Home
http://www.faz.net/-gv7-to4l
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Zinssenkung Die Fed stemmt sich gegen die Krise

22.01.2008 ·  Mit ihrer drastischen Zinssenkung will die amerikanische Notenbank dem Ausverkauf an den Finanzmärkten entgegentreten. Auch am Dienstag blieb die Lage an den Börsen rund um den Erdball gespannt. Schließlich setzte sich in Europa jedoch eine Erholung durch, während die Kurse in New York nachgaben.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Die amerikanische Zentralbank Federal Reserve hat am Dienstag auf die Panik an den Aktienmärkten über eine sich global ausweitende Rezession mit einer außerordentlichen und drastischen Zinssenkung reagiert. Das erste Mal seit 26 Jahren senkte die Federal Reserve den Leitzins um 75 Basispunkte, und zwar von 4,25 auf 3,5 Prozent. Die Zinssenkung wurde von der Notenbank eine Stunde vor Handelsbeginn an den amerikanischen Börsen verkündet, obwohl keine reguläre Sitzung der Notenbank zu einer Zinsentscheidung angestanden hatte.

Zinssenkungen außer der Reihe hat es bei der Federal Reserve zuletzt nur am 17. September 2001 kurz nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center in New York gegeben und am 2. Januar 2001 angesichts des Kurseinbruchs an den Börsen nach dem Platzen der Technologieblase.

Volatile Börsen

Die Federal Reserve begründete den überraschenden Schritt damit, dass sich die Schwäche am amerikanischen Immobilienmarkt ausweite und die Arbeitslosenquote in den Vereinigten Staaten steige. Sie reagierte aber auch auf die Panik an den Finanzmärkten, die sich am Dienstag zunächst in Asien und in Europa fortgesetzt hatte, nachdem die Märkte schon am Montag eine außerordentlich krasse Verkaufswelle erlebt hatten.

Nach einer deutlichen Schwäche reagierten die Aktienmärkte in Europa auf den Zinsschritt der Federal Reserve kurz mit hohen Kursgewinnen. So schnellte der deutsche Aktienindex Dax, der Anfang des Tages bis auf 6420 Punkte gerutscht war, im Höhepunkt wieder auf mehr als 6800 Punkte empor, gab dann aber wieder nach. Die Aktienmärkte in den Vereinigten Staaten eröffneten um 3 Prozent schwächer, weniger dramatisch, als vor der Zinssenkung befürchtet. Am Montag waren sie wegen eines Feiertages geschlossen geblieben, was die Unsicherheit an den Märkten erhöht hatte.

Der New Yorker Leitindex Dow Jones fiel kurz nach Handelseröffnung am Dienstag um zeitweise mehr als 460 Punkte. Das Marktbarometer erholte sich danach aber etwas und notierte zum Schluss um gut 1 Prozent schwächer bei 11 971 Punkten. Damit lag der Dow Jones um mehr als 15 Prozent unter seinem jüngsten Höchststand im Oktober. Ein Rückgang um mehr als 20 Prozent gilt als eine Baisse.

Kritische Blicke auf die Fed

Der breiter gefasste Aktienindex S&P 500 reagierte am Dienstag ebenfalls mit Verlusten von zunächst 2,7 Prozent. Belastend wirkten enttäuschende Ergebnisse der beiden Großbanken Bank of America und Wachovia. Beide Banken hatten Anlagen in Hypothekenpapiere in Höhe von mehreren Milliarden Dollar abgeschrieben. Zudem hatten die Banken wegen der unsicheren Wirtschaftslage ihre Rückstellungen für notleidende Kredite erhöht.

Am Dienstag litten am deutschen Aktienmarkt vor allem Titel, die Fondsmanager angesichts bisher moderater Kursabschläge noch günstig verkaufen konnten. Dies traf vor allem Eon, RWE, Deutsche Telekom, allerdings auch die Allianz. Andere zuvor sehr gebeutelte Titel erholten sich wie Hypo Real Estate, Rheinmetall und Heidelberger Druck. Insgesamt aber fielen die Aktien in Gesamteuropa den sechsten Tag in Folge. Der breite Index Stoxx 600 liegt nun um 20 Prozent unter dem Rekord der europäischen Aktienindizes der vergangenen sechs Jahre, der im Juni vergangenen Jahres erreicht wurde.

An den Märkten wurde am Dienstag zunehmend von Panik gesprochen, allerdings auch die Zinssenkung der Federal Reserve mit kritischen Augen gesehen. „Selbst die Entscheidung der Federal Reserve schmeckt ein wenig nach Panik“, sagte das Fondsmanagement des Vermögensverwalters F&C Asset Management in London. „Die Notenbank signalisiert damit, dass es um die Konjunktur wirklich schlecht steht, und bestätigt damit die schlimmsten Ängste des Marktes.“ Bedenklich werde es, wenn der Markt auf die Zinssenkung jetzt nicht positiv reagiere. Der Vermögensverwalter Schroders erwartet, dass die Federal Reserve den Leitzins bis Mai voraussichtlich bis auf 2,75 Prozent senken wird, um der Konjunktur unter die Arme zu greifen.

Schwache Asiaten

Die Aktienmärkte hatten am Dienstag in Asien zunächst mit Blick auf eine sich möglicherweise weltweit ausweitende Rezession mit drastischen Kursabschlägen eröffnet. In Australien endete der Index ASX 200 den Handel in Sydney mit einem Minus von 7,1 Prozent. In Indien brach der Aktienindex Sensex nach Aufnahme des Handels um fast 12 Prozent ein. Daraufhin wurde er automatisch für eine Stunde ausgesetzt.

Auch die Börse Hongkong mit ihrer großen Bedeutung für Festlandchina wurde stark in Mitleidenschaft gezogen. Am Dienstag meldete die Börse in Hongkong mit einem Verlust von 2061 Punkten den stärksten Einbruch, den sie je verzeichnet hat. Der Hang Seng Index endete 8,7 Prozent unter dem Niveau des Vortages. In Indonesien büßte der Markt zwischenzeitlich 10 Prozent ein. Bei Handelsschluss lag der Index 7,7 Prozent im Minus.

Technische Analysten in Asien warnen, dass die Indikatoren der meisten Indizes auf weitere Kursverluste hindeuteten. Komme es zu einer Rezession in Amerika und Europa, werde sich das Wachstum in Asien um bis zu 4,5 Prozentpunkte abschwächen, befürchten Analysten. Damit läge das Wachstum in Fernost nur noch bei der Hälfte des Wertes von 2006.

Japan erwägt keine Interventionen

In Tokio brach der Aktienindex Nikkei am Dienstag um 5,6 Prozent oder 753 Punkte auf 12 573 Punkte ein. So niedrig schloss der Index zuletzt im September 2005. In den ersten beiden Tagen dieser Woche hatte der Aktienindex 9,3 Prozent Wert verloren, seit dem Hoch im Juni vergangenen Jahres gut 31 Prozent. Der drastische Verfall gründet in der Angst, dass die Vereinigten Staaten in eine Rezession rutschen und Japans vom Außenhandel stark abhängige Wirtschaft in Mitleidenschaft gezogen werde. Auf die Stimmung an der Börse drückt zudem der stärker werdende Yen. Am Dienstag wurde der Dollar in Tokio zeitweise mit 105,61 Yen gehandelt, so niedrig wie zuletzt im Mai 2005. Ein Euro kostete knapp 153 Yen, fast 12 Yen weniger als Ende 2007.

Wenngleich japanische Regierungsvertreter immer häufiger vor den Risiken des stärkeren Yen warnen, erwägt die Regierung derzeit keine großen Interventionen, wie Finanzminister Fukushiro Nukaga am Dienstag erklärte. Die japanische Regierung hatte zuletzt am Jahresbeginn 2004 in die Devisenmärkte eingegriffen. In Tokio sagte Notenbankgouverneur Toshihiko Fukui zur Geldpolitik, die Notenbank ändere ihren geldpolitischen Kurs nicht von einem Tag auf den anderen. Der Rat der Zentralbank beließ den Leitzins bei 0,5 Prozent.

In den Vereinigten Staaten überschatten die insgesamt schwachen Resultate der Finanzbranche im vergangenen Quartal die in dieser Woche anlaufende Bilanzsaison an der Wall Street. Analysten rechnen derzeit mit einem Gewinnrückgang der im S&P 500 abgebildeten Unternehmen um 19 Prozent. Angesichts der schwachen Entwicklung an den Aktienmärkten raten einige Analysten allerdings bereits wieder zum Kauf von Aktien. „Es ist angesichts der Kursverluste für Anleger sinnvoll, ein zunehmendes Engagement am Aktienmarkt zu erwägen“, sagte Thomas McManus, Anlagefachmann bei der Bank of America.

Quelle: F.A.Z., 23.01.2008, Nr. 19 / Seite 21
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
25.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.339,94 +0,38%
 OK
25.05.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.339,94 +0,38%
FAZ-INDEX 1.377,69 −0,11%
TecDAX 752,47 +0,08%
MDAX 10.196,40 −0,34%
SDAX 4.817,28 +0,29%
REX 434,70 −0,15%
Eurostoxx 50 2.161,87 +0,25%
F.A.Z. EURO 69,61 +0,13%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
Nasdaq 100 2.527,05 −0,17%
S&P500 1.317,82 −0,22%
Nikkei225 8.580,39 +0,20%
EUR/USD 1,2515 −0,14%
Rohöl Brent Crude 106,90 $ +0,14%
Gold 1.569,50 $ +0,06%
Bund Future 144,35 € +0,25%