Machtübernahme durch eine kleine mächtige und finanzstarke Gruppe wie den Oligarchen resultieren. Doch das könne sicherlich nicht das Ziel sein. Folglich sei es das Beste, wenn der Westen nicht mehr versuche, Rußland zu belehren, sondern dem Land besser die Zeit geben solle, seinen eigenen Weg zu finden. „Es geht nicht darum, Rußland zu verwestlichen, sondern darum, es zu modernisieren“, so Kraus.

Rußlands Börse winken noch außergewöhnliche Kursgewinnen

Kein gutes Zeugnis bekommen von Kraus auch die Rating-Agenturen ausgestellt. Die unlängst von S&P beschlossene Höherstufung der Kreditwürdigkeit Rußland komme rund ein Jahr zu spät. Inzwischen hätten schließlich selbst die größten Pessimisten gemerkt, was für Fortschritte das Land wirtschaftlich gesehen gemacht habe. Mit zynischem Unterton stellt Kraus deshalb die rhetorische Frage in den Raum: „Was würden wir nur ohne die Rating-Agenturen tun? Sie sind wie jene Menschen, die erst dann „Vorsicht“ rufen, wenn wir bereits ausgerutscht und mit dem Gesicht vorneweg auf den Boden gefallen sind.“

Kraus kann sich harsche Kritik wie diese leisten, hat er seinen Kunden doch auch dann dazu geraten, in Rußland engagiert zu bleiben, als die meisten anderen Anleger wegen der Yukos-Krise fast fluchtartig das Land verließen. Aber auch jetzt, wo die Bullen wieder eindeutig das Szepter an der russischen Börse schwingen, bleibt er weiter zuversichtlich gestimmt. Die inländische Wirtschaft laufe auf fast allen Zylindern und auch die Weltkonjunktur präsentiere sich in zunehmend guter Verfassung. Dieses Umfeld spreche für eine anhaltende fundamentale Neubewertung des Marktes. „Bevor die russische Börse auf Durchschnittsniveau im Performancevergleich zurückfällt, stehen erst noch zwei oder drei Jahre mit außergewöhnlichen Kursgewinnen bevor.“

Letztlich wisse zwar niemand wirklich, wo der Markt Ende 2006 notieren werde. Aber wenn sich das Umfeld nicht verändere und unberechenbare negative Faktoren ausbleiben, dann dürfte der Kursaufschwung anhalten. „In drei bis fünf Jahren dürfte das Bewertungsniveau deutlich höher sein und Ende 2010 dürften die Kurse zwei oder drei Mal so hoch notieren wie aktuell,“ lautet die optimistische Prognose von Kraus. Zwar sei der Markt nicht mehr so spottgünstig bewertet wie noch vor einem Jahr, aber unter den größeren Weltbörsen wiesen russische Aktien nach den brasilianischen noch immer die zweitniedrigste Bewertung auf.

Ölpreisdynamik wird noch immer unterschätzt

Auch auf Ebene der Einzelwerte gebe es massive Fehlbewertungen, etwa bei Lukoil und bei Gazprom. Diese Unternehmen seien zwar nicht so gut gemanagt wie Shell, aber das lasse auch viel Raum für Verbesserungen. Bei der Einschätzungen der Aussichten der Ölaktien sei auch zu bedenken, daß die Analysten gerade zwar ihre Schätzungen für den Ölpreis von Mitte Dreißig auf Anfang Vierzig erhöht hätten. Aber auch dieser Wert liege noch deutlich unter dem aktuellen Niveau. Das lasse zum einen viel Spielraum nach oben bei den Gewinnschätzungen, für den Fall, daß Sovlink mit seiner Annahme eines weiter steigende Ölpreises richtig liege. Und zum anderen zeige die tiefe Konsensprognose beim Öl, daß sich am Dartsbrett vermutlich genauere Prognosen erzielen ließen als mit Hilfe der Analysten.

Die vermeintliche Fehleinschätzung der Ölexperten lasse Anlegern aber immerhin die Chance, noch etwas länger offensichtlich markant unterbewertete russische Ölaktien einzusammeln. Für Kraus ist die Wahrscheinlichkeit eines Ölpreises von über 100 Dollar jedenfalls weitaus wahrscheinlicher als die eines Rückfalls auf Notierungen unter 40 Dollar je Barrel. Er rät deshalb in diesem Sektor bei Werten wie Lukoil, Tatneft, Sibur Energy und TNK-BP zum Kauf. Sollte der Ölpreis tatsächlich hoch bleiben, werde das Rußland zudem weiterhin Haushalts- und Leistungsbilanzüberschüsse bescheren. Das wiederum wird die Konjunktur im Inland auf Trab halten und die Einflußmöglichkeiten Rußlands auf internationaler Ebene stärken. Trotz dieser voraussichtlich positiven Entwicklung wird Kraus aber mit Sicherheit auch in Zukunft noch genügend Anlässe zur Kritik finden.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @JüB
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
25.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.339,94 +0,38%
 OK
25.05.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.339,94 +0,38%
FAZ-INDEX 1.377,69 −0,11%
TecDAX 752,47 +0,08%
MDAX 10.196,40 −0,34%
SDAX 4.817,28 +0,29%
REX 434,70 −0,15%
Eurostoxx 50 2.161,87 +0,25%
F.A.Z. EURO 69,61 +0,13%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
Nasdaq 100 2.527,05 −0,17%
S&P500 1.317,82 −0,22%
Nikkei225 8.580,39 +0,20%
EUR/USD 1,2515 −0,14%
Rohöl Brent Crude 106,90 $ +0,14%
Gold 1.569,50 $ +0,06%
Bund Future 144,35 € +0,25%