23.12.2009 · Weihnachtsempfang, Champagner, schwarzes Abendkleid - Advent in einem Londoner Villenvorort. Banker der Londoner City feiern im feinen Ambiente. Die Sondersteuer auf die Bonuszahlungen stört die Gäste nicht. Schließlich müsse das normale Volk jetzt am meisten unter der Misere leiden.
Von Bettina SchulzWeihnachtsempfang, Champagner, schwarzes Abendkleid - Advent in einem Londoner Villenvorort. Die Banker feiern: nicht etwa, dass sie die Finanzkrise überstanden haben, sondern dass sie wieder ein Jahr Schulzeit der Kinder hinter sich haben. Sarah richtet den Weihnachtsempfang jedes Jahr für die Eltern der Schulklasse aus. Die Väter sind fast alle Banker - oder Hedge-Fonds-Manager. Andere Leute wohnen in der Gegend kaum.
So ein Empfang ist toll, weil man dann endlich wieder miteinander reden kann. Auf der Straße sprechen die Nachbarn nie miteinander, denn jeder fährt mit seinem Porsche-Cayenne, Maserati oder Bentley aus der Einfahrt und winkt dem Nachbarn nur schnell zu - wenn der Nachbar einen durch die abgedunkelten Scheiben des Wagens erkennt.
Nur der Polizist „pflegt“ Kontakte im Banker Milieu
Der Einzige, der Kontakt in der Nachbarschaft hält, ist der Polizist, der regelmäßig klingelt und darüber informiert, bei welcher Hausnummer jetzt schon wieder die Garage aufgebrochen und die Golfschläger geklaut wurden. Es werde überlegt, ob in der Privatstraße noch eine Sicherheitskamera installiert wird. Es gibt hier fast nur Privatstraßen. Auf dem Schulhof reden die Eltern auch nicht miteinander, denn da sitzen die Mütter bei laufendem Motor in ihrem Landrover und warten auf das Töchterchen, das aus der Schule kommt.
Deshalb ist der Weihnachtsempfang so wichtig. Dieses Jahr hat Sarah die Schneemaschine nicht bemüht, um der weihnachtlichen Atmosphäre nachzuhelfen. Das liegt aber nicht an der Finanzkrise und den Kosten, sondern am Wetter. Auf den Rasenflächen der Villen glitzert Rauhreif. Das ist weihnachtlich genug.
„Sonst stimmt wieder alles“, stellt ein Gast mit einem Blick auf die blau funkelnden Bäume in der Auffahrt fest und den Luxusfuhrpark von Sarah und Ehemann. Kein Wagen fehlt. Als das Personal die Tür öffnet, werden die Gäste von einem Weihnachtsbaum empfangen, von dem man die Spitze in dem Treppenhaus nicht einmal mehr sehen kann.
Das Haus ist so groß, dass es unter den Eltern der Klasse als „Mausoleum“ bezeichnet wird. Alles ist perfekt mit Hilfe von Designern und Art-Consultants eingerichtet. Die Art-Consultants haben Paradestücke der modernen Kunst ausgewählt. Die sind leicht zu erkennen - von den Gästen und Sarah nebst Ehemann. „Das ist hier eine andere Liga“, gesteht Tom seiner Ehefrau. Tom ist Gast, aber nur normaler Banker.
Er war früher professioneller Wracktaucher bei der Marine und dann Taucher bei Bohrinseln. Dann wechselte er in die Londoner City und verdient deshalb so viel Geld, dass er sich Villa, Privatschulen für die Kinder und Tauchurlaube an der Küste vor Afrika leisten kann. Das ist viel bescheidener als das, was Sarah und ihr Ehemann so können. Der ist einer der führenden Fondsmanager eines Hedge-Fonds, der gerade verkauft wurde. Dabei fiel für ihn ein zweistelliger Millionenbetrag ab. Ohne Finanzkrise wäre es mehr gewesen.
Dem Nachbarn gegenüber geht es offenbar auch nicht schlecht. Er ist ein Baulöwe, der kräftig am Bankenviertel Canary Wharf mitverdient hat. Er nervt seine Nachbarn schon seit zwei Jahren mit dem Umbau seiner Villa. Jetzt hat er sogar einen Swimmingpool für seine Greyhounds installieren lassen - für Trainingszwecke. So etwas Neureiches machen Banker nicht, vor allem nicht in der Finanzkrise. Sie sind froh, dass sie den Sturm, der über die City fegte, überstanden haben. Grey, der bei Lehman Brothers rausflog, ist jetzt bei Credit Suisse untergekommen. Aber es ist alles nicht so üppig, und deshalb haben sie ihr Ferienhaus in Frankreich verkauft.
Jason musste das nicht tun. Die Bank, bei der er arbeitete, brach zwar auch zusammen, und er musste sich einen neuen Arbeitgeber suchen. Aber es reicht. Das Wochenendhaus in Italien bleibt. Jason ist nur genervt, dass seine Deals und sein Bonus jetzt spärlicher ausfallen und er jede lächerliche Kleinigkeit erklären und selbst machen muss, die früher andere für ihn erledigten. Aber zumindest freuen sich die Gäste darüber, dass sich die meisten Bankaktien schon wieder etwas erholt haben. Damit ist von dem Vermögen mehr übrig als vor kurzem noch gedacht.
Extreme Unterschiede zwischen Arm und Reich
Nicht jeder Banker stürzt sich auf einen neuen Arbeitsplatz. Jerry, der auch seinen Hedge-Fonds verkauft hat, wartet, bis sich die Branche erholt hat, und verwaltet derweil seine Millionen. Seine Frau ist wenig begeistert: „Ich dachte, mein Mann sei zu uns nach Hause gekommen. Jetzt habe ich eher das Gefühl, die Kinder und ich hocken bei ihm auf dem Trading-Floor.“ Auch die Kinder sind skeptisch. Florence wollte schon wissen, ob Papa unterm Weihnachtsbaum arbeiten müsse und auch beim Auspacken der Geschenke auf den Blackberry sehe.
Mit der Jobsuche kommt auch der Ehemann von Lisa nicht voran. Lisa lässt sich scheiden - schon seit einem Jahr. Alles geht den Bach runter. Der Exmann ist bei der Bank rausgeflogen, will den Unterhalt nicht mehr zahlen. Jetzt ist auch die zweite Ferienwohnung am Mittelmeer auf dem Markt. Lisa findet, ihr Exmann sollte lieber einen seiner Porsche verkaufen. Er meint dagegen, sie hätte ja nicht so viel Geld in ihr neues Haus in Chelsea stecken müssen.
Die Sondersteuer auf die Bonuszahlungen stört die Gästerunde an dem Abend nicht. Deshalb nach Zürich umziehen, kommt nicht in Frage. Das Jahr wird ohnehin als Desaster abgehakt. „Bei uns läuft das jetzt alles nicht mehr so, wie ich mir das mal ausgerechnet habe“, sagt eine Ehefrau kleinlaut.
Aber den Gästen geht es entschieden besser als diesem arbeitslosen Familienvater, der Laura neulich über den Weg gelaufen ist. „Der war doch tatsächlich schon ein Jahr arbeitslos und findet keinen Job. Der hat früher im Gesundheitssystem gearbeitet. Dass es so etwas hier gibt“, sagt Laura fassungslos. Betretenes Schweigen in der Runde.
Ein Banker meint, die Politiker müssten der Bevölkerung reinen Wein einschenken. Die Finanzindustrie hätte in der Kreditblase ein Wirtschaftswachstum finanziert, das es auf Jahre nicht mehr geben werde. „Keiner sagt dem Volk, dass damit automatisch auf Dauer Arbeitsplätze fortfallen und der Lebensstandard sinkt.“ Die Notenbanken und Politiker versuchten eine Fassade aufrechtzuerhalten, weil sie dem Volk nicht die Wahrheit zumuten wollten.
Das sei halt jetzt alles wie in der industriellen Revolution, meint ein Gast. Da sei der Unterschied zwischen Arm und Reich auch extrem gewesen. Und die Gäste finden es eigentlich ungerecht, dass das normale Volk jetzt am meisten unter der Misere leiden muss. Damit verabschieden sich die Gäste mit Wangenkuss in den Weihnachtsurlaub, also den Skiurlaub oder Tauchurlaub vor der Küste Afrikas.
New british feeling : Was gehen uns diese dummen mittelschichtigen Burger an ...
Peter Slater (Wales-Rhondda)
- 23.12.2009, 12:36 Uhr
So so!
Reinhard Wolf (Pumuckel42)
- 23.12.2009, 13:29 Uhr
Weltfremd!
Juliane Kaden (JulianeKaden)
- 23.12.2009, 16:48 Uhr
New Bond Street - aus alt mach neu
Lothar Klementz (pressefisch)
- 26.12.2009, 13:34 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |