Home
http://www.faz.net/-gv7-o0g1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Zocker-Report Skandale, Licht und Bier

04.08.2006 ·  Es geht doch nichts über eine hübsche Mantel-Spekulation, und sei sie noch so verwegen. Doch an der „Westafrikanischen Pflanzungsgesellschaft Victoria“ haben sich schon mehrere Anleger die Finger verbrannt. Dann doch lieber ein frisches Alt-Badisch Dunkel von Moninger.

Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (0)

War der Juli nicht ein schöner Monat? Nach den starken Kursverlusten der Vormonate ging es endlich mal wieder schön aufwärts. Auch im breiten Markt änderte sich einiges, es kam zu einem Favoritenwechsel.

Vorbei scheinen die Glanzzeiten der Aktie der Mauser-Waldeck zu sein. Der Anteilsschein der mauser-toten Gesellschaft verlor rund 24 Prozent. Nicht, daß es nunmehr keine Zocks mit Börsenmänteln gäbe - nur eben halt mit anderen.

Vom Kamerunberg bis zum Gießener Landgericht

Zum Beispiel mit der „Westafrikanischen Pflanzungsgesellschaft Victoria“ (WAPV), die einst die größte Kakaoplantage der Welt unterhalten haben soll und 1910 eine Dividende von 15 Prozent zahlte. Zwischen den Kriegen pflanzte man hauptsächlich Bananen. Nach dem II. Weltkrieg verliert sich die Spur im Dunkel der Geschichte.

Spätestens seit den achtziger Jahren aber war die Gesellschaft offenbar immer wieder Mittelpunkt von allerlei Skandalen. Mitte des Jahrzehnts empfahl laut dem Rottenburger Händler mit historischen Aktien, Joachim Hahn ein „zwielichtiger Anlageberater“ aus dem pfälzischen Hochspeyer, der auch als Großaktionär und Vorstand fungierte, das Papier als Investition in ein „aussichtsloses und fragwürdiges“ Hotelprojekt in Brasilien.

Als sich der Vorstand des damaligen Großaktionärs Vome-Effekten-Holding SA, Eberhard Volkmann, schließlich zurückzog übernahm 1996 die AKJ Allgemeine Leasing Aktiengesellschaft die Aktienmehrheit.

Mitte 1998 schlug die Kriminalpolizei zu. AKJ-Chef Wilhelm Just setzte sich über Kanada und Brasilien ab. Dort 2002 verhaftet, verbrachte er zwei Jahre in Auslieferungshaft, bevor er aufgrund eines umfassenden Geständnisses vom Gießener Landgericht zu sechs Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Aufgrund der langen Auslieferungshaft wurde er zur Bewährung erlassen.

Konkursverfahren nicht vor 2007 zu Ende

Zwischenzeitlich versuchte eine MG Beteiligungsgruppe erfolglos das Unternehmen zu übernehmen. Dies scheiterte jedoch .- wohl nicht zuletzt an Kodex-Verstößen, die es laut einer Analyse der DB Research gegeben hat.

Just, der sich als Justizopfer sah, und laut Presseberichten nur äußerst widerwillig gestand, machte dem Konkursverwalter Reuss und der Staatsanwaltschaft mit Strafanzeigen das Leben schwer, wodurch sich auch das Konkursverfahren immer noch hinschleppt.

Frühestens Mitte 2007 könne das Anschlußkonkursverfahren über die AKJ abgeschlossen werden, hieß es zuletzt von der Kanzlei Reuss & Partner. bei den verantwortlichen Vorständen und Aufsichtsräten seien mit einer Ausnahme keine Vermögenswerte gefunden worden.

Daher hat auch der Börsenmantel allen Gerüchten zum Trotz derzeit keine Chance auf Verwertung. Nichtsdestoweniger, so ein Anleger „explodiert der Kurs alle paar Jahre“. Diese Begründung brachte ihm indes verdienten Spott ein. Nichtsdestoweniger stieg der Aktienkurs im Juli um 58 Prozent.

Vor dem Neustart ins Ungewisse

Mehr ist da an der Bintec Communications dran, einem Wert aus der Zeit des Techno-Hypes, mit einem Plus von 167 Prozent der Highflyer des Monats. Der einzig verbliebene Gläubiger von Bintec, Falk Strascheg, und die VEM Aktienbank wollen Bintec aus der Insolvenz zu führen.

Im Rahmen des 2003 eingeleiteten Insolvenzverfahrens wurde seinerzeit das wesentliche Aktivvermögen der Gesellschaft auf eine GmbH übertragen, die an Funkwerk verkauft wurde. Mit dem Rest des Vermögens wurden alle Gläubiger außer Strascheg befriedigt.

Bintec ist daher ein leerer Börsenmantel, der dann sauber sein wird, wenn die Hauptversammlung einem Kapitalschnitt und die Änderung der Firmierung genehmigt. Dann will Strascheg auf seine Forderungen verzichten.

Doch ob das alles so durchgeht ist wie immer offen. Außerdem fehlen noch die Jahresabschlüsse seit 2004. Durch die Zahlen kann aber laut Bintec die weitere Umsetzung des Sanierungskonzepts noch verändern, so daß die Spekulation recht riskant ist.

Erleuchtung für Linos-Aktionäre

Gewiß sind dagegen die Übernahmeambitionen, die die Qioptiq-Gruppe in bezug auf den Lichttechnologie-Spezialisten Linos hegt. 16 Euro je Aktie bieten die Franzosen. Der Linos-Vorstand stehe dem Übernahmeangebot „grundsätzlich positiv gegenüber“, wie er laut der „Passauer Neuen Presse“ auf einer Betriebsversammlung in Regen erklärt haben soll. Kein Wunder also, daß der Kurs um 57 Prozent auf zuletzt 15,71 Euro stieg. Schön für den, der dabei war.

Übrigens können auch fehlgeschlagene Übernahmen für Kursanstiege sorgen. So legte die Aktie des Brauhauses Moninger, zu deren Produkte unter anderem Alt-Badisch Dunkel und naturtrübes, ungefiltertes Zwickel gehören, im Juli um 83 Prozent zu. Der offenbar gelungene Turnaround beim besonders durch hohe Pensionslasten in Schwierigkeiten geratenen Brauer allein wäre für eine Kurssteigerung ja schon genug gewesen.

Turnaround läßt Moninger noch frischer schmecken

Der Absatz stieg im vergangenen Jahr um rund 50 Prozent, besonders dank der Lohnbrauerei, weshalb der Umsatz nur um 16 Prozent anzog. Der operative Gewinn verdoppelte sich und erstmals wurde auch unter dem Strich wieder ein Überschuß erzielt.

Doch der wahre Wert der Spekulation liegt eher darin, daß zwar der zur Oetker-Gruppe gehörige Braukonzern Radeberger bis 2007 endgültig das operative Geschäft der Mutter Stuttgarter Hofbräu schluckt - nicht aber Moninger. Hier seien die Preisvorstellungen zu stark auseinander gegangen, schreibt das Nebenwerte-Journal.

Aber, so die Zeitschrift, auf längere Frist werde ein großer Bierkonzern Moninger schlucken. Ergo, so die Anleger, müssen die ja mehr zahlen, zumal sich die Lage des Unternehmens seit der Vereinbarung der Übernahme des Hofbräugeschäfts durch Radeberger stark verbessert hat. Und so heißt die Devise am Markt: Einkaufen, zurücklehnen, auf die Übernahme warten und derweil ein Bierchen zischen. Na denn Prost.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @mho
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
25.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.339,94 +0,38%
 OK
25.05.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.339,94 +0,38%
FAZ-INDEX 1.377,69 −0,11%
TecDAX 752,47 +0,08%
MDAX 10.196,40 −0,34%
SDAX 4.817,28 +0,29%
REX 434,70 −0,15%
Eurostoxx 50 2.161,87 +0,25%
F.A.Z. EURO 69,61 +0,13%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
Nasdaq 100 2.527,05 −0,17%
S&P500 1.317,82 −0,22%
Nikkei225 8.580,39 +0,20%
EUR/USD 1,2515 −0,14%
Rohöl Brent Crude 106,90 $ +0,14%
Gold 1.569,50 $ +0,06%
Bund Future 144,35 € +0,25%