14.08.2002 · Goldene Erfolgsregeln gibt es an der Börse nicht. Doch es gibt Grundsätze, die sollten auch Analysten in ihre Arbeit einfließen lassen.
Von Jürgen BüttnerIst der Ruf erst ruiniert, lebt es sich völlig ungeniert. Nach diesem Motto scheinen viele Analysten zu leben. Wer jedenfalls geglaubt hatte, ihre Analysen seien besser geworden nach der harschen Kritik, die auf den Berufsstand hereinprasselte, der sieht sich täglich auf ein Neues eines Besseren belehrt.
Eines der besten und prominentesten Beispiele der jüngeren Vergangenheit ist MLP. Von 1993 bis zum Jahr 2000 konnten Anleger mit den Aktien des Finanzdienstleisters steinreich werden. Völlig zu Recht begeisterte der Titel immer mehr Anhänger. Doch im Zuge des allgemeinen Bärenmarktes ging auch dem Dax-Wert irgend wann die Puste aus. Erst bröckelten die Kurse langsam ab, bevor es begleitet vom Vorwurf der Bilanzmanipulation dann letztlich rasend schnell nach unten ging. Der Kurssturz reichte vom Hoch bei 173 Euro bis zum Tief bei acht Euro.
MLP als Paradebeispiel
Das Dumme an der Bewegung für viele Analysten war: Sie haben den Abschwung völlig verschlafen und die Aktie auch dann noch zum Kauf empfohlen, als schon längst Hopfen und Malz verloren war. Immer und immer wieder wurden die Kaufempfehlungen bekräftigt. Erst Anfang August setzte vereinzelt ein Umdenken ein. So entschlossen sich Merck Finck &Co, HSBC Trinkaus, DZ Bank, J.P.Morgan und die SEB Bank dazu, die Aktie zurückzustufen. Zu einem Zeitpunkt also, als die Aktie bereits knapp bis auf ihr bisheriges Tief gefallen war.
Doch es geht noch schlimmer. Schließlich darf bei aller Kritik an den Spätberufenen, die ausgerechnet dann zurückruderten, als der MLP-Aktienkurs zu einer Erholungsbewegung ansetzte, eines nicht vergessen werden. Laut Angaben der Nachrichtenagentur Bloomberg raten 18 der 37 Analysten, die sich mit MLP beschäftigen, auch jetzt noch immer unbeirrt zum Kauf des Titels.
Kombiniation von Charttechnik und Fundamentalanalyse wünschenswert
Kritik müssen sich die Analysten nun nicht nur deswegen Gefallen lassen, weil sie nicht schon beim Höchstkurs bei 173 Euro zum Aussteigen geblasen haben. Schließlich macht es bei einem (ehemaligen) Wachstumswert keinen Sinn, die Flinte zu früh ins Korn zu werfen. Aber mit etwas mehr Wachsamkeit hätte man spätestens bei Kursen unter 90 Euro hellhörig werden müssen. Denn bei diesem Kursniveau war die Gefahr eines Absturzes schon beim bloßen Blick auf die Charts zu befürchten.
Eine banale Erkenntnis aus den Börsenerfahrungen der jüngsten Vergangenheit ist deswegen die, dass sich sinnvolle Ergebnisse nur bei Kombination von fundamentaler und charttechnischer Analyse ergeben. Doch im Gespräch mit den Analysten beider Disziplinen stellt sich auch heute noch immer wieder heraus, dass man wenig geneigt ist, die Signale, die sich aus dem Ansatz der anderen Denkschule ergeben, zu kombinieren.
Nicht an alte Regeln klammern
Überhaupt scheint die Neigung gering zu sein, über die Gründe für die Vielzahl an Fehlurteilen nachzudenken. Dabei steigt gerade mit der Reflektion über die Gründe einmal begangener Fehler die Chance, diese nicht noch einmal zu begehen. Denn eigentlich liegen die Anforderungen, wie es künftig besser klappt, auf der Hand.
Zusammen gefasst muss die Devise für alle Analysten lauten, über den Tellerrand zu schauen. Dazu gehört es aber nicht nur, Fundamentalanalyse und Charttechnik zu verknüpfen. Unabdingbar ist es auch, auf die Signale zu achten, die vom Aktienmarkt selber kommen. Ändert sich die Stimmungslage unter den Anlegern oder die Anlagegrundsätze, an denen sich die Mehrheit orientiert, macht es keinen Sinn, an alten Zöpfen festzuhalten. Wer zum Beispiel im Bärenmarkt noch immer auf die ehemals erfolgreiche Taktik setzt, in Kursschwäche hinein zu kaufen, der dürfte inzwischen zum Bettler mutiert sein.
Die Börse belohnt eigenwilliges Denken
Um diese Marktsignale auch zu hören, müssen sich die Analysten aber mehr als bisher auch mit dem allgemeinen Geschehen am Aktienmarkt und natürlich in der Weltwirtschaft beschäftigen. Das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass sich die ausschließliche Konzentration auf einzelne Branchen als nicht tauglich erwiesen hat. Gerade an der Börse, wo die Masse selten Recht behält, würde es sich außerdem bezahlt machen, wenn die Analysten aus ihrer Uniformität ausbrechen würden. Gefragt sind unorthodoxes Denken und Mut zu einer vom Konsens abweichenden Meinung.
Nicht fehlen darf natürlich auch ein Schuss Spontanität. Das heißt, dass manchmal der Bauch der richtige Ratgeber ist. Ein Rezept, wie einem das gelingt, gibt es allerdings nicht. Ein klar definiertes Hilfsmittel sind und bleiben dagegen Stopp-Loss-Kursen. Hätten beispielsweise die erwähnten MLP-Analysten darauf vertraut, wäre ihnen der meiste Hohn und Spott erspart blieben. Aber wer nicht hören will, muss eben fühlen. An der Börse gilt das ganz besonders.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |