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Technische Analyse Chinas Aktienmarkt ist in guter Verfassung

30.06.2006 ·  Erst vor etwa einem Jahr erreichte die lange Baisse des Shanghai Composite Index ihren Tiefpunkt. Der technische Analyst Wieland Staud gibt eine optimistische Prognose für den Index ab. Beim Dax sieht er Signale für eine Bodenbildung.

Von Wieland Staud
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Nach drei Wochen Fußball-Weltmeisterschaft ist es keine besonders neue Erkenntnis mehr, daß Deutschland in einem schwarzrotgoldenen Fahnenmeer versinkt, hierzulande wieder allerorts und völlig selbstverständlich im Stehen die Nationalhymne gesungen wird und wir das alles Klinsi und seinen Mannen zu verdanken haben. Wirklich neu hingegen ist, daß sich gerade deshalb und trotz aller Irrungen und Wirrungen des Dax kaum jemand so richtig für Börse interessiert.

Nun wäre es gerade in diesem Umfeld mit Sicherheit zunächst reichlich verwegen, für einen chinesischen Aktienindex mehr Interesse als für die heimischen Indizes erwarten zu wollen. Aber vielleicht ändert sich das ja bei einem Blick auf den Shanghai Composite Index. Der hat zwar lange Zeit nun gar nichts von dem gehalten, was uns die Aufregung um China hat glauben machen wollen. Denn erst zur Mitte vergangenen Jahres erreichte dessen beeindruckende, mehr als vier Jahre währende Baisse ihrem Tiefpunkt. Sie hatte den Index zwischenzeitlich annähernd 60 Prozent seines einstigen Kurswertes gekostet.

Konsolidierung bestätigt den Trend

Aber seither hat der Chart des Index nahezu alle Merkmale entwickelt, die es in den Augen eines Technischen Analysten braucht, um ein nachhaltiges Ausrufezeichen zu setzen. Erstens zeigt die Baisse das Muster einer nahezu idealtypisch abgeschlossenen Elliott-A-B-C-Korrektur im Abwärtstrend. Zweitens genügt die nachfolgende Auferstehung aus den Ruinen dieses Desasters höchsten analytischen Ansprüchen. Und selbst die erst vor ein paar Wochen begonnene aktuelle Konsolidierungsphase kann nur als trendbestätigend klassifiziert werden. Zum einen, weil sie erst nach dem Bruch des langfristigen Abwärtstrends und damit mit einem Haussesignal allererster Güte begann und zum anderen, weil sie noch unter der ganz entscheidenden Widerstandszone zwischen 1.680 und 1.740 Punkten ihren Anfang nahm. Ersteres spricht für die enorme Kraft, die dem Index derzeit innewohnt, letzteres dafür, daß es bislang noch nicht des Guten zuviel geworden und damit nicht zu einer fatalen Übertreibungsphase gekommen ist.

Vor diesem sehr zuversichtlich stimmenden analytischen Hintergrund muß jedwede Prognose optimistisch ausfallen. Staud Research geht davon aus, daß der Index in den nächsten 12 bis 18 Monaten wieder in den Bereich seiner alten historischen Höchstkurse bei 2.200, wenigstens aber wieder in Regionen um 2.000 Punkte zurückfinden wird. Das ist zwar eine wenig spektakuläre Perspektive und damit wohl momentan nicht besonders dazu angetan, die ganz auf Fußball eingestimmten Börsianerherzen und -köpfe wirklich zu erreichen. Aber dafür ist es eine im Rahmen des Menschenmöglichen sehr sichere Prognose - und bis zum 9. Juli ist es ja auch nur noch eine Handelswoche. Kleiner Wermutstropfen: die aktuelle Konsolidierung wird wohl noch ein wenig andauern. Der Chart darf selbst für einen extrem intakten Aufwärtstrend als klassisch überkauft gelten.

Dax: Signale sprechen für eine Bodenbildung

Damit trotz aller Fußballbegeisterung doch noch zum Dax und zu einem völlig anderen Chart als dem des Shanghai Composite Index. Nicht ein gebrochener langfristiger Abwärtstrend kann hierzulande bejubelt werden, sondern es gilt einen gebrochen langfristigen Aufwärtstrend zu beklagen. Das limitiert die kurzfristigen Perspektiven der aktuellen Erholung scheinbar auf Werte zwischen rund 5.660 und 5.700 Punkte und läßt weiterhin das Damoklesschwert weiterer deutlicher Abschläge über dem Markt schweben. Nicht verhohlen werden darf allerdings auch, daß trotz dieser eigentlich wenig erbaulichen analytischen Indikation die jüngste Erholung an nahezu allen Weltaktienmärkten unter ganz vorzüglichen technischen Vorzeichen stattfand. Mehr und mehr muß deshalb überlegt werden, ob die Krise sich tatsächlich noch signifikant unter die bislang erreichten Korrekturtiefs ausweiten kann.

Die beiden Kernargumente der aktuellen Markttechnik für diese Einschätzung sind zum einen, daß es trotz des gebrochenen langfristigen Aufwärtstrends schon jetzt überhaupt zu einer Erholung kommen konnte, und zum anderen die Impulswellen der Elliott Waves seit den jeweiligen Markttiefs. Denn genauso sieht in vielen Fällen ein Bodenbildung aus. Zusehends drängt sich die Vermutung auf, daß sich der Dax auf ein analytisches Patt zubewegt. Erst Kurse über 5.700 beziehungsweise unter 5.243 Punkten, dem bisherigen Korrekturtief, werden deshalb wohl den Weg in die jeweilige Richtung weisen. Die Position der Baissiers wurde also nicht gestärkt.

Unverändert wenig Freude bereitet hingegen der Blick auf die Zinsen. Völlig unabhängig von den jüngsten Schritten der Notenbanken und deren Ausblicken auf die Zukunft stehen die Ampeln aus Sicht der Technik weiterhin auf Rot. Spätestens dann, wenn auch noch der langfristige Aufwärtstrend des Bund Futures seit 1994 mit Schlußkursen unter rund 115 unterboten sein wird, spätestens dann stehen die Zeichen auf Sturm. Dieser Trend ist so ziemlich das letzte Hemd, das sich Zinsoptimisten heute noch anziehen können. Und es darf als ziemlich unwahrscheinlich gelten, daß sie es lange tragen werden.

Der Autor leitet die Staud Research GmbH, Bad Homburg.

Quelle: F.A.Z., 30.06.2006, Nr. 149 / Seite 26
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