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Wall Street Die Bedeutung des „Verlorenen Jahrzehnts“

18.12.2008 ·  Nach einem negativen 10-Jahres-Ergebnis - wie es der S&P 500 im Oktober verzeichnet hatte - tendiert der Markt für einen längeren Zeitraum zu einer Seitwärtsbewegung. Auch andere Lehren hält die Geschichte des Index bereit.

Von Sam Stovall
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Von seinem jüngsten Schlusstief von 752 Punkten am 20. November bis zu seinem Schlusshoch von 909 am 8. Dezember legte der Aktienindex Standard & Poor's 500 beinahe 21 Prozent zu. Und da ein Zuwachs von 20 Prozent, ausgehend von der Talsohle eines Bärenmarktes, traditionell den Beginn eines neuen Bullenmarktes einläutet, können wir uns glücklich schätzen, dass wir das Schlimmste hinter uns haben. Stimmt's? Nun ja, vielleicht.

Seit 1945 gab es 10 Bärenmärkte. In jedem außer einem erwies sich ein Zuwachs von 20 Prozent letztlich als Beginn eines neuen Bullenmarktes. Dies gilt sogar für Oktober 2002, als der S&P 500 bei 777 Punkten seine Talsohle erreichte und Anfang Dezember um mehr als 20 Prozent zulegte, bevor er uns einmal mehr zittern ließ und mit einem Sturz auf 800 Punkte im März 2003 erneut den vorherigen Tiefstand testete.

Ward ein Bulle geboren?

Das einzige Mal seit dem Zweiten Weltkrieg, dass wir es mit einem 20prozentigen Zuwachs zu tun hatten, der sich als Rally innerhalb eines Bärenmarktes entpuppte und in seinem weiteren Verlauf einen noch niedrigeren Tiefstand markierte, war nach den Anschlägen vom 11. September, von September 2001 bis Januar 2002. Da jedoch Zugewinne von 20 Prozent in 10 anderen Fällen ein korrektes Signal für den Beginn eines neuen Bullenmarktes waren, stehen die Zeichen gut, dass uns ein kleiner Bulle geboren wurde. Diejenigen, die noch immer zweifeln, können stets auf die 30er Jahre verweisen, als Rallys von 20 Prozent und mehr häufiger im Rahmen eines anhaltenden Bärenmarktes auftraten.

Wenn dies der Beginn eines neuen Bullenmarktes ist, dürfte es sich lediglich um eine zyklische oder kurzfristige Hausse innerhalb einer säkularen oder langfristigen Baisse handeln. Warum? Im Oktober verzeichneten wir unser erstes „Verlorenes Jahrzehnt“ seit mehr als 30 Jahren, was traditionell auf eine Reihe an zyklischen Bullenmärkten hindeutete, die über einen längeren Zeitraum, in dem die Aktienkurse seitwärts tendierten, zyklische Bärenmärkte übersprangen.

Ein „Verlorenes Jahrzehnt“

Ich höre häufig, dass Aktien stets Gewinne einbringen, wenn man ihnen nur genug Zeit gibt. Nachdem wir uns im Laufe der vergangenen 13 Monate durch einen 52prozentigen Bärenmarkt quälten, frage ich mich, wie lange die durchschnittliche Haltefrist sein muss, damit dieser alte Spruch wahr bleibt. Eines weiß ich: Es sind keine 10 Jahre!

Es hat jedoch auch sein Gutes, wenn man auf einer rollierenden 10-Jahres-Basis in negatives Territorium vorgedrungen ist. Wenn die Geschichte als Richtschnur taugt, dürften wir das Schlimmste hinter uns haben. Seit 1923 hatten wir drei Perioden, in denen die rollierenden 10-Jahres-Kursentwicklungen für den S&P 500 stiegen. In dreien waren sie rückläufig und in zween tendierten sie seitwärts. Wie immer ist die Geschichte eine gute Richtschnur, aber nicht das Amen in der Kirche.

In den Perioden, in denen die rollierenden 10-Jahres-Renditen stiegen, verbuchte der S&P-500 einen durchschnittlichen jährlichen Anstieg von 15,3 Prozent. Darüber hinaus waren innerhalb dieser Perioden nur 19 Prozent aller in einem einzigen Jahr erzielten Renditen negativ. Demgegenüber lagen in den Jahren, in denen die rollierenden 10-Jahres-Renditen rückläufig waren, die durchschnittlichen Renditen bei minus 8 Prozent und 59 Prozent aller Einzeljahresrenditen waren negativ.

In den Seitwärtsperioden (also den Jahren zwischen den steigenden und fallenden Perioden) legte der S&P 500 durchschnittlich 9,4 Prozent zu und verzeichnete nur in 34 Prozent der Zeit rückläufige Einzeljahresrenditen. Die Ergebnisse dieser Seitwärtsperioden zeigen eine gute Übereinstimmung mit den durchschnittlichen Ergebnissen der Jahre zwischen 1923 und 2008, in denen der S&P 500 um 7,4 Prozent zulegte und in 33 Prozent der Zeit rückläufige Einzeljahresrenditen verbuchte.

Zyklische Bullenmärkte in einem säkularen Bärenmarkt

Zugegebenermaßen liegen nur wenige Beobachtungen vor und es besteht keinerlei Garantie, dass die Kursentwicklungen des S&P-500 in den kommenden Jahren, in denen der Index wahrscheinlich auf rollierender 10-Jahres-Basis seitwärts tendieren wird, gleich oder besser als die langfristigen Marktdurchschnitte ausfallen werden. Zudem erwarte ich, dass sich die rollierende Kursänderung über 10 Jahre für den S&P-500 bis Anfang 2010 verschlechtern wird, während wir uns dem Höchststand des vom 24. März 2000 nähern. Dennoch ist dieser historische Rückblick meiner Ansicht nach besser als nichts.

Doch dieses „Überspringen“ von Bullen- und Bärenmärkten ist nichts Neues. Zwischen 1966 und 1982 erlebten wir einen ähnlichen turnusmäßigen Wechsel zwischen zyklischen Bullen- und Bärenmärkten, in dem der Dow Jones Industrial Average mit der 1.000-Zähler-Marke liebäugelte. Diese 16-jährige Periode beinhaltete das Ende einer rückläufigen 10-Jahres-Periode für den S&P 500 sowie dessen darauffolgende Seitwärtsperiode, in der dem S&P 500 vier zyklische Bullenmärkte beschieden waren, die durch fünf zyklische Bärenmärkte unterbrochen wurden, bevor 1982 die 18jährige säkulare Hausse der Aktienkurse begann.

Zugpferde und Zauderer der Sektoren

In diesen zyklischen Perioden der Bullen- und Bärenmärkte sollte es nicht verwundern, dass sich die traditionell defensiven Sektoren Konsumgüter, Gesundheitswesen und Versorgung während der zyklischen Bärenmärkte am besten behaupten konnten. Die Teilbranchen innerhalb der S&P-500-Sektoren Konsumgüter, Gesundheitswesen und Versorgung waren weniger rückläufig als der Durchschnitt aller im S&P 500 abgebildeten Branchen (wobei die branchenbezogenen Indexdaten für den S&P 500 nur bis 1990 reichen) und schnitten in den meisten Fällen mit überdurchschnittlicher Häufigkeit besser als der Durchschnitt aller Branchen ab.

Es verwundert nicht, dass die zyklischen Sektoren Dauerhafte Konsumgüter, Finanzen, Industrie, Informationstechnologie und Rohstoffe Kursentwicklungen unter dem Nennwert verzeichneten und dass auch die Häufigkeiten, mit denen sie den Gesamtmarkt übertrafen, unter dem Nennwert lagen. Der Sektor Telekommunikationsdienstleistungen entstand Mitte der 80er Jahre nach der Aufspaltung von AT&T.

In den Bullenzyklen hingegen traf das Gegenteil zu: Die zyklischen Sektoren übernahmen die Führung, während die defensiven Gruppen eine Verschnaufpause einlegten. In allen Haussephasen waren die Renditen positiv. Die Teilbranchen innerhalb der im S&P 500 abgebildeten Sektoren Dauerhafte Konsumgüter, Energie und Informationstechnologie verbuchten die besten Renditen und zeigten am häufigsten ein überdurchschnittliches Abschneiden. Besondere Erwähnung verdient hier die Branchengruppe Gesundheitswesen.

Die Equity Strategy Group von S&P empfiehlt heute nach wie vor eine Übergewichtung der S&P-Sektoren Konsumgüter, Energie, Gesundheitswesen und Telekommunikationsdienstleistungen sowie eine Untergewichtung der Sektoren Dauerhafte Konsumgüter und Industrie. Wir unterziehen diese Gewichtungen einer kontinuierlichen Überprüfung, bei der wir eine grundlegende Fundamentalanalyse sowie technische Faktoren, historische Perspektiven und weitere Marktüberlegungen berücksichtigen.

Sam Stovall ist Chefstratege von S&P Equity Research Services.

Quelle: Business Week Online
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