19.02.2010 · Die europäische Wirtschaft kommt nur langsam in Fahrt. Aus Anlegersicht stellt sich deshalb die Frage, ob es nicht besser ist, sich auf Unternehmen zu konzentrieren, die den meisten Umsatz in Amerika machen.
Von David Bogoslaw, Bloomberg BusinessWeekWer sich Sorgen wegen des fallenden Euros und der möglichen Auswirkungen auf die Umsätze von Unternehmen mit starkem Engagement in Europa macht, für den mag es beruhigender sein, Aktien von Unternehmen zu besitzen, die ihren gesamten, oder fast ihren gesamten, Umsatz in den Vereinigten Staaten erwirtschaften.
Trotzdem sollte man sich hüten, alle amerikanischen Unternehmen mit Auslandsengagement über einen Kamm zu scheren. Der Dollar mag im letzten Monat gegenüber dem Euro gewonnen haben, gegenüber dem japanischen Yen ist er jedoch immer noch in der Defensive und im Vergleich zum kanadischen Dollar, dem mexikanischen Peso und dem chinesischen Yuan ist er in letzter Zeit - handelsgewichtet - stabil geblieben, erklärt William Cline, Senior Fellow und Resident Specialist für internationalen Handel am Peterson Institute of International Economics in Washington.
Amerikanische Unternehmen spielen für den Zustand fremder Volkswirtschaften eine gewichtige Rolle. Im Hinblick auf den währungsberichtigten Wert bedeute ein Wachstum des ausländischen Bruttoinlandsprodukts um drei Prozent im Allgemeinen einen Anstieg bei den amerikanischen Exporten um fünf Prozent, so Cline. „Wenn in diesem Jahr noch weitere fünf Prozent ausländisches BIP-Wachstum hinzukommen, dann haben wir etwa zehn Prozent Exportwachstum durch Aktivitäten außerhalb der Vereinigten Staaten.“ Der positive Einfluss gestiegener Exporte würde die negativen Auswirkungen eines Umsatzverlustes durch Währungsumrechungen aus dem Ausland mehr als wettmachen.
Der Internationale Währungsfonds revidierte am 26. Januar seine BIP-Wachstumsprognosen und sagte für 2010 ein Wachstum der Weltwirtschaft von 3,9 Prozent und ein Wachstum in den Schwellen- und Entwicklungsländern von sechs Prozent voraus. Der IWF erwartet in diesem Jahr ein Wachstum der amerikanischen Wirtschaft von 2,7 Prozent, in der Euro-Zone dagegen nur von einem Prozent.
Währungsrisiken
Anleger, die Währungsrisiken vermeiden wollen, sollten bedenken, dass es im Allgemeinen ein paar Jahre dauere, bevor sich ein großer Umschwung bei den Wechselkursen spürbar auf das BIP eines Landes auswirke, so Cline. Er erwartet, dass die amerikanischen Exporte in diesem Jahr ihr hohes Niveau beibehalten werden und sagt voraus, dass der Dollar-Wert amerikanischer Exporte - im Vergleich zu einer schwachen Ausgangsbasis 2009 - um etwa neun Prozent steigen werde. Mit Blick auf konkrete Umschichtungen im Portfolio sei es angeraten, multinationale Unternehmen zu meiden, die generell ein starkes europäisches Engagement zeigten und deren Erträge möglicherweise stärker von einem schwachen Euro betroffen seien als Unternehmen, die in andere Regionen exportieren.
Für George Feiger, Chef von Contango Capital Advisors in San Francisco, geht die Debatte um Wechselkursrisiken am Kern der Sache vorbei. Sie verursachten lediglich kurzfristige Volatilität und änderten nichts am grundsätzlichen Wert der Geschäfte eines Unternehmens, weil Währungsrisiken sich mit Devisenderivaten absichern ließen. „Das eigentliche Problem ist, dass die Wirtschaft der Schwellenmärkte im Durchschnitt schneller wächst als die der Vereinigten Staaten.“
Obwohl Contango nicht in einzelne Werte, sondern in branchen- und indexgebundene Wertpapierpools investiert, sagt Feiger voraus, dass Unternehmen mit soliden Bilanzen - also geringer Verschuldung, wovon nur sehr wenig in den kommenden drei Jahren revolviert werden muss - „in allen Branchen besser abschneiden werden als Unternehmen mit schwachen Bilanzen.“ Dies offenbare sich in der am 16. Februar bekannt gegebenen Übernahme von General Growth Properties durch die Simon Property Group. Beide seien Eigentümer von Einkaufszentren, aber Simon habe eine solide Bilanz, während General Growth wegen zu hoher Kreditaufnahmen in Konkurs gegangen sei. Drei Sektoren, deren Unternehmen im Allgemeinen tragfähigere Bilanzen besäßen, seien Technologie, Energie und Gesundheitswesen, fügt er hinzu.
Der Standard & Poor's 500-Aktienindex enthält, wie sich Bloomberg-Daten entnehmen lässt, 95 Unternehmen, deren Umsätze komplett in den Vereinigten Staaten erwirtschaftet werden. Diese Unternehmen konzentrieren sich auf sechs bedeutende Branchen: Supermarkt- oder Drogeriemarktketten wie zum Beispiel Kroger Co., Warenhäuser wie zum Beispiel Target, Gewerbeimmobilien wie zum Beispiel Simon Property Group, Gesundheitsdienstleister wie zum Beispiel WellPoint, Telekommunikationsanbieter wie zum Beispiel AT&T und Energie- und Versorgungskonzerne wie Consolidated Edison.
Krogers Aussichten
In einer Studie vom 9. Dezember bestätigte Jonathan Feeney, Analyst bei Janney Montgomery Scott, das makroökonomische Risiko, das einige in der Kroger-Aktie erblicken, empfahl aber wärmstens den Kauf des Papiers. „An Krogers Kernertragskraft hat sich nichts geändert. Auch wenn sich der Markt auf absehbare Zeit schwierig gestaltet, hat Kroger die besten Umsätze aller vergleichbaren Mitbewerber und ist von allen traditionellen Lebensmittelhändlern derjenige, der auf fortgesetzt kaufunlustige Verbraucher und stärker aufgestellte Großanbieter am besten vorbereitet ist“ - bei einer ähnlichen Bewertung für die Gruppe.
Am 8. Dezember berichtete Kroger einen Ertrag für das dritte Quartal von 27 Cent pro Aktie, worin eine Sonderabschreibung von 1,62 Dollar und ein Verlust von acht Cent aufgrund niedrigerer Kraftstoffmargen nicht berücksichtigt waren. Das Unternehmen nannte als Gründe für die schlechten Ergebnisse, die nicht die Erwartungen der Analysten erfüllen, „die anhaltende Deflation, einen ungewöhnlich scharfen Wettbewerb und extrem vorsichtige Verbraucher“. Solide Eckdaten wie zum Beispiel ein guter Tonnagezuwachs, Marktanteilsgewinne und Kostendämpfungen haben diese negativen Faktoren nicht aufwiegen können.
Das problematische Verbraucherverhalten veranlasste Kroger, seine Investitionspläne für die nächsten drei Geschäftsjahre auf durchschnittlich weniger als zwei Milliarden Dollar pro Jahr zu kürzen. Das ist etwa eine Milliarde Dollar weniger, als für diesen Zeitraum ursprünglich vorgesehen war. Die verringerten Ausgaben dürften den freien Cashflow-Ertrag im Vergleich zu früheren Erwartungen um etwa 20 Cent pro Aktie erhöhen und könnten zu Aktienrückkäufen führen, so die Janney-Studie.
Bei den Vollsortimentern wertete UBS Equity Research am 16. Februar Target von Neutral zu Buy auf und erhöhte sein Kursziel von 55 Dollar auf 57 Dollar, nachdem die Ertragsaussichten nach oben korrigiert und Zeichen einer sich verbessernden Verbraucherakzeptanz ausgemacht worden waren. In einer Studie erklärte Analyst Neil Currie, die besser als erwartet ausgefallenen Verkaufsumsätze für vergleichbare Geschäfte im Dezember und die „den Erwartungen entsprechende Performance im Januar“ hätten ihn optimistisch gestimmt, insbesondere bei den Verbrauchs- oder Einmalnutzungsgütern.
„Wir sind der Auffassung, dass die Verbraucher positiv auf Targets verstärkt verkäuferische Präsentation in der gesamten Verkaufseinrichtung reagieren“, so die Studie. Eine Investorenkonferenz am 21. Januar „betonte die erneuten Anstrengungen zur Erhöhung des Kundenverkehrs und zur Steigerung der Produktivität und des Einkaufskomforts der Kette.“ Targets Kreditoperationen bleiben ein Problempunkt. Doch laut Currie widerspiegele seine revidierte Ertragsprognose für 2010 von 3,68 Dollar pro Aktie (ausgehend von der vorherigen Schätzung von 3,60 Dollar) „eine konservative Haltung mit sehr bescheidener Rentabilität“.
Gesundheitssektor sehr inlandsbezogen
Das Gesundheitswesen ist ein weiterer Sektor, in dem es zahlreiche große Unternehmen gibt, die sich allenfalls minimal im Ausland engagieren. Analyst Jason Gurda von Leerink Swann & Co. zieht die meisten aus der Managed-Care-Gruppe den Krankenhäusern vor. WellPoint und Cigna, die 89 Prozent ihres Umsatzerlöses in den Vereinigten Staaten erwirtschaften, erhalten von ihm ein Outperform-Rating. Diese Ratings stützen sich auf eine Kombination aus attraktiven Bewertungen und der Zuversicht, dass die Ertragserwartungen erfüllt werden können, so Gurda.
„Die Bewertungen leiden noch immer unter den Risiken einer möglichen Gesundheitsreform und anderen regulatorischen Risiken, auch wenn sie sich inzwischen weit weniger dramatisch darstellen als noch vor ein paar Monaten“, erklärt er. „Die Aktien werden - im Vergleich zu früheren Werten - nach wie vor zu erheblichen Kursabschlägen gehandelt.“
Ein Sektor, den man meiden sollte, wenn man auf einheimische Wirtschaftskraft setzen will, ist die Telekommunikation, rät Christopher King, Analyst bei Stifel Nicolaus & Co. „Die Telekommunikation bietet in den Vereinigten Staaten keine Wachstumschancen mehr. Die Breitband- und Mobilfunkmärkte sind gesättigt. Auf beiden Märkten herrscht Preisdruck, besonders beim Mobilfunk.“ Wer heute Geld mit Telekommunikation verdienen wolle, müsse vor allem auf „den verstärkten Ausbau der Mobilfunknetze in Schwellen- oder Frontier-Märkten setzen, wie zum Beispiel in Lateinamerika oder Afrika.“
Multinationale Unternehmen wie Coca-Cola verzeichnen wahrscheinlich genug Wachstum aus Verkäufen in Asien, um alle Wechselkursverluste aus Europa auffangen zu können, ist sich Cline vom Peterson Institute sicher.
Und wenn es auch für die Europäer nicht einfach sein wird, ihre Schuldenprobleme in den Griff zu bekommen, bedeutet das für Cline nicht zwangsläufig, dass der Euro weiter leiden muss. „Die Handelsbilanz der Europäischen Union [die Differenz zwischen allen exportierten Gütern, Dienstleistungen und Transfers und allen importierten Gütern, Dienstleistungen und Transfers] ist viel näher an der Ausgeglichenheit“ als in den Vereinigten Staaten. „Die Anleger werden früher oder später erkennen, dass die Vereinigten Staaten mit ihren eigenen Finanzproblemen zu kämpfen haben. Kalifornien braucht nur den Staatsbankrott zu erreichen. Dann steht der Euro gleich viel besser da.“
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |