30.06.2006 · Auch im Juni klettern die Kurse so manches obskuren Aktientitels. Neuer Trend scheint das Spekulieren auf den positiven Ausgang von Prozessen nach der Insolvenz zu sein.
Der Juni hat es den Anlegern nicht leicht gemacht. Die Konsolidierung, die im Mai eingesetzt hat, ging im Juni weiter. Wie gut, daß der letzte Tag des Monats einen einigermaßen versöhnlichen Abschluß bringt.
Unter den Gewinnern im breiten Markt tummeln sich auch im Juni immer noch einige alte Bekannte. Fast ein Jahr kann die Aktie des insolventen Büromittelherstellers Mauser-Waldeck nun schon praktisch jeden Monat mit großen Kurssteigerungen glänzen.
News von Mauser-Waldeck ohne Bedeutung
Im Juni waren es zwar nur 49 Prozent - aber das reicht ja auch. Immerhin gibt es sogar Nachrichten - oder etwas ähnliches. Die Hessische/Niedersächsische Allgemeine Zeitung berichtet, daß die Firma Mauser Sitzkultur ihren Firmensitz Mitte dieses Jahres nach Berndorf verlegt, weil am alten Sitz der Pachtvertrag ausläuft.
Mauser Sitzkultur hat laut Geschäftsführer Michael Papenheim im Jahr 2004 einen um 20 Prozent höheren Umsatz von vier Millionen Euro realisiert und will zudem die Polsterei zumindest in Teilen zurück ins Unternehmen holen. Die Polsterei sei eine Kernkompetenz der früheren Mauser-Waldeck gewesen und werde von der Kunden geschätzt. Das rechtfertigt zwar auch keinen Kursanstieg, aber 22,8 Millionen für einen Börsenmantel ohne konkrete Zukunft ist ja kein Preis, oder?
Kursanstiege gab es auch bei anderen Mänteln, vor allem solchen, die ernsthafte Lebenszeichen zeigen. Tauris Solar Tauris Solar - so heiß wie die Sonne legten 145 Prozent zu. Da es noch keine Zahlen vom Unternehmen gibt, weiß zwar niemand, was es eigentlich wert ist, aber gerade deswegen läßt sich ja trefflich spekulieren. Ähnliches gilt auch für die skandalumwitterte Comroad (Aussicht auf Neuanfang treibt Comroad-Aktie), deren Kurs immerhin 42 Prozent zulegte.
Walter Bau: Hoffen auf die Künste des Insolvenzverwalters
Ansonsten geht das übliche Gezocke mit den Börsenmänteln längst dahingeschiedener Firmen weiter. Nur, daß mittlerweile wohl nicht mehr gewartet wird, bis sich der Rauch richtig verzogen hat. Wie anders wäre zu erklären, daß sich die Vorzüge von Walter-Bau mit einem Plus von 60 Prozent und CBB mit einem Zuwachs von 78 Prozent unter den Gewinnern finden?
Gerade im ersteren Fall gibt es viel, woran sich vage Hoffnungen klammern, im wesentlichen auf eine Weiterführung des Unternehmens in kleinerer Form. Andeutungen des Insolvenzverwalters Werner Schneider werden in dieser Richtung interpretiert. Wie heißt es doch in einem Forum: „Erst wenn Schneider sagt, es ist Ende, dann ist doch wohl auch erst Ende. Und Schneider hat, so wie ich informiert bin, auch schon Unternehmen gerettet, oder etwa nicht???“ Die drei Fragezeichen sind irgendwie sinnfällig für die ganze Spekulation.
CBB: „Halten Sie die Schnauze“
Noch jünger ist der Insolvenzantrag der Concordia Bau und Boden, kurz CBB Holding. Das Verfahren wurde erst im April eröffnet und ist der Gipfel einer Geschichte voller Klagen, Prozesse und allerlei Merkwürdigkeiten. Das ursprünglich 1850 als Bergbaugesellschaft gegründete Unternehmen war zuletzt auf das Management von Immobilien und Fonds spezialisiert.
In den neunziger Jahren engagierte sich der umstrittene Kölner Immobilienkaufmann Günter Minninger. Dieser steuerte als Großaktionär und Vorstandsvorsitzender bis 1996 erfolglos gegen die allgemeine Marktschwäche. Concordia rutschte tief in die roten Zahlen (Aktie von Stolberger Telecom besser meiden).
In den vergangenen Jahren stieß vor allem der Umgang mit den Aktionären vielen sauer auf. Im Jahr 2004 fand sich CCB im „Schwarzbuch Börse“ wieder. Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger berichtete, Vorstand Rainer Kahrmann habe auf einer Hauptversammlung zwar keine Bilanz vorgelegt, dafür aber einen Aktionär mit den Worten „Halten Sie die Schnauze“ zur Ordnung gerufen.
Erst auf zähes Nachfragen habe Kahrmann seinerzeit eine Excel-Tabelle vorgelegt und bezeichnete die 400 Millionen Euro, die an seine Gesellschaft geflossen sein sollen, als „Legende wie den Yeti“ - er habe das Geld nie erhalten. Es kam zu staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren.
Rin in die Hauptversammlung, raus aus die Hauptversammlung
Eine von Minderheitsaktionären einberufene Hauptversammlung verhinderte CBB per Gerichtsbeschluß. Die Aktionäre hatten dazu mit der Begründung eingeladen, daß die Verwaltung seit drei Jahren die Rechte der Aktionäre mißachte, indem sie keinerlei Auskünfte über den Stand der Gesellschaft gebe. So seien unter Mißachtung der handels- und aktienrechtlichen Vorschriften keinerlei Bilanzen für die Jahre 2002 und 2003 vorgelegt worden, außerdem irreführende Mitteilungen gemacht worden.
So sei mitgeteilt worden, daß ein Verlust in Höhe der Hälfte des Grundkapitals bestünde. Danach sei in einer Ad-hoc-Mitteilung suggeriert worden, daß der Verlust doch nicht eingetreten sei. Nachdem die erzwungene Hauptversammlung verhindert worden war, verkaufte die Grundrendite Liegenschaften & Co. Wohnbauten KG, an der die CBB Holding als Komplementärin beteiligt ist, im September ihren gesamten Immobilienbestand von 2.025 Wohnungen an ein Tochterunternehmen der Vivacon.
Dann folgte der Insolvenzantrag der CCB im Januar. Eine zwischenzeitlich vom Unternehmen anberaumte Hauptversammlung wurde wieder abgesagt. Wer bei dieser verworrenen Unternehmensgeschichte investiert, muß schon sehr wagemutig sein. Klagen und Prozesse dürften wohl bevorstehen - mit höchst ungewissem Ausgang.
Schneider Technologies : Staatsaffäre ohne Ende
Mitten drin in denselben befinden sich Vorstände und Aktionäre der 2002 in Insolvenz gegangenen Schneider Technologies. Entstanden aus der Schneider Rundfunkwerke, sollte das angeschlagene Unternehmen mit Hilfe der staatlichen bayerischen Förderbank LfA und dem Laser-Fernsehen gerettet werden.
Die LfA hielt als Hauptaktionärin nach 1998 zunächst 41 Prozent der Aktien, verringerte diesen Anteil aber bis zum Zeitpunkt der Insolvenz auf 18,18 Prozent. Eine Million Papiere soll die LfA in diesem Zeitraum, als der Kurs zeitweise von 10 auf 70 Euro stieg, verkauft haben.
Ungeklärt ist, ob die LfA Gewinne dabei gemacht hat oder Verluste „in unterer einstelliger Millionenhöhe“, wie der ehemalige Wirtschaftsminister Otto Wiesheu behauptet hat. Ungeklärt ist die Rolle der Förderbank bei dem kriselnden Unternehmen überhaupt. Die ehemaligen Schneider-Vorstände behaupten in einer jüngst eingereichten Klage vor dem Landgericht München, die Förderbank habe sich nicht an die Vereinbarung gehalten, das Unternehmen zu sanieren, vielmehr die Öffentlichkeit falsch über die Situation von Schneider informiert.
Nach Medienberichten soll die LfA auch stets behauptet haben, sie habe zu keinem Zeitpunkt unternehmerische Entscheidungen beeinflußt. In einem Prospekt zur Kapitalerhöhung aus dem Jahr 2000, den die LfA zusammen mit der Investmentbank Lehman Brothers aufgelegt hat, steht laut der „taz“ dagegen, die LfA sei in der Lage, „wichtige unternehmerische Entscheidungen, die der Zustimmung der Aktionäre bedürfen, zu kontrollieren“.
„Erstmals der umfassende Beweis angetreten“
Mitte des Monats sorgte dann eine Pressemeldung der Kraus-Widmer Consulting für Hoffnung, daß Bewegung in den Fall kommt. Bezug wird dabei genommen auf ein als „Testament“ eines Vorstandsmitglieds bezeichnetes Dokument, womit „erstmals der umfassende Beweis angetreten“ werde, wonach „eine Emissionsbank“ entgegen früherer öffentlicher Verlautbarungen unmittelbar vom Vorstand der Schneider Technologies konkrete Kenntnis über mehrere Unternehmensinterna erhalten habe. Darauf basierend seien lange vor der Insolvenzantragsstellung weiterführende Entscheidungen zu Lasten der übrigen Aktionäre und Mitarbeiter getroffen worden.
Die Kraus-Widmer Consulting versteht sich als „zentrale Anlaufstelle bei der Aufklärung der Affäre um die insolvente Schneider Technologies AG“. Ihre Recherchen hätten die Affäre „entscheident (sic!) befördert“ und letztlich zu den nunmehr erhobenen Schadenersatzklagen geführt.
Wie immer bei solch verworrenen Affären, läßt sich die Angelegenheit für einen Außenstehenden sehr schwer einschätzen. Welche Aussagen glaubwürdig sind, läßt sich kaum beurteilen, noch weniger, ob diese genügend Beweiskraft haben, um eine Verurteilung zu erreichen. Die Vermutung, daß nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist, liegt zwar nahe, zumal sich auch die Opposition im Landtag zwischenzeitlich in den Fall eingeschaltet hatte, aber ob die Schneider-Aktionäre jemals irgendeine Entschädigung sehen werden, ist doch fraglich.
Aber hoffen kann man ja mal, daß in einem Prozeß etwas hängenbleibt. Das ist dann auch Grund genug für so manchen Kursanstieg. Im Falle Schneider waren es im Juni immerhin 114 Prozent.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |