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Aktienmarkt Beruhigungsspritze für die Anleger

12.08.2007 ·  Die Angst vor einer Kreditklemme greift um sich und lässt die Börsenbarometer rund um die Welt beträchtlich schwanken. Die Notenbanken helfen mit zusätzlicher Liquidität in Milliardenhöhe. Der Bericht vom internationalen Finanzmarkt.

Von Claus Tigges, Washington
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Das Geschehen auf den Finanzmärkten ist wahrlich nichts für schwache Nerven. Die Angst vor einer Kreditklemme greift um sich und lässt die Börsenbarometer rund um die Welt beträchtlich schwanken. Die Krise auf dem amerikanischen Hypothekenmarkt treibt die Investoren um, und die Furcht, die Schwierigkeiten der Banken dort könnten das gesamte Finanzsystem anstecken, lastet schwer auf der Bewertung vieler Aktien. Die Schwierigkeiten haben inzwischen sogar die Geldmärkte erreicht, denn verunsicherte Banker horten lieber ihr Geld, als es sich untereinander zu leihen, und sei es auch nur für eine Nacht.

Die Lage ist offenbar so brenzlig, dass sowohl die Europäische Zentralbank (EZB) als auch die amerikanische Federal Reserve, die Bank von Kanada, die australische Zentralbank und die Bank von Japan durch Geschäfte am offenen Markt den Anlegern zusätzliche Liquidität in Milliardenhöhe bereitgestellt haben. Die Spannungen auf den Geldmärkten sind entstanden, weil weitere europäische Banken über Schwierigkeiten berichtet haben, die direkt und indirekt mit dem amerikanischen Hypothekengeschäft zusammenhängen.

Seit einiger Zeit herrscht Nervosität

Die französische Bank BNP Paribas sah sich gezwungen, drei Fonds zu schließen, die sich über den Umweg verbriefter Forderungen am amerikanischen Hypothekenmarkt engagiert haben. Aufgrund der Illiquidität dieses Marktes seien eine Preisfeststellung und damit eine Rücknahme der Fondsanteile nicht mehr möglich, begründete die Bank ihre Entscheidung. Die Zinsen, welche sich die Banken für gegenseitige Ausleihungen über Nacht berechnen, kletterten daraufhin sowohl im Euro-Raum als auch in den Vereinigten Staaten deutlich in die Höhe. Erst die Geldspritzen der Zentralbanken beruhigten die Lage etwas.

Über die Zuspitzung der Ereignisse am Donnerstag und Freitag ist schon fast in Vergessenheit geraten, dass es trotz der seit einiger Zeit herrschenden Nervosität bisher immer wieder auch Handelstage gegeben hat, an denen Nachrichten über ausgezeichnete Unternehmensergebnisse und eine insgesamt robuste Weltkonjunktur dominierten und die Kurse steigen ließen. Der Dow-Jones-Durchschnittskurs der führenden 30 Industrieaktien an Wall Street pendelte in der vergangenen Handelswoche zwischen fast 13.700 Punkten und etwas mehr als 13.050 Punkten, eine Spannbreite von rund 5 Prozent.

Volatilitätsindex kletterte auf 28,30 Punkte

Wie groß die Verunsicherung der Marktakteure ist, lässt sich auch am Volatilitätsindex der Optionsbörse in Chicago ablesen. Dieser Index, ein Maß für die von den Börsianern kurzfristig erwartete Schwankungsanfälligkeit, kletterte auf 28,30 Punkte, den höchsten Wert seit vier Jahren. Den Marktteilnehmern in Deutschland ergeht es nicht besser: Der Deutsche Aktienindex Dax wurde zum Schluss der Handelswoche mit 7.343 Punkten berechnet, ein Minus von 3,6 Prozent zum Wochenhoch.

Das Einspringen der Notenbanken hat hier und da die Hoffnung geweckt, die Währungshüter könnten auch den Kurs ihrer Geldpolitik wechseln und die Leitzinsen senken. Danach sieht es bisher allerdings nicht aus. Eine kurzfristige Liquiditätsspritze ist noch keine Lockerung der Geldpolitik. Die EZB hat die Anleger erst in der vorletzten Woche auf eine Zinserhöhung im September eingestellt. Auch in Amerika, wo eine auf Glättung der Kurswogen zielende Zinssenkung als „Greenspan put“ bezeichnet wird, weil die Fed unter Greenspans Führung in dieser Weise sowohl auf die internationale Finanzkrise 1998 als auch auf das Zerplatzen der New-Economy-Blase 2001 reagiert hat, steht eine Senkung des Zielzinssatzes für Tagesgeld wohl nicht unmittelbar bevor.

Nur ein reinigendes Gewitter

Der geldpolitische Rat der Fed jedenfalls hat den Marktakteuren nach seiner Sitzung am Dienstag die Botschaft gesendet, dass es sich um ein reinigendes Gewitter handele, eine notwendige Neubewertung der Risiken. Ganz ähnlich äußerte sich auch der amerikanische Präsident George Bush nach einem Gespräch mit seinen Wirtschaftsberatern. Er sprach von einer Anpassung der Risiken, die von manchen Marktakteuren wegen der reichlich vorhandenen Liquidität vernachlässigt worden seien.

Zugleich erteilte Bush Forderungen eine Absage, den staatlich geförderten Immobilienfinanzierern Freddie Mac und Fannie Mae solle erlaubt werden, zusätzliche Hypothekenkredite von anderen Banken zu kaufen, um deren Schieflage zu beenden. „Wir sollten keine Steuergelder dafür ausgeben, Kreditgebern aus der Klemme zu helfen. Der Markt wird das regeln“, sagte Bush und äußerte sich zuversichtlich, dass dem Häusermarkt noch eine „weiche Landung“ gelingen werde.

Kaum ein schnelles Ende der Marktturbulenzen

Weder Bush noch Bernanke und seine Kollegen können freilich mit Gewissheit sagen, wie es weitergehen wird. Insofern ist es durchaus nachvollziehbar, dass die Prognosen der professionellen Fed-Beobachter zur Entwicklung des Leitzinses ein Stück weit auseinanderliegen: Einige rechnen mit einer Zinssenkung um einen Viertelprozentpunkt im September, andere sagen dies erst für Dezember voraus. Eine rasche Zinssenkung halten Bankökonomen nur für den Fall für denkbar, dass sich die Lage an den Märkten trotz der verhältnismäßig guten Fundamentaldaten weiter zuspitzt und eine Krise drohte, die das Finanzsystem ins Wanken bringen könnte.

In Europa wird die Unsicherheit darüber, welche Banken, Hedge-Fonds oder Beteiligungsgesellschaften wohl noch im amerikanischen Hypothekensumpf stecken, noch eine Weile fortdauern. Weitere unliebsame Überraschungen sind wahrscheinlich. Obwohl sich dies alles vor dem Hintergrund einer ungewöhnlich guten Konjunktur im Euro-Raum und zumal in Deutschland ereignet, ist ein schnelles Ende der Marktturbulenzen derzeit nicht in Sicht. Die EZB muss nun beherzigen, was sie jüngst von den Marktteilnehmern gefordert hat: einen kühlen Kopf bewahren.

Quelle: F.A.Z., 13.08.2007, Nr. 186 / Seite 24
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