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Expansion : Wiener Börse wendet den Blick nach Westen

Wegweisend: Christoph Boschan, der Vorstandsvorsitzende der Wiener Börse AG. Bild: Picture-Alliance

Nachdem die Ostexpansion gescheitert ist, will die Wiener Börse in der Heimat und im Westen wachsen. Doch ihr Vorstandsvorsitzender fühlt sich vom neuen Börsenrecht ausgebremst.

          Nachdem die Expansion der Wiener Börse in Osteuropa weitgehend gescheitert ist, will das Unternehmen unter neuer Leitung vor allem im Westen und in der Heimat wachsen. 80 Prozent des Ertrags stammten aus dem Ausland, darunter der größte Teil aus Westeuropa, Großbritannien und den Vereinigten Staaten, sagt der neue Vorstandsvorsitzende der Wiener Börse AG, Christoph Boschan. Diese neue West-Orientierung werde noch ausgebaut, Details dazu gebe sein Unternehmen Ende Mai bekannt. Der 38 Jahre alte Berliner, der von Stuttgart nach Wien gewechselt ist, führt Österreichs einzige Wertpapierbörse seit September 2016.

          Michaela Seiser

          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Für ebenso wichtig wie den Blick nach Westen hält Boschan die Belebung der inländischen Kapitalmärkte. Doch stünden diesem Plan steuerliche und regulatorische Hemmnisse entgegen. So sei 2016 die Erhöhung der Kapitalertragsteuer von 25 auf 27,5 Prozent ein „fatales Signal“ gewesen. Boschan verweist zudem auf die Entwürfe zum neuen Börsengesetz. Die zugrundeliegende EU-Richtlinie sehe Spielräume bei der Mindestbestandsdauer und Kapitalausstattung von Kandidaten vor. Die Wiener Novelle nutze diese aber nicht aus und erschwere somit jungen Unternehmen den Börsenzugang.

          Osteuropäischer Börsenbund scheiterte

          Misslich sei zudem, dass es kein funktionierendes Marktsegment für kleine und mittlere Gesellschaften gebe, vergleichbar mit der Plattform Scale in Frankfurt. Ein solcher Markt sei in Österreich nur für Namensaktien vorgesehen, doch existiere gar kein entsprechendes Register. Entweder müsse man ein solches möglichst bald aufbauen oder den Zugang für Inhaberaktien öffnen. Es gebe zwar viele Initiativen für Start-ups, doch fehle ein Leitbild für deren Wachstum über die Kapitalmärkte. Einige Gründer wichen deshalb zum Crowd-Funding aus, was deutlich intransparenter und mit höheren Risiken behaftet sei.

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          Boschans Ideen sind eine Abkehr von der früheren Strategie des Hauses, das 1771 als eine der ersten Börsen der Welt gegründet wurde. Seit langem werden österreichische Aktien durch die Vormachtstellung der Unternehmen in Osteuropa gerne als Annäherung für Ostbörsen genutzt. Entsprechend hochfliegend waren die Pläne der früheren Vorstände. Sie setzten sich einen großen osteuropäischen Börsenverbund zum Ziel. Das ist gescheitert: Die Fusion mit Warschau kam nicht zustande, Ungarn und Slowenien wurden verkauft. Geblieben ist nur Prag.

          Veränderung von Börsenplätzen normal

          „Ich habe nicht zu bewerten, warum der große Ostbörsenverbund gescheitert ist“, sagt Boschan dazu. Man sei nicht mehr gesellschaftsrechtlich verknüpft, wohl aber durch die Zusammenarbeit im Handel, in der Bereitstellung der Indizes und Marktdaten sowie der technischen Dienstleistungen (IT). Wien berechnet die wichtigsten osteuropäischen Indizes und ist der zentrale Datenknotenpunkt. Die Österreicher stellen Prag, Budapest und Laibach (Ljubljana) das Handelssystem zur Verfügung; bald wird diesem auch Zagreb beitreten.

          Boschan wehrt sich gegen den Vorwurf, die Wiener Börse blute aus (F.A.Z. vom 4. April). Im Vergleich zu anderen Märkten seien die Rückzüge der Unternehmen nicht dramatisch. Seit 2012 hätten 18 von 103 Emittenten Wien verlassen (17 Prozent). An der Deutschen Börse seien es 159 von 747 gewesen (21 Prozent). Es sei normal, dass Gesellschaften übernommen würden oder fusionierten und sich Börsenplätze veränderten.

          Für österreichische Unternehmen biete Wien „die große Bühne“, während sie an Plätzen wie London bloß im Mittelfeld rangierten. Immerhin würden drei Viertel der Titel aus dem Leitindex ATX in Wien gehandelt. Zudem sei die Börse für Emittenten günstig, weil sie mit den besten Ausführungspreisen aufwarte: Der Abstand zum nächsten Mitbewerber betrage 10 bis 14 Basispunkte. Bei den expliziten Gebühren liegt Wien jedoch im EU-Mittelfeld.

          Investoreninteresse an der Börse steigt

          Angesichts der niedrigen Zinsen, die Fremdfinanzierungen günstig machen, sieht Boschan in den Unternehmen derzeit wenig Interesse, Eigenkapital aufzunehmen. Andererseits können die Wiener bei neuen Unternehmensanleihen punkten: „Es gab noch nie so viele Zugänge wie 2016.“ Im Vorjahr kamen vier Dutzend neue Bonds mit einem Gesamtvolumen von mehr als 7,5 Milliarden Euro an die Börse, davon die Mehrheit von ausländischen Emittenten.

          Außerdem verzeichnete die Börse einen Rekord an Einzelabschlüssen, was auf gestiegenes Investoreninteresse hinweist. Mittlerweile hat die Wiener Börse AG mit 105 Milliarden Euro einen Nachkrisen-Höchststand in der Marktkapitalisierung erreicht. Das entspricht jedoch gerade einem Drittel des Bruttoinlandsprodukts und fällt damit im internationalen Vergleich niedrig aus. Das hängt mit der schwach ausgeprägten Aktionärskultur und bürokratischen Hürden zusammen.

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