29.09.2009 · Die Bullen an der Wall Street wollen sich bisher noch nicht geschlagen geben. Doch Chartisten erscheint eine Korrektur der Kurse nur aufgeschoben, aber nicht aufgehoben. Technische Kommentare aus Wall Street.
Von Arnd HildebrandDer amerikanische Aktienmarkt drückt sich mit Erfolg um eine wesentliche Entscheidung herum. Die als längst fällig bezeichnete Korrektur will nicht einsetzen. Ebenso wenig zeigt er sich in der Lage, die Anfang März entstandene Hausse dynamisch fortzusetzen. Viele technisch orientierte Analysten sprechen von einem Verschleiß der Auftriebskräfte, der mehr und mehr am Bestand der Hausse zehre und die Gefahr eines erheblichen Rückschlags heraufbeschwöre. Andere blicken gespannt auf die in der nächsten Woche einsetzenden Unternehmensberichte für das auslaufende dritte Quartal und die Ausblicke. Die Reaktion der Börse auf die Zahlen könne wesentliche Aufschlüsse über den Stand der Erwartungen und damit auch auf das mögliche Enttäuschungspotential geben, heißt es.
Die Unternehmensberichte und ihre Wirkung auf den Markt sind immer wieder Gegenstand sehr kritischer markttechnischer Diskussionen. James Montier, vormals Stratege bei Société Générale, und Richard Bernstein, bis zum Frühjahr Chefstratege für Amerika bei Merrill Lynch, haben sich mehrfach zu diesem Thema geäußert und dargelegt, wie professionell und intensiv die Erwartungen in diese Zahlen seit Jahren manipuliert werden. Stichwort sind die "Whisper Numbers", die von interessierter Seite in Umlauf gebracht werden. Die hinter vorgehaltener Hand geflüsterten Zahlen formen Erwartungen, die in die Kursbildung einfließen. Ergibt sich eine nennenswerte Diskrepanz zwischen den tatsächlichen Ergebnissen und den Flüsterzahlen, kann die Reaktion des Marktes heftig ausfallen und jenen beträchtliche Gewinne bescheren, die sich entsprechend positioniert haben. Doch auch Unternehmen können ein großes Interesse daran haben, Flüsterzahlen in die Welt setzen zu lassen, um die Erwartungen der Anleger so zu lenken, dass bei der Vorlage der tatsächlichen Zahlen keine oder wenigstens keine zu großen Überraschungen entstehen.
Nahendes Geschäftsjahresende bei Fonds stützt
Jeffrey Saut, einer der Strategen von Raymond James, ist davon überzeugt, dass die weithin erwartete große Korrektur an der Wall Street vorerst ausbleibt. Er hat mehrfach dargelegt, dass die Fondsverwalter den 31. Oktober, das typische Ende des Geschäftsjahres amerikanischer Fonds, im Auge haben und bis dahin als Gruppe zu den Käufern von Aktien zählen werden. Da der Markt offenkundig nicht zum Rückzug bereit sei, kauften sie Aktien, um nicht von der Entwicklung abgehängt zu werden. Andernfalls riskierten sie nicht nur ihre Boni, sondern womöglich auch ihren Job.
David Rosenberg, der auch technisch orientierte Stratege von Gluskin Sheff in Toronto, argumentiert in der Frage, wer an der Wall Street wohl so beharrlich kauft, ähnlich. Er vermutet, dass es vor allem die Fondsmanager sind, die nicht nur die im vergangenen Jahr erlittenen massiven Verluste mindern, sondern auch wettmachen wollten, was sie der während der ersten Phasen der laufenden Hausse versäumt hätten. Rosenberg bekennt, dass er diese Hausse unverändert nur für eine Zwischenerholung in einer zugrundeliegenden "säkularen", also langjährigen Baisse hält. Als einen Beleg für diese These führt er die Reaktion des Marktes auf die Sitzung des Offenmarkt-Ausschusses der Notenbank in Washington in der vergangenen Woche an. Dessen Erklärung zu dieser Tagung hätte für die Börse unter den gegebenen Bedingungen positiver nicht ausfallen können, und doch sei der Dow-Jones-Index für Industriewerte unmittelbar nach der Bekanntgabe um rund 160 Punkte aus dem Plus ins Minus gestürzt.
Negative Divergenzen bei den Trendindikatoren
Walter Murphy, ein unabhängiger Techniker, stellt wachsenden Druck vor allem auf den S&P 500 fest. Dennoch ist der Index nach seiner Ansicht noch immer nicht zu einer entscheidenden Tendenzwende nach unten hin bereit, sondern er verfüge eher noch über Potential für einen weiteren Anstieg. Murphy weist aber auf bestehende negative Divergenzen im Bereich der Trendindikatoren hin. Andererseits sei aus den Stimmungsindikatoren noch kein überschäumender Optimismus herauszulesen, der zur Vorsicht mahnen würde. Nach seinen Erkenntnissen kann der S&P 500 in die Zone zwischen 1121 und 1156 Punkten vorstoßen, wenn er das jüngst verzeichnete Hoch von 1080 Punkten überschreiten sollte. Stützung sieht er zunächst zwischen 1038 und 1048 Punkten und dann bei rund 991 Punkten.
Mary Ann Bartels, die Cheftechnikerin von BofA Merrill Lynch, ist weiterhin der Meinung, dass der Index nach Erreichen ihres sehr früh gesteckten Ziels von 1055 bis 1065 Punkten nun vor einer Korrektur von 15 bis 20 Prozent stehen dürfte. Auch sie stellt zunehmende negative Divergenzen zwischen den Indizes beziehungsweise Indikatoren fest, zeigt sich aber davon überzeugt, dass sich die Hausse nach der von ihr erwarteten Korrektur fortsetzt.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |