Der Kurs der Siemens-Aktie wird am Dienstag von einem negativen Pressebericht über eine bevorstehende Prognosesenkung bei einem freundlichen Gesamtmarkt belastet. Der Kurs fällt um 0,4 Prozent auf 71,44 Euro.
Siemens kämpft weiter mit der schleppenden Anbindung von Windparks auf hoher See an das Stromnetz. Im Ende März ausgelaufenen Quartal werde abermals eine Rückstellung in dreistelliger Millionenhöhe fällig, schreibt die „Financial Times Deutschland“ unter Berufung auf Informationen aus dem Unternehmensumfeld. Im Vorquartal hatte Siemens eine Abschreibung von 203 Millionen Euro verbucht.
Zudem müsse Siemens die Prognose eines Gewinns von 6 Milliarden Euro aus fortgeführtem Geschäft im Geschäftsjahr 2011/2012 (30. September) kippen. Dies solle mit Vorlage der Quartalszahlen am 25. April veröffentlicht werden.
Nichts Neues
„Die Zeitung kocht auf, was schon berichtet worden ist“, sagt ein Börsianer. Die Gewinnprognosen der Analysten seien mit 5,2 bis 5,4 Milliarden Euro bereits weit niedriger angesiedelt als die Prognose von Siemens von 6 Milliarden Euro. Finanzvorstand Joe Kaeser hatte außerdem vor über einer Woche wegen anhaltender Unsicherheiten im Energiesektor bereits ein Fragezeichen hinter die Schätzung für das Gesamtjahr gesetzt. Kaeser sagte dabei: „Solange es keine neue Prognose von uns gibt, gilt die alte.“ Dieser Satz war fast wörtlich einer Gewinnwarnung im Jahr 2010 vorausgegangen.
Siemens wollte die Informationen nicht direkt kommentieren. Ein Sprecher räumte auf Nachfrage aber ein, dass das Unternehmen für die Offshore-Umspannplattformen wohl „etwas zu optimistisch in der Zeitplanung gewesen“ sei. Mit den sogenannten HGÜ- Plattformen, das steht für Hochspannungs-Gleichstromtechnik, auf See habe man technisches Neuland betreten.
Auch die Zulassungsverfahren hätten sich verzögert. Ob es zu weiteren Verschiebungen bei der Installation der vier vom Netzbetreiber Tennet in Auftrag gegebenen Plattformen komme, liege an den Rahmenbedingungen. Ob sich diese geändert hätten, dazu werde sich Siemens bei der Vorlage der Quartalszahlen äußern. Lauit FTD zieht der Konzern personelle Konsequenzen: Udo Niehage, Chef der Stromübertragungssparte, müsse gehen.
Siemens-Aktie im Abwärtstrend
Zwar liegt die Siemens-Aktie entgegen einem freundlichen Markt im Minus, doch zeigt schon die Geringfügigkeit der Abschläge, dass eine Prognosesenkung mehr oder weniger schon in den Kursen enthalten ist. Das zeigen die niedrigeren Analystenprognosen ja nur allzu deutlich. Dass die Erinnerung an die Probleme in der Stromübertragungssparte dennoch auf die Stimmung drückt, ist nur allzu verständlich.
Die grundsätzlichen Probleme in der Stromübertragungs-Sparte seien bekannt, sagt Analyst Karsten Oblinger von der DZ Bank. Allerdings überraschten ihn die kolportierte Höhe der Belastungen und die angeblichen personellen Konsequenzen.
Branchenexperten hatten zuletzt aufgezeigt, dass Siemens keine glückliche Hand mit Großprojekten hat. Seit 2000 habe der Konzern mehr als 4,6 Milliarden Euro mit verpatzten Aufträgen versenkt. „Siemens hat eine lange Geschichte, Vorzeigeprojekte mit Verlust abzuschließen“, hieß es in einer Studie. „Und der Trend ist nicht ermutigend.“
Bei einer Bewertung der Aktie mit geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnissen von rund 11 für das laufende und knapp 10 für das kommende Jahr erscheint diese derzeit fundamental noch Bewertungsspielräume zu haben. Das ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass der Kurs seit seinem 8-Monats-Hoch vom Anfang März um mehr als 10 Prozent zurückgekommen ist. Indes muss zunächst die erwartete Prognosesenkung abgewartet werden. Denn nur dann wird sich zeigen, ob der durchschnittlich veranschlagte Nettogewinn von 5,6 Milliarden Euro nicht etwa zu hoch gegriffen ist.
Technisch macht zudem Kopfzerbrechen, dass der Kurs seit Freitag auf ein neues Jahrestief gefallen ist. Damit ist eine Fortsetzung der schwachen Erholungsbewegung nach dem Sommer-Crash 2011 nicht mehr zu erwarten. Zunächst dürfte daher das Dezembertief von 71,25 Euro getestet werden. Hält dieses nicht, so ist eine Bewegung in Richtung des Zwei-Jahres-Tiefs bei 64,45 Euro zu erwarten, solange es Siemens nicht gelingt, Unsicherheit aus dem Markt zu nehmen. Spätestens dann aber sollte sich die Notierung wieder fangen können.
Zustimmung , Herr Sax
Gerd Stender (roeoa1)
- 18.04.2012, 07:32 Uhr
Häufiger Stromstau im Nordnetz - die Offshore Windparks werden das
noch verschlimmern
Herbert Sax (H.Sax)
- 17.04.2012, 13:26 Uhr