28.09.2006 · Rauchverbote und höhere Steuern belasten die Tabakindustrie. Diese Woche bekam die Branche eine weitere ernüchternde Erkenntnis serviert: Mit den Milliardenklagen gegen die Branche ist es doch noch nicht vorbei.
Die amerikanische Tabakindustrie bekam in dieser Woche eine ernüchternde Erkenntnis serviert: Mit den Milliardenklagen gegen die Branche ist es doch noch nicht vorbei. In den vergangenen zwölf Monaten hatten die Hersteller eine Erfolgsserie erlebt: Eine milliardenschwere Bedrohung nach der anderen löste sich in Luft auf, indem frühere Schadensersatzurteile revidiert wurden.
In dieser Woche machte nun ein Richter in New York zumindest vorläufig die Bahn für den nächsten Großangriff auf die Branche frei: Er gab einer Klage von Rauchern wegen betrügerischer Methoden bei der Vermarktung von Light-Zigaretten Sammelklagenstatus. Nun können sich alle Raucher, die Light-Zigaretten seit deren Einführung in den siebziger Jahren gekauft haben, der Klage anschließen. In der Klage werden von der Tabakindustrie sämtliche Gewinne zurückgefordert, die in der Vergangenheit mit Light-Zigaretten gemacht wurden - es wird eine Summe von 120 Milliarden bis 200 Milliarden Dollar genannt. Den Tabakkonzernen werfen die Kläger vor, die gesundheitlichen Gefahren von Light-Zigaretten verharmlost zu haben.
„Bilanz der Tabakindustrie bei Sammelklagen gut“
Die Aktien der verklagten Unternehmen gingen nach der jüngsten richterlichen Entscheidung auf Talfahrt: Die Titel des Konsumgüterunternehmens Altria, zu dem der Marlboro-Hersteller Philip Morris und der Lebensmittelkonzern Kraft Foods gehören, büßten am Montag 6,4 Prozent ein und am Dienstag nochmals 1,3 Prozent. Nicht ganz so schlimm erging es dem Camel-Hersteller Reynolds American. Dessen Aktien verloren am Montag 3,7 Prozent an Wert, erholten sich am Dienstag aber um 0,4 Prozent. Auch zahlreiche Tabakaktien aus der zweiten Reihe verzeichneten hohe Kursverluste.
Die meisten Analysten halten die Reaktion der Börse für überzogen. Von der Zulassung als Sammelklage bis zu einer Verurteilung ist es nämlich ein weiter Weg. Wie sich die Branche zur Wehr setzt, behandelt derzeit eindrucksvoll der Kinostreifen „Thank you for smoking“. Und im Falle eines Schuldspruchs gibt es noch die Chance, in späteren Instanzen unbeschadet aus einem Rechtsstreit herauszukommen - so wie dies der amerikanischen Tabakindustrie schon oft genug gelungen ist. „Wir erinnern Investoren daran, daß die Bilanz der Tabakindustrie bei Sammelklagen sehr gut aussieht“, sagte Analystin Christine Farkas von Merrill Lynch. Erik Bloomquist von J.P. Morgan sieht es als „sehr wahrscheinlich“ an, daß bereits die Zulassung als Sammelklage von einem Berufungsgericht für nichtig erklärt werden wird. Dann käme es noch nicht einmal zu einem Prozeß für die Sammelklage.
Altria-Neustrukturierung verzögert
Bloomquist sieht die Börsenreaktion bei Altria sogar als „sehr attraktive Kaufgelegenheit“ für die Aktie an. Bonnie Herzog von Citigroup zeigte sich ebenfalls „nicht sonderlich besorgt“ von der Light-Entscheidung und sagte: „Wir fordern Investoren entschieden dazu auf, die Schwäche bei Tabakaktien auszunutzen, insbesondere bei Altria.“ Eine skeptische Stimme gab es von Christopher Growe von AG Edwards, der seine Anlageempfehlung für Altria von „Kaufen“ auf „Halten“ herunterstufte: Zwar meint auch er, daß ein Berufungsgericht die Zulassung als Sammelklage auf den Prüfstand stellen wird. Trotzdem habe die aktuelle Richterentscheidung nun wieder für etwas mehr Unsicherheit gesorgt.
Bei Altria wird der aktuelle Richterspruch wohl tatsächlich Konsequenzen haben, denn er könnte die geplante Abspaltung von Kraft Foods bremsen. Altria hat schon vor fast zwei Jahren angekündigt, den Konzern aufspalten zu wollen. Als bislang größtes Hindernis galten die offenen Risiken aus juristischen Auseinandersetzungen. Nach der jüngsten Erfolgsserie bei Rechtsstreitigkeiten hielten viele Beobachter den Zeitpunkt für gekommen. Nun sagte Chefsyndikus William Ohlemeyer, der Richterspruch „verzögert unweigerlich jede Neustrukturierung“.
Der Markt in China wächst - noch
Jenseits von juristischen Auseinandersetzungen sieht sich die Tabakindustrie womöglich noch größeren Herausforderungen gegenüber. So wird das Marktumfeld in vielen Ländern widriger. Immer mehr Länder führen Rauchverbote ein, vor allem westliche Industrienationen. Auch in Deutschland verstärkt sich die öffentliche Diskussion um ein Rauchverbot in der Gastronomie. Der deutsche Markt verliert ohnehin an Attraktivität. Nach Angaben von Altria ist der Zigarettenkonsum hier im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahr um 5,6 Prozent zurückgegangen.
Zu dem niedrigeren Verbrauch in Deutschland und anderen Ländern dürften auch die ständig steigenden Tabaksteuern beitragen. Dieser Trend wird wohl andauern: Im einwohnerstarken amerikanischen Bundesstaat Kalifornien zum Beispiel wird in Kürze über eine drastische Steuererhöhung entschieden. Mehr und mehr sind Tabakkonzerne darauf angewiesen, die Schwächen in den westlichen Ländern über Expansion anderswo auszugleichen, beispielsweise in asiatischen Gebieten wie China, die - zumindest bislang - noch wachstumsstark sind.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |