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Aktienmarkt-Analyse Anleger sehen Wahl in der Ukraine gelassen

22.03.2006 ·  Die Börse in der Ukraine hat sich trotz eingetrübter Konjunkturaussichten zuletzt überraschend gut geschlagen. Auch der unsichere Ausgang der Parlamentswahlen am Sonntag hat den Kursaufschwung bisher nicht gebremst.

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Umfragen zufolge wird es bei den am kommenden Sonntag anstehenden Parlamentswahlen in der Ukraine keinen eindeutigen Sieger geben.

Der Verlierer der im Winter 2004/2005 abgehaltenen Präsidentschaftswahlen Janukowitsch und seine „Partei der Regionen“ wird zwar als stärkste Kraft gesehen. Aber die beiden anderen Blöcke um den Staatspräsidenten Juschtschenko („Unsere Ukraine“) und der ehemaligen Ministerpräsidentin Timoschenko („Block Timoschenko“) dürften zumindest so stark sein, daß Janukowitsch ohne Unterstützung nicht über eine Mehrheit verfügen wird. Und wer sich letztlich mit wem verbündet, scheint in der Ukraine nicht seriös prognostizierbar zu sein. Nach den turbulenten Ereignissen der vergangenen Monate, die in der Entlassung von Timoschenko und der später vom Parlament erwirkten Absetzung der Regierung gipfelten, scheinen nach den Wahlen alle Konstellationen denkbar zu sein.

Bedeutsam sind die Wahlen übrigens auch deshalb, weil das Land gemäß der beschlossenen Verfassungsänderung von einer Präsidial- in eine parlamentarische Republik gewandelt wird. Das Parlament wird damit künftig die entscheidende politische Kraft sein. An der Börse gehen die Akteure mit dem unsicheren Wahlausgang und der damit verbundenen Unkenntnis über die weitere konkrete Ausgestaltung der Wirtschaftspolitik sehr gelassen um. Der offizielle Aktienindex PFTS, der im März neue Rekordkurse markierte, ist seit Ende 2005 um fast 20 Prozent gestiegen. Die bisherige Jahresbilanz fällt somit trotz der politischen Turbulenzen sogar etwas besser aus als beim gleichzeitig um 19,4 Prozent gestiegenen MSCI Emerging Markets Eastern Europe Index.

Hausse auch durch eingetrübte Konjunkturaussichten nicht zu bremsen

Diese Zwischenbilanz ist auch deshalb erstaunlich, weil die Ukraine nach der im Januar getroffenen Entscheidung der Russen, für ihre Gaslieferungen an das Nachbarland künftig doppelt so viel zu verlangen wie bisher, volkswirtschaftlich gesehen mit einem großen Problem zu kämpfen hat. Die Wirtschaft des Landes gilt nämlich als sehr energieintensiv, was zur Folge hat, daß die Preiserhöhung stark auf die Unternehmensgewinne durchschlägt. So befürchten die Analysten beim Asset Manager Foyil Securities bei Unternehmen aus Branchen wie die Chemie und dem metallverarbeitenden Gewerbe mit bis zu 30 Prozent sinkenden Nettogewinnen.

Die Regierung sagt in ihrer Prognosen für 2006 zwar noch immer eine leichte Belebung des Wachstums von 2,6 auf 2,8 Prozent voraus. Aber das scheint momentan eher Wahlkampfgeplänkel zu sein. Bei der Würdigung des momentanen Konjunkturzustands muß der im Vorjahr erlittene scharfe Einbruch berücksichtigt werden. Denn mit einem Rückgang von 12,3 Prozent auf 2,6 Prozent legt das Wachstum eine Vollbremsung hin. Verantwortlich dafür waren zwischenzeitlich gefallene Preise für das wichtige Exportgut Stahl, aber vor allem auch eine negativ aufgenommene Wirtschaftspolitik. Die von der damals noch amtierenden Ministerpräsidentin Timoschenko verfolgte Rückabwicklung früherer Privatisierungen war nämlich anders als von ihr erhofft überhaupt nicht positiv aufgenommen worden. Obwohl damit von der Vorgängerregierung begangenes Unrecht korrigiert werden sollte, zeigten sich die Börsianer verunsichert wegen der damit verbundenen Frage nach der Sicherheit des Eigentums in der Ukraine. Und die direkt von dieser Politik negativ betroffenen Oligarchen, denen Staatsbetriebe günstig zugeschanzt worden waren, reagierten mit einem Investitionsstopp.

Aber weder diese unvorteilhaften wirtschaftlichen Entwicklungen noch das politische Chaos haben es vermocht, den ukrainischen Aktienmarkt aus der Bahn zu werfen. Im Gespräch mit vor Ort agierenden Investoren zeigt sich dabei immer wieder, daß diese gelernt haben, mit den kurzfristigen Verwerfungen zu leben, und stattdessen fest an das langfristig vorhandene Potential der Ukraine glauben.

Investoren setzen auf günstige Bewertung und langfristiges Nachholpotential

„Die Ukraine ist ein großes Land mit einer geographisch sehr guten Lage und einer sehr diversifizierten Industrie“, sagt Aivaras Abromavicius. Der Fondsmanager der auf Osteuropa spezialisierten schwedischen Fondsgesellschaft East Capital glaubt an eine positive Zukunft des Landes und begründet das unter anderem wie folgt: „Die jüngste Einkaufstour der Ausländer auf dem ukrainischen Bankenmarkt wird zu tieferen Zinsen führen und dadurch die Wirtschaft ankurbeln. Außerdem ist auch in anderen Sektoren wie Stahl, Einzelhandel und Konsumgütern, aber auch in anderen Branchen, mit einem starken Anziehen der ausländischen Direktinvestitionen zu rechnen.“

Um die längerfristigen Aussichten der Konjunktur ist ihm vor diesem Hintergrund nicht bange. Außerdem hat er seine bereits getätigten Käufe an der ukrainischen Börse unter der Annahme getätigt, daß speziell die Vermögenswerte in der Ukraine gemessen an den Relationen in anderen Schwellenländern noch immer niedrig bewertet sind. So wird der Ölkonzern Ukrnafta selbst nach einer Kursvervielfachung mit einem einstelligen KGV und einer ansehnlichen Dividendenrendite gehandelt - übrigens auch in Deutschland (Isin US9037272047). Ergänzend dazu weist Fondsmanager Tim Drinkall von der ebenfalls aus Schweden stammenden Fondsgesellschaft Gustavus Capital auch noch darauf hin, daß die ukrainische nach Ansicht vieler Experten weltweit eine der am stärksten unterbewerteten Währungen ist.

Beitritt zur Welthandelsorganisation und der EU als Ankerpunkte

Wer das ähnlich sieht und außerdem daran denkt, daß die Ukraine, wenn alles glatt läuft, in diesem Jahr noch in die Welthandelsorganisation aufgenommen wird, für den sind Investments in der Ukraine durchaus eine Überlegung wert. Und das gilt natürlich erst Recht dann, wenn der eingeschlagene Weg in Richtung EU weiterverfolgt wird. Aber da sich selbst der als Rußland-freundlich geltende Janukowitsch für eine Beibehaltung des EU-Kurses ausgesprochen hat, scheint hier derzeit zumindest von ukrainischer Seite keine Gefahr zu lauern.

Was in gewisser Weise mit Blick auf die Politik trotz des verlorenen Elans der „Orangenen Revolution“ Mut macht, ist die Tatsache, daß sich anders als bei den Präsidentschaftswahlen die Akteure weitgehend an die demokratischen Spielregeln zu halten scheinen. Nur fünfzehn Monate nach dem von Wahlfälschungen und einem Vergiftungsversuch an Juschtschenko begleiteten Urnengang wäre das schon ein enormer Fortschritt. Schließlich stand das Land damals kurz vor einem Bürgerkrieg. Doch obwohl auch dieses Mal der Wahlausgang auf der Kippe steht, ist derzeit „alles ruhig und niemand rechnet mit neuen Krawallen“, wie Händler Dimitri Grube von Foyil Securities berichtet.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @JüB
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