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Technischer Kommentar : Ein Schuss vor den Bug der Optimisten

  • -Aktualisiert am

Ein Händler an der Wall Street. Bild: AP

An der New Yorker Wall Street hat Unsicherheit Einzug gehalten. Jene, die den Markt vor kurzem noch im Übergang zu einem Steilflug nach oben sahen, schlagen merklich leisere Töne an.

          Anlass für leisere Töne hat der scharfe Rückschlag vom vergangenen Mittwoch an der Börse von Tokio geboten. Der Rückgang des amerikanischen Aktienindex Standard & Poor’s 500 Index (S&P 500) fiel im Gegensatz zum 225 Werte umfassenden Nikkei-Index, der um mehr als 7 Prozent einbrach, an diesem Tag mit 0,8 Prozent bescheiden aus. Dennoch sprechen manche technisch orientierte Analysten von einem ernstzunehmenden Warnsignal. Andere erklären, ein einziger schwacher Tag lasse noch keinen Trend entstehen.

          Situation nicht vergeichbar

          Für entscheidend halten Analysten, dass der Nikkei vor dem Einbruch einen exponentiellen Anstieg hinter sich hatte, während sich der S&P 500 und andere amerikanische Indizes erst im Frühstadium eines sich beschleunigenden Aufschwungs befinden. Die Situation sei daher nicht vergleichbar, heißt es, auch wenn unbestritten ist, dass die Stimmungsindikatoren an der Wall Street einen bedenklich großen Optimismus ausweisen.

          Diese Indikatoren, die klassische Kontraindikatoren sind, sagen aber aller Erfahrung nach nichts darüber aus, wann eine ausgedehntere Korrektur oder sogar eine Tendenzwende nach unten hin eintreten könnte. Einig sind sich die meisten technischen Analysten jedenfalls in dem Urteil, dass der seit gut vier Jahren laufende Haussezyklus bis jetzt nicht gebrochen ist.

          Comstock Partners Inc., der von Charlie Minter und Marty Weiner geleitete Kapitalverwalter, sieht im Rückschlag der vergangenen Woche einen Schuss vor den Bug der Haussiers an der Wall Street. Mit dem Schwächeanfall habe sich die nach oben gerichtete Tendenz der Indizes ins Gegenteil verkehrt. Die weithin zu vernehmende These, die Schwäche sei als Hinweis auf eine veränderte Geldpolitik der amerikanischen Notenbank Fed zu deuten, gehe fehl.

          Comstock vermutet, dass der Rückschlag als eindeutiges Anzeichen von konjunktureller Schwäche in Amerika und sinkender Unternehmensgewinne anzusehen sei. Tatsächlich werde die Fed ihre Geldpolitik nicht ändern und die „quantitative Lockerung“ (QE) wohl länger fortsetzen, als es weithin erwartet werde. Comstock schließt die Betrachtung mit der Warnung, dass der jüngste Haussezyklus schlimm enden werde, und zwar eher früher als später.

          S&P vor Ende des Haussezyklus?

          Walter Murphy, ein unabhängiger Analyst, gibt zwar zu, dass der S&P 500 recht unbeschädigt aus dem von Tokio ausgegangenen Rückschlag hervorgegangen ist; doch scheint ihm der Index im Begriff zu sein, den im November entstandenen Haussezyklus zu beenden. Er belegt dies mit Erkenntnissen aus der Elliott-Wellentheorie. Falls der seit April laufende Aufschwung im Rahmen dieses Haussezyklus gebrochen werden sollte, würde der Index nach seiner Meinung zunächst zwischen 1626 und 1632 Punkten auf Stützung stoßen. Dies sei sowohl rein charttechnisch als auch nach dem Fibonacci-Modell ein wichtiger Bereich. Sollte sich der S&P 500 aber wieder in die Zone zwischen 1661 und 1668 Zählern erholen, wäre dies nach Murphy als Zeichen für eine Neubelebung des Haussezyklus zu deuten.

          S&P 500 und Vergabe von Effektenkrediten an der NYSE
          S&P 500 und Vergabe von Effektenkrediten an der NYSE : Bild: F.A.Z.

          MacNeil Curry, technischer Stratege bei Bank of America Merrill Lynch, bezeichnet den Rückschlag der vergangenen Woche als impulsiv. Die anschließende leichte Erholung ist seiner Meinung nach bedeutungslos, da sich weitere Schwäche bemerkbar machen dürfte. Er hält einen Fall des S&P 500 in den Bereich von 1620 Punkten für recht wahrscheinlich. Sollte die dort zu vermutende Stützung nicht halten, wäre die Zone um 1600 Punkte als nächstes Auffangnetz anzusehen.

          John Hussman, Gründer von Investmentfonds gleichen Namens, ist aus einer Reihe von fundamentalen Gründen seit längerem bekennender Baissier. Doch er beachtet auch technische Aspekte. So hebt er in seiner jüngsten Betrachtung hervor, dass nach den Erkenntnissen des Fachdienstes Investors Intelligence zuletzt 55,2 Prozent der amerikanischen Beratungsdienste optimistisch und nur noch 18,8 Prozent pessimistisch gewesen seien. Die Stimmung könne daher nur als euphorisch bezeichnet werden, was nichts Gutes verheiße.

          Hussman weist ferner darauf hin, dass die Effektenkredite, die die an der New York Stock Exchange registrierten Wertpapierhändler an ihre Kunden vergeben haben, im April auf 384,4 Milliarden Dollar gestiegen seien und damit den im Juni 2007 verzeichneten bisherigen Rekord von 381,4 Milliarden Dollar übertroffen hätten. Der Umfang der Kredite habe zuletzt bei mehr als 2,4 Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts gelegen. Dies sei zuvor nur zweimal geschehen, und zwar in den Jahren 2000 und 2007, die jeweils schwere Kurseinbrüche beschert hätten.

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