Die angebliche Einigung im amerikanischen Schuldenstreit hat an den Finanzmärkten zumindest kurzfristig den Risikoappetit wieder belebt. Die Vermeidung der kurzfristigen Zahlungsunfähigkeit werde zum Abschied politischer Börsen und zur Rückkehr der Orientierung der Anleger an den Konjunktur- und Unternehmensdaten bringen, heißt es.
Die seien vergleichweise robust, während Aktien gemessen an den tiefen Zinsen und den starken Umsatz- und Gewinnsteigerungen der vergangenen Monate noch günstig seien, heißt es. Gemeinhin wird auf dieser Argumentationslinie auf im historischen Vergleich tiefe Kurs-Gewinnverhältnisse und hohe Ertragsmargen der Unternehmen hingewiesen.
Hohe Margen sind das Ergebnis von Sondereffekten
Allerdings sind beide mit einer gewissen Vorsicht zu genießen. Denn erstens ist die Bewertung der Anteilsscheine vieler Unternehmen nur dann günstig, wenn die die Gewinne in den kommenden Monaten auf ohnehin schon hohem Niveau noch deutlich weiter steigern können. Zweitens sind die hohen Margen derzeit das Ergebnis besonders günstiger Umstände. Auf der einen Seite können die Unternehmen bisher von den unglaublich geld- und fiskalpolitischen Strategien profitieren, mit denen Regierungen und Zentralbanken in aller Welt auf die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise reagiert haben.
Zweitens machen sich die zum Teil drastischen Sparmaßnahmen überaus positiv bemerkbar, mit denen sie auf die Krise reagiert hatten. Drittens haben bisher die hohen Energie- und Rohstoffkosten vielfach noch nicht voll auf der Kostenseite durchgeschlagen. Alleine schon diese beiden Faktoren jedoch werden sich bei robuster wirtschaftlicher Entwicklung nicht halten lassen. In vielen der in den vergangenen Tagen und Wochen veröffentlichten Quartalsberichte ist von Kostendruck und sinkenden Margen die Rede. Das legt die Erwartung nahe, dass die hohen Magen wieder auf einen langjährigen Durchschnitt zurückgehen werden. Gemessen an zyklisch angepassten Bewertungskennziffern jedoch sind Aktien im Durchschnitt nicht sonderlich günstig.
Es gibt jedoch nicht nur Zweifel an der Persistenz hoher Ertragsmargen, sondern auch an der konjunkturellen Entwicklung im allgemeinen. Schließlich deuten viele vorlaufende und Stimmungsinkatoren nach den Auslaufen der enormen stimulativen Impulse der vergangenen Monate auf eine abnehmende Dynamik oder gar eine wirtschaftliche Abkühlung hin.
Der deutschen Industrie geht im Aufschwung zunehmend die Puste aus. Erstmals seit rund zwei Jahren verbuchte sie im Juli einen Auftragsrückgang, wie am Montag aus einer Umfrage unter rund 500 Unternehmen hervorging. Der Markit/BME Einkaufsmanager-Index fiel nach endgültigen Berechnungen um 2,6 auf 52 Punkte und damit auf den tiefsten Stand seit Oktober des Jahres 2009. Das Barometer liegt zwar noch über der als Wachstumsschwelle geltenden Marke von 50 Punkten, aber mehr als zehn Zähler unter seinem Rekordhoch von Februar 2011.
In der Eurozone ist das Wachstum der Industrie gemessen am analogen Indikator sogar fast zum Stillstand gekommen. Dies geht aus einer am Montag veröffentlichen Markit-Umfrage unter rund 3000 Firmen hervor. „Seit dem fulminanten Jahresauftakt hat die Eurozonen-Industrie kontinuierlich an Schwung verloren, im Juli verzeichnete sie sogar kaum noch Wachstum“, sagte Markit-Ökonom Rob Dobson. Wegen des zweiten Auftragsrückgangs in Folge sei die Produktion fast zum Erliegen gekommen. Der Markit-Einkaufsmanagerindex sank um 1,6 auf 50,4 Zähler und lag damit nur noch minimal über der Wachstumsschwelle von 50 Punkten.
Abkühlung der wirtschaftlichen Aktivitäten
Die Abkühlung betraf Deutschland, Frankreich, die Niederlande und Österreich. Beschleunigt abwärts ging es in Griechenland, Irland und Spanien - dort liegen die Indikatoren längst im rezessiven Bereicht. Italien verzeichnet trotz einer leichten Verbesserung lediglich ein stagnatives Niveau. „Besonders fatal daran ist, dass der Nachfragerückgang nach den Peripherie-Ländern jetzt auch die Schwergewichtsländer Frankreich und Deutschland erfasst und auch hier für eine drastische Wachstumsabkühlung gesorgt hat“, erklärte Dobson.
Das Phänomen ist jedoch keineswegs auf Europa beschränkt, denn auch in China und vor allem auch in den Vereinigten Staaten nimmt die volkswirtschaftliche Dynamik ab oder ist gar ausgesprochen schwach. Nach der Veröffentlichung ausgesprochen schwacher Wachstumszahlen und der dramatischen Abwärtsrevision von in den vergangenen Quartalen veröffentlichten Wachstumszahlen kommt nicht nur Zweifel an der Glaubwürdigkeit der damit befassten Behörden auf, sondern inzwischen ist immer intensiver von einem rezessiven Rückfall in den Vereinigten Staaten die Rede.
Die Wirtschaftsentwicklung des Landes scheint trotz der gigantischen Defizite und dramatisch rasch zunehmender Staatsschulden nicht anzuspringen. Das Land befindet sich in einer tiefen strukturellen Krise, die künftig durch immer unumgänglicher werdende Sparmaßnahmen und Steuererhöhungen nicht verstärkt werden könnte. Von entsprechend deflationären Effekten können sich einzelne Unternehmen abkoppeln. Zum Beispiel jene, die Verbrauchsgüter herstellen oder die über starke Geschäfte im Ausland vom schwachen Dollar profitieren können. Immerhin ist die Geldpolitik der amerikanischen Zentralbank offensichtlich darauf angelegt, die eigene Währung zu schwächen.