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Dienstag, 14. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Zinssenkung Geht die Rechnung auf?

22.01.2008 ·  Zäh verläuft die Erholung an den amerikanischen Börsen, während anderswo die Kursverluste des Vortages teilweise ad acta gelegt werden. Eigentlich hätte man mehr erwarten sollen, doch noch ist offen, ob die Rechnung aufgeht.

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Als die amerikanische Notenbank im September erstmals nach vier Jahren den wichtigsten Leitzins senkte, und das gleich um 50 Basispunkte, reagierten die Aktienbörsen erfreut. Fast drei Wochen lang stieg der S&P-500 und markierte sogar ein neues Allzeithoch. Das Kunststück gelang dem Dax nicht ganz, aber mit 8041,26 Zählern kam er immerhin in greifbare Nähe.

Bekanntlich blieb es nicht bei dieser Senkung. Schon Ende Oktober folgte die nächste, diesmal nur um 25 Basispunkte. Das verhalf dem S&P-500 immerhin zu einem Plus von 1,2 Prozent. Doch die Herrlichkeit hielt nur einen Tag.

Vergebliche Zündungsversuche

„Das positive Momentum der Zinssenkung in den Vereinigten Staaten läuft aus“, stellten Händler an der Frankfurter Börse fest, als die europäischen Indizes deutlich ins Minus rutschten, rechneten doch die Börsianer nicht mit weiteren Senkungen.

Die folgten - zunächst nur sechs Wochen später und rund fünf Prozent im S&P-500 niedriger. Diesmal half es gar nichts. Denn die Wall Street reagierte enttäuscht auf die Entscheidung der Notenbank, hatte man sich doch an die Verabreichung des Aufputschmittels gewöhnt und auf mehr Stoff gehofft. Und daher hatte die Vorfreude schon für den „Kick“ und ein Kursplus von 3,7 Prozent in der Woche davor gesorgt.

Also versuchte man es anders. Gemeinsam mit vier anderen wichtigen Notenbanken startete man tags drauf eine konzertierte Aktion zur Rettung des kriselnden Geldmarktes. Das verhalf den europäischen Börsen zu schönen Aufschlägen, weil die Aktion dort kurz vor Börsenschluss angekündigt wurde.

Die amerikanischen Börsen drehten im Verlauf, als die Euphorie verflog, die Kursgewinne schrumpfen auf minimale Größe und der Finanzbereich, der hatte am meisten profitieren sollen, schloss im negativen Terrain.

Zähflüssige Erholung

Schiere Verzweiflung möchte man daher vermuten, betrachtet man sich den Schritt vom Dienstag, als die Fed vor Börseneröffnung eine dramatische Leitzinssenkung von 75 Basispunkten vornahm. Eine solch starke Zinssenkung hatte es in den vergangenen 18 Jahren nicht gegeben.

Allein es fruchtete nichts. Die Index-Futures schafften es nicht ins Plus und der Handel eröffnet mit deutlichen Abschlägen. Der Dow-Jones-Index der Standardwerte fiel in den ersten Handelsminuten um 3,5 Prozent auf 11.650 Punkte. Der breiter gefasste S&P-500-Index gab ebenfalls 3,5 Prozent auf 1278 Zähler nach, der Index der Technologiebörse Nasdaq gar fünf Prozent auf 2226 Stellen.

Indes erholten sich die Kurse im Verlauf, wenngleich eine gewisse Zähigkeit nicht zu übersehen ist, was angesichts eines historischen Ereignisses doch letztlich überraschen müsste. Das positivste Ergebnis war sicher, dass die Abschläge nicht so hoch ausfielen, wie es die Aktienfutures vor der Zinssenkung angedeutet hatten.

Nachhaltige Überinvestition

Auf den Börsen lastet die Sorge vor einer Rezession in den Vereinigten Staaten. Zudem belasten schlechte Quartalszahlen der amerikanischen Banken Wachovia und Bank of America die Stimmung.

Und dass ist das Entscheidende: die Stimmung. Mit aller Gewalt versucht die Fed den Niedergang der Finanzmärkte und die Rezession zu verhindern - mit den Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen.

Doch die tendenziell immer geringer werdende Erfolg immer stärkerer Maßnahmen gereicht zur Warnung. Nach der Überinvestitionsphase Ende der Neunziger begegnete die Fed dem Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Aktivität mit Zinssenkungen bis auf 1,5 Prozent. Doch dies wirkte nur kurz. Statt einem gesunden wirtschaftlichen Aufschwung entwickelte sich eine neue Überinvestition, diesmal im Immobiliensektor.

Zu rasches Handeln?

Hintergrund war vor allem, dass die lockere Geldpolitik nur einen langfristigen Breiteneffekt haben kann. Denn das frische Geld kommt nicht allen Wirtschaftssubjekten zugute, sondern zuerst und primär einigen wenigen Akteuren, die vermehrt Güter nachfragen und die stärker investitionsorientiert sind. Das kam den verreinigten Staaten kurzfristig vor allem über die Immobilien- und Kreditblase zugute.

Doch tatsächlich floss zuviel Geld in unproduktive Verwendungen und führte zu einer Finanzkrise, die die Ursache der aktuellen Probleme darstellt. Das Spekulieren auf Basis günstigern Zinsen und lockere Konventionen ist nicht mehr en vogue, solange alle noch ihre Wunden lecken. Mehr Geld kann daher hauptsächlich bewirken, dass die größten Löcher gestopft werden. Im günstigsten Fall bewirkt dies eine Stabilisierung und allmähliche Erholung.

Im schlimmsten Fall aber bleibt die Stabilisierung aus und die Notenbank verliert die Zinssenkung als Instrument der Konjunktursteuerung. Vor allem aber wird sie des Problems der beständig steigenden Geldmenge nicht Herr. Dieser Geldmengenüberschuss läuft dann von einem Feld des Finanzmarktes zum nächsten und sorgt für beständige spekulative Blasen, so wie die Dot.com-Blase vom Aktienmarkt auf den Anleihen- und Immobilienmarkt wechselte und zurück auf den Aktienmarkt schwappte.

Angeschlagene Wirtschaft

Zieht in diesem Umfeld aber die Notenbank die Zinsen an, um die Märkte zu stabilisieren, kann sich ein ähnliches Crash-Szenario herausbilden. Solange die Geldmenge stärker wächst als die Wirtschaft, wird sich daran auch nichts ändern. Börsenguru Marc Faber etwa bezeichnete das Geldmengenwachstum in den Vereinigten Staaten von 18 Prozent (!) im dritten Quartal als einer Bananenrepublik ähnlich.

Bei allem bleiben die strukturellen Probleme der amerikanischen Volkswirtschaft erhalten: eine schwache Währung, rekordhohes Haushaltsdefizit, ein gigantischer negativer Außenhandelsbilanzsaldo, angeschlagene Kreditmärkte, eine marode Infrastruktur, Wachstumsschwäche, drohende Inflationsprobleme: Das alles sind wirtschaftliche Ungleichgewichte, die man mit fragilen Schwellenländern verbindet . aber nicht mit der größten Volkswirtschaft der Welt, um deren nahe Zukunft man sich erhebliche Sorgen machen könnte, scheint sie doch von der Substanz zu leben.

Den Aktienmärkten haftet dagegen eine schier kindliche Unschuld an, denken viele Börsianer wenn auch an Morgen, dann doch häufig nicht weiter als übermorgen. Und so überrascht kaum, dass es ausgerechnet Aktien sind, die in der jüngsten Vergangenheit dramatisch an Wert verloren haben, die heute wieder gefragt sind: UBS, Ambac, MBIA, Merrill Lynch.

Das kann gut gehen, ebenso kann die amerikanische Geldpolitik dafür sorgen, dass das Land sich fängt. Ob dies ein Modell für die Ewigkeit oder auch nur für die Jahre nach 2010 ist, wird sich zeigen müssen. Jedenfalls kann es nicht schaden, weiter wachsam zu bleiben.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @mho
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13.02.2012 17:45 Uhr
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F.A.Z. EURO INDEX 80,48 +0,59%
Dow Jones 12.874,00 +0,57%
Nasdaq 100 2.569,49 +0,87%
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