Nach den milliardenschweren Abschreibungen vieler amerikanischer Großbanken richtet sich der besorgte Blick der Anleger auf die europäischen Geschäftsbanken. Nicht zuletzt bei britischen Banken wie Barclays und der Royal Bank of Scotland (RBS) werden hohe Wertberichtigungen befürchtet, weil beide Häuser offenbar viel Geld in strukturierte Produkte investiert haben. Auch kontinentaleuropäische Banken wie die französische Credit Agricole mit ihrer Investmentbank Calyon und die niederländisch-belgische Fortis rücken in das Blickfeld der Anleger.
Die Schätzungen über die mögliche Höhe der Abschreibungen variieren deutlich. Der Aktienanalyst Mike Mayo von der Deutschen Bank rechnet allein für die amerikanischen Banken im zweiten Halbjahr mit Wertberichtigungen von mehr als 50 Milliarden Dollar. Sein Kollege Matt King von der amerikanischen Citigroup geht davon aus, dass die Branche weltweit allein wegen der Krise auf dem amerikanischen Markt für wenig besicherte Hypotheken (“Subprime“) insgesamt 64 Milliarden Dollar abschreiben muss.
Ein Teil dieser Wertberichtigungen ist von den Investmentbanken schon veröffentlicht worden. Die amerikanische Investmentbank Morgan Stanley kündigte am Donnerstag weitere 3,7 Milliarden Dollar an Verlusten allein für die Monate September und Oktober an. Der Wettbewerber Merrill Lynch räumte ein, sein Engagement auf dem Subprime-Markt sei um 6,3 Milliarden Dollar höher als bislang angenommen.
Wertberichtigungen von 5,6 Millionen Pfund befürchtet
Immer mehr kristallisieren sich jedoch auch schwerwiegende Probleme für die europäischen Geschäftsbanken heraus, die anders als die reinrassigen Investmentbanken nicht zu einer Marktbewertung und damit nicht zu einer zeitnahen Veröffentlichung ihrer Risiken gezwungen sind. Besonders bei Barclays und RBS, die keine Quartalsberichte veröffentlichen und daher erst Anfang kommenden Jahres für Transparenz sorgen werden, fürchten Marktbeobachter hohe Abschreibungen.
Antony Broadbent, Analyst von Sanford C. Bernstein, rechnet im Extremfall mit Wertberichtigungen von 5,6 Milliarden Pfund (rund 8 Milliarden Euro) je Bank. Die Aktienkurse beider Banken fielen ob dieser Sorgen zuletzt deutlich; am Donnerstag stürzten deren Kurse nochmals um mehrere Prozent ab. Deutlich ins Minus rutschte auch der Kurs der Fortis-Bank. Analysten zweifeln an den jüngsten Aussagen der Bank, das Engagement im Subprime-Bereich sei begrenzt.
„Das wird sich noch einige Quartale hinziehen“
Immer mehr Beobachter rechnen damit, dass die Kreditkrise weitaus länger andauert als zunächst gedacht. „Das wird sich noch einige Quartale hinziehen“, sagt der Europa-Chef einer amerikanischen Investmentbank. Der Deutsche-Bank-Vorstandsvorsitzende Josef Ackermann sprach auf einer Tagung der Agentur Reuters von der „schlimmsten Krise, die ich in meinen 30 Jahren als Banker erlebt habe“. Im Gegensatz zu anderen Geldhäusern erwarte die Deutsche Bank im vierten Quartal keine weiteren Abschreibungen, versicherte er.
Die Kapitalkraft vieler Banken leidet enorm unter der Krise. Durch Abschreibungen und Kreditzusagen für außerbilanzielle Zweckgesellschaften werden die amerikanischen Institute die „basierend auf den Reserven und dem Eigenkapital schwächsten Bilanzen seit ein bis zwei Jahrzehnten haben“, sagt Mayo voraus. Simon Samuels von der Citigroup sieht bei vielen europäischen Instituten ebenfalls eine schwache Kapitalausstattung und prophezeit für die Banken in den kommenden Jahren einen ähnlichen Bärenmarkt, wie ihn die Versicherungen in den Jahren 2001 bis 2003 durchlebt haben.