Home
http://www.faz.net/-gv7-o0dd
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Zocker-Report Der Glaube bewegt die Kurse

07.04.2006 ·  Es geht nicht darum, was ein Unternehmen wert ist, sondern vielmehr darum, was die Mehrheit der an der Börse Handelnden glaubt, daß es morgen wert sein könnte. Und dieser Glaube kann Kurse versetzen - wehe dem, der unter dieselben gerät.

Artikel Bilder (7) Lesermeinungen (0)

Der März war ein Börsenmonat mit Licht und Schatten. Zwar legte der Dax rund 150 Punkte zu, der TecDax aber gab rund 20 Punkte ab. Auch außerhalb der Indizes im breiten Markt fand sich das: Licht und Schatten.

Immerhin 560 Prozent legte aller Vernunft zum Trotz die Aktie der Versandhandelsabwicklungsgesellschaft zu. Also befand sich mal wieder einer von diversen Börsenmänteln unter den erfolgreichsten Aktien des Monats.

Porta auf dem Holzweg in die Insolvenz

Wie nicht anders zu erwarten war die frühere Aktie des Oppermann-Versands nicht die einzige Gesellschaft ohne operatives Geschäft, die dank Spekulationen zum Star für einen Monat wurde.

Ein anderer Fall ist Porta Systems. Porta ist als Aluminium- und Holzverarbeiter und Hersteller von Fenstern, Türen, Wintergärten und Vordächern durchaus ein Begriff auf dem deutschen Markt und hatte nur eine kurze Börsengeschichte.

1998 ging das Unternehmen auf das Parkett. Kurz darauf begannen sich erste Schwierigkeiten abzuzeichnen. Im März 1999 lag das Unternehmen nach den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres unter Plan und verfehlte im Gesamtjahr die Ziele. Im April 2000 kam mit der Hain Fenster & Türen GmbH & Co. KG ein weiteres Produktionswerk für Holzfenster zur Gruppe.

Doch dies erwies sich als Fehler. Zu viel Geld, so Vorstand Karl-Heinz Büsching Mitte September gegenüber dem Mindener Tageblatt, sei in einen sterbenden Holzmarkt gesteckt worden. Verbraucher setzten zunehmend auf gute Kunststoffqualität, anstatt auf teures Holz. Eine Folge war, daß Hain Insolvenz anmelden mußte. Im Juni 2002 war die Hälfte des Grundkapitals aufgezehrt, im darauffolgenden März folgte der Insolvenzantrag der Porta Systems.

Die Achterbahnfahrt der Internolix

Danach wurde es still, bis Mitte März der Kursanstieg vom jahrelangen Niveau zwischen vier und sechs Cent begann. Bei 11,1 Cent erreichte die Aktie am Freitag damit ein Drei-Jahres-Hoch. Grund ist die Mitteilung des Händlers von Börsenmänteln, Carthago Capital Beteiligungen, daß man mittlerweile 17,4 Prozent an der in Liquidation befindlichen Gesellschaft halte. Man beabsichtige, die Gesellschaft nach Durchführung eines
Insolvenzplanverfahrens neu auszurichten. Ein wichtiger Vorteil sei, daß Porta Systems im Amtlichen Markt notiert sei. Für spekulative Anleger Grund genug zuzugreifen.

Einem Börsenmantel ähnlich ist die Geschichte von Internolix. Erfolglos versuchte die Gesellschaft sich im Vertrieb von E-Commerce-Software. Im Jahr 2001 stieg dann der umstrittene Boulevard-Verleger Helbert ein, der vom Baur-Verlag als Partner bei der Zeitschrift Coupé herausgedrängt worden war.

Unter Helberts Ägide engagierte sich Internolix im Porno-Sektor, unter anderem bei Campoint, einer Gesellschaft, die unter anderem die Voyeur-Plattform „Visit-X“ betreibt. Vor allem startete Helbert mit Internolix die „X-News“ eine auf Erotik fixierte Zeitung „im Niveau unterhalb der Bild-Zeitung“, der allerdings kein Erfolg vergönnt war. Danach schien Helbert die Lust zu verlieren und zog sich im Jahr 2002 zurück. Danach übernahm die Media Netcom das Unternehmen zu 99,6 Prozent, geriet aber in Insolvenz und zog Internolix mit sich.

Zurück an die Anfänge

im Jahr 2004 wechselten 95,1 Prozent der Internolix in den Besitz einer Beteiligungsgesellschaft. Kurz darauf wurde der Insolvenzantrag zurückgezogen. Vorstand des Unternehmens, das laut eigener Darstellung wieder „in der Entwicklung und dem Vertrieb von Multimedia-Systemen, in der Entwicklung von Softwareanwendungen für das Internet und andere Online Dienste, im Hosting und Zahlungssystemen für das Bankwesen“ arbeitet, ist Jochen Hochrein, Vorstandsvorsitzender von Campoint und ebenso ehemaliger Vorstand bei der Infogenie Europe, der heutigen Wire Card, die gleichfalls Zahlungssysteme anbietet.

Im vergangenen Jahr erwirtschaftete Internolix Umsatzerlöse von 5,95 Millionen Euro mit einem Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 1,84 Millionen und einem Jahresüberschuß von 2,05 Millionen. Allein die wechselhafte Gesichte zeigt das Risiko, das mit dieser Aktie verbunden ist.

Allen gescheiterten Erotik-Unternehmen zum Trotz hält sich hartnäckig das Gerücht, daß die Renditen in diesem Bereich fantastisch seien. Und entsprechend wird Internolix nach einem Kursanstieg von 82,6 Prozent im März mit 16 Millionen Euro bewertet - obwohl das Unternehmen nur dürre Geschäftszahlen veröffentlicht hat und ein Geschäftsbericht bislang fehlt. Das Risiko der Aktie ist also weiterhin sehr hoch.

Ein Geschäftshaus macht Börsengeschicht(ch)e(n)

Internolix ist keinesfalls ein Einzelfall. Auch die Geschichte der CNV Vermögensverwaltung, einstmals Dino Entertainment und heute Business Media China war sehr wechselvoll und wurde mit einem Kursplus von 93,6 Prozent im März belohnt. Das trieb die Aktie in extreme Bewertungsregionen.

In solche Regionen trieb es auch die Aktie des Online-Werbevermarkters und United-Internet-Tochter Adlink. Die hat zwar ein etabliertes Geschäftsmodell - doch die Erwartungen sind nicht weniger exorbitant. Es ist halt das Internet-Geschäft, das die Phantasie reizt.

Obwohl doch mancher eines besseren belehrt sein müßte. Denn der Geschäftszweck der Informica.de wurde erst vor wenigen Wochen von der Erbringung von „Internetdienstleistungen aller Art“ auf die Verwaltung des eigenen Vermögens und das Immobilien-Geschäft umgestellt. Man werde „die Gesellschaft mit renditestarken Immobilien ausstatten, welche eine hohe dauerhafte Ausschüttung garantieren“. Man habe bereits ein Objekt in Würzburg angekauft, ein Erbbaugrundstück mit zehn Wohn- und einer Gewerbeeinheit auf 1.500 Quadratmetern.

Das reicht wohl, die Aktie legte im März 114 Prozent zu, obwohl vom Unternehmen nicht mehr bekannt ist als das. Allein der Glaube macht's, denn Informica.de ist aktuell mit 8,93 Millionen Euro bewertet. Selbst für ein Haus in Würzburg ist das eine Menge Geld.

Übrigens hält sich nicht nur der Glaube an den Geschäftserfolg von Pornografie und Erotik hartnäckig. Auch beim Rechtsdienstleister Foris warten viele Anleger auf den großen Knall im Geschäft mit der Prozeßfinanzierung, geduldig, seit Jahren. Stattdessen aber verdient das Unternehmen sein Geld hauptsächlich mit dem Handel mit - zunehmend ausländischen - Vorratsgesellschaften.

Kurzum: auch die Börse hat schon etwas Religiöses. Nur daß der Glaube hier keine Berge, sondern Aktienkurse bewegt.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @mho
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
25.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.339,94 +0,38%
 OK
25.05.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.339,94 +0,38%
FAZ-INDEX 1.377,69 −0,11%
TecDAX 752,47 +0,08%
MDAX 10.196,40 −0,34%
SDAX 4.817,28 +0,29%
REX 434,70 −0,15%
Eurostoxx 50 2.161,87 +0,25%
F.A.Z. EURO 69,61 +0,13%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
Nasdaq 100 2.527,05 −0,17%
S&P500 1.317,82 −0,22%
Nikkei225 8.580,39 +0,20%
EUR/USD 1,2515 −0,14%
Rohöl Brent Crude 106,90 $ +0,14%
Gold 1.569,50 $ +0,06%
Bund Future 144,35 € +0,25%