09.06.2006 · Der Dax bricht den langfristigen Aufwärtstrend. Auch bei TecDax und MDax ist die Lage prekär. Der technische Analyst Wieland Staud sieht deutliche Hinweise, daß die Kurse erst einmal nicht steigen werden. Sein Rat: „Kein Anleger sollte jetzt noch deutsche Aktien halten.“
Von Wieland StaudIn Frankfurt wird zur Mittagszeit gern wieder wie zu Großvaters Zeiten gegessen. Suppenstuben liegen im Trend - groß und klein trifft sich dort, um mit großem Vergnügen eine Suppe auszulöffeln, die man sich ausnahmsweise einmal nicht selbst eingebrockt hat. Vor allem aber sind solche Suppenküchen kommunikativ. Kaum eine ist mit den sonst so typischen Zweier- oder Vierertischen ausgestattet. Vielmehr findet man sich meistens an langen Tischen wieder, die Nachbarparteien in unmittelbarer Nähe. Da ist es kaum zu vermeiden, das Gespräch der Nebenleute mitzuhören.
In den ersten Tagen des Mai 2006 konnte man so Ohrenzeuge einer wegweisenden Unterhaltung zwischen zwei Bankern werden. Der eine - ein Mann in den besten Jahren und dem Habitus eines Menschen, der erwartet, daß man ihm zuhört - eröffnete das Gespräch mit der Feststellung, daß er mittlerweile den ultimativen Entscheidungsfindungsprozeß für eine erfolgreiche Geldanlage gefunden habe. Was folgte, war eine absolut plausible, für einen technischen Analysten unter dem Strich allerdings nicht allzu spannende Erläuterung seiner Vorgehensweise. Richtig interessant wurde es erst, als sein Gegenüber, ein eher zurückhaltender Typ mit verhaltener Gestik, fragte: „Und wann verkaufst du?“
Erst der Verkauf sichert die Gewinne
Die Antwort darauf ließ jedwede Überzeugungskraft vermissen und wurde mehr halblaut denn nachdrücklich vorgetragen. Sie beanspruchte nur einen Bruchteil der bislang verstrichenen Zeit und war - die Bemerkung sei mir verziehen - schlicht Schrott. Dabei ist dies die alles entscheidende Frage. Erst der Verkauf sichert die Gewinne. Trotzdem konzentrieren alle ihr Augenmerk vorwiegend darauf, den Kaufzeitpunkt zu optimieren. Kaum einer verwendet dieselbe Energie und Mühe darauf, den richtigen Verkaufszeitpunkt zu finden. Ein katastrophales Verhalten: Wer klare Regeln fürs Kaufen, aber keine fürs Verkaufen hat, der wird im Zweifel dazu neigen, mehr zu kaufen und weniger zu verkaufen. Und dann kommt der Juli 1998 und der März 2000. Und nun der Mai 2006? Die Gefahr besteht.
Dabei können die Dinge vergleichsweise einfach sein. Verkauft wird erstens grundsätzlich und unmittelbar, sobald ein vorgegebener Stop-Loss-Kurs unterschritten wird, und zweitens dann, wenn ein für den eigenen Anlagehorizont bedeutender Aufwärtstrend gebrochen wird. Wer kurzfristig beispielsweise mit Hebelinstrumenten im Markt engagiert ist, für den ist der kurzfristige Aufwärtstrend von Bedeutung. Wer sein Engagement mittel- und langfristig geplant hat, für den sind die Aufwärtstrends dieser jeweiligen Kategorie das Maß der Dinge.
Kein Anleger sollte jetzt noch deutsche Aktien halten
Der Deutsche Aktienindex Dax hat in den vergangenen fünf Wochen erst den kurz-, dann den mittelfristigen und - als ob das noch nicht genug wäre - am Dienstag nach den Pfingstfeiertagen auch noch den langfristigen Aufwärtstrend gebrochen. Immerhin hatte ihn dieser Trend seit dem Ende der Baisse im März 2003 begleitet. Kein Anleger sollte jetzt noch deutsche Aktien halten. Jedenfalls hält momentan ein Haussier aus technischer Sicht so gut wie nichts mehr in Händen. Es ist kaputt, was kaputtgehen konnte.
Das muß zwar nicht zwangsläufig heißen, daß damit das Ende aller Börsenzeiten eingeläutet wurde, der Dax sich also wieder in die Niederungen der Jahre 2002 und 2003 aufmachen wird. Aber in wenigstens zwei Drittel aller Fälle, mehr schon in drei Viertel oder gar vier Fünftel aller Fälle ist eine solche Signalballung der überdeutliche Hinweis darauf, daß die Kurse jetzt erst einmal nicht steigen werden.
Auch bei anderen Indizes ist die Lage prekär
Fortan richten wir von Staud Research deshalb bis auf weiteres den Blick nicht mehr nach oben. Ebenso hinfällig ist unser Kursziel von 6.230 Punkten. Wir wollen und können zwar nicht ausschließen, daß der Dax da nicht doch noch irgendwann ankommt. Aber wahrscheinlich ist das für die nächsten Monate nicht. Es bleibt der Makel, daß der Dax mit einem Höchststand von 6.162 zwar mit dem einst visionären Ziel Tuchfühlung aufgenommen hat, aber eben dort nicht angekommen ist.
Es ist momentan weiterhin nicht so ganz klar, was der Dax wirklich vorhat und wo die Reise schließlich enden wird. Aber oft genug dann, wenn in der Vergangenheit ein mittel- oder gar langfristiger Aufwärtstrend gebrochen wurde, folgten diesem Bruch weitere Kursrückgänge von 10 Prozent oder mehr. Bei einem aktuellen Niveau des gebrochenen langfristigen Aufwärtstrends von etwa 5.550 Punkten ist damit zu erwarten, daß der Dax sich demnächst bei Kursen um 5.000 Punkte, möglicherweise auch darunter einfindet. Die gute Nachricht: Ganz kurzfristig könnte sich eine kleine Entspannung der Lage ankündigen.
Übrigens müssen momentan vergleichbare analytische Aussagen auch für die drei entscheidenden Wall-Street-Indizes S&P 500, Nasdaq Composite und Dow Jones sowie für den Euro Stoxx 50, den TecDax und den MDax getroffen werden. Auch dort ist die Lage prekär.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |