21.04.2009 · Zahlreiche Experten gehen von einer bereits erfolgten Bodenbildung des Marktes aus und haben das günstige Kursniveau für Schnäppchenkäufe genutzt. Für viele von ihnen wäre es jedoch weiterhin verfrüht, von einem Ende der Baisse zu sprechen.
Von Gene Marcial„Narrenrally“ - so bezeichnen Skeptiker die seit dem Schlusstief des Dow Jones Industrial Average von 6547,05 Zählern am 9. März währende Aufwärtsbewegung des Aktienmarktes. Ist der unerwartete Marktanstieg lediglich eine Bullenfalle, also eine Rally in einem Bärenmarkt?
Das Tauziehen zwischen Bullen und Bären hält an. Angesichts schwächelnder Wirtschaft, steigender Arbeitslosigkeit, desolatem Häusermarkt und weiter schwelender Finanzkrise gibt es nach wie vor genügend Gründe, vorsichtig zu sein.
Misstrauischer Blick auf die Kursgewinne
Einer, der dem Stehvermögen der jüngsten Marktrally misstraut, ist Justin Lahart, Kolumnist des Wall Street Journal. Vergangene Woche schrieb er in einem Artikel: „Der Dow Jones Industrial Average ist seit seinem im vergangenen Monat markierten 12-Jahres-Tief um 21 Prozent gestiegen und es fällt nicht allzu schwer, Gründe für die Irrationalität dieses Anstiegs zu finden.“ Und was „all das Gerede über eine konjunkturelle Erholung betrifft: Die vorhandenen Zeichen sind alles andere als eindeutig, was nicht zuletzt die am Dienstag veröffentlichten enttäuschenden Einzelhandelsumsätze für März zeigten“, so Lahart weiter.
Mein Kollege Michael Mandel, Chefvolkswirt bei Business Week, ist genau entgegen gesetzter Ansicht. Am 25. März schrieb er in seiner Kolumne, dass „diese Marktrally wirklich Substanz haben könnte“, wobei er seinen Optimismus wie folgt untermauerte: „Seit dem Markttief [im März] hat die Fed und das Finanzministerium Pläne angekündigt, bis zu zwei Milliarden Dollar in die Finanzmärkte zu pumpen. Das ist selbst für eine Volkswirtschaft von der Größe der Vereinigten Staaten eine stattliche Summe.“
Gesunkenes Handelsdefizit
Mittlerweile zeige die Wirtschaft erste Anzeichen einer Rückkehr der Lebensgeister, schreibt Mandel. So meldete die amerikanische Statistikbehörde am 25. März einen Anstieg der Auftragseingänge für langlebige Wirtschaftsgüter (wie etwa Computer) von 3,4 Prozent im Februar - die erste Steigerung seit sieben Monaten. Von gleicher Bedeutung sei nach seiner Ansicht das im Januar auf eine Jahresrate von 430 Milliarden Dollar gesunkene Handelsdefizit, ein Rückgang des Anteils am Bruttoinlandsprodukt gegenüber dem Vorjahresmonat von fünf auf drei Prozent. Mandel behauptet, dass die Vereinigten Staaten infolge eines schrumpfenden Handelsdefizits weniger Mittel aus China und anderen Ländern zur Finanzierung der Importe benötigten, wodurch die amerikanischen Finanzmärkte weniger anfällig für ausländische Einflüsse würden.
In der vergangenen Woche gab es einige gute Neuigkeiten von der Bilanzfront. Mit robusten Erstquartalszahlen übertrafen General Electric, JP Morgan Chase und Citigroup die Prognosen der Wall-Street-Analysten.
Doch in dieser Debatte gibt es auch einen Mittelweg. Ed Yardeni, Vorsitzender von Yardeni Research, ist überzeugt, dass das Märztief wirklich den „Tiefpunkt dieser Baisse“ markiere, behauptet jedoch, dass auf Bärenmärkte nicht immer Bullenmärkte folgten. „Wir befinden uns wahrscheinlich eher in einem Bodenbildungsprozess als in einer ungebremsten Hausse“.
Was sollten die Anleger momentan also tun? Klar ist, dass sich viele die während des massiven Ausverkaufs entstandene Fülle an Kaufgelegenheiten nicht entgehen lassen. Zahlreiche Aktien sind derzeit zweifellos schnäppchenhaft bewertet, sei es unter Zugrundelegung des Kurs-Gewinn-Verhältnisses, der Cashflows oder des Kurs-Buchwert-Verhältnisses.
Woher stammt die Nachfrage? Die von zurückhaltenden Investoren im In- und Ausland in Lauerstellung befindlichen Milliardensummen werden die Triebkräfte der nächsten massiven Aufwärtsbewegung des Marktes sein. „Als Folge der monatelang rückläufigen Marktentwicklung warten derzeit viele Billionen Dollar [ein historisches Rekordniveau] auf die Chance, [mit Aktien] bessere Renditen zu erzielen, als sie der Geldmarkt bereithält“, sagt Vermögensverwalter Arnold Schmeidler, Vorsitzender von A.R. Schmeidler Investment Advisors. Und „nach dieser Entwicklung könnten die hierbei geschaffenen enormen Werte zu den attraktivsten Anlagerenditen seit Jahren führen.“
Die Hartgesottenen kaufen
Das Klischee „Man gewinnt nur, wenn man dabei ist“ ist in diesem Marktumfeld nur allzu wahr. Viele Kleinanleger, darunter nicht nur professionelle Händler, haben in der von den Märztiefs ausgehenden Rally bereits passable Aktienkursgewinne eingestrichen.
Einer dieser schnell agierenden Investoren war Gregory MacArthur, Vorsitzender der Anlageberatungsgesellschaft Viewpoint 2000. Als der Markt am 9. März in die Knie ging, war er davon überzeugt, dass der Markt nun einen Boden ausbilde, der als Ausgangspunkt einer breiten Rallye dienen werde. Er fasste sich also ein Herz und kaufte die Aktien seiner bevorzugten Großkonzerne, die trotz anhaltend robuster Fundamentaldaten im Zuge des Ausverkaufs unter die Räder gekommen waren.
Im Fokus von MacArthur standen die Papiere von Apple, Caterpillar, Conoco Phillips, Exxon-Mobil, IBM, Johnson & Johnson, Microsoft, Pfizer, Union Pacific und Williams Cos.
Richard Steinberg, Vorsitzender von Steinberg Global Asset Management, erinnert daran, dass es in jedem Marktumfeld unabhängig von den jeweiligen Bewertungen Chancen gebe. Anleger sollten herausfinden, „welche Sektoren unabhängig von extremen Marktbedingungen oder Stimmungen die besten Aussichten auf Kapitalzuwachs bieten“, sagt er. Steinberg geht nicht unbedingt davon aus, dass der Markt ausgehend vom gegenwärtigen Stand einbrechen wird. „Das gegenwärtige Bewertungsniveau liegt etwas über dem Durchschnitt, allerdings nicht hoch genug, um eine ausgeprägte Verkaufswelle zu rechtfertigen“. Gleichzeitig jedoch „ist das Niveau nicht hinreichend niedrig genug, um eine lang anhaltende Rally zu speisen“.
„Chance für Langfristanleger“
Dessen ungeachtet zählte er zu den professionellen Marktteilnehmern, die sich den Marktrückgang zunutze gemacht haben. In seinen Augen wurde etwa die Aktie von Abbott Laboratories vom Markt zu Unrecht abgestraft. Von ihrem Höchststand am 16. September 2008 bei 60 Dollar war sie zuletzt auf 43 Dollar gesunken und liegt damit unweit ihres am 15. April 2009 markierten Tief von 41,88 Dollar. „Die Aktie ist sehr günstig, mit guten Aussichten auf ein Gewinnwachstum im niedrigen zweistelligen Bereich und einer soliden Dividendenrendite von 3,7 Prozent. Der Rücksetzer der Abbott-Aktie hat Langfristanlegern die Chance zum Einstieg beschert“, sagt Steinberg.
Die jüngste Schwäche des Papiers war zum Teil auf die hinter den Erwartungen zurückgebliebenen Absatzzahlen von Abbotts Blockbuster-Medikament Humira zurückzuführen, das für 15 Prozent des weltweiten Umsatzes des Unternehmens sorgt. Analyst Stephen O'Neill vom Wertpapierhaus Hilliard Lyons empfiehlt Abbot langfristig zum Kauf, wobei er den Kurs der Aktie in den kommenden zwei bis drei Jahren bei 75 Dollar sieht.
Zu den jüngsten Käufen von Arnold Schmeidler zählt die Aktie von Potash (eines der weltweit größten Düngemittelunternehmen und der weltgrößte Produzent von Kaliumkarbonat), vor allem aufgrund des von ihm für die kommenden 12 Monate prognostizierten Anstiegs des Unternehmensgewinns. Nach seiner Einschätzung werde sich der von Potash erzielte Gewinn je Aktie in diesem Jahr auf über 10 Dollar und im kommenden Jahr auf 15 Dollar belaufen. Nach Schmeidlers Ansicht dürften China und Brasilien in großem Stil Kaliumkarbonat kaufen.
Die Aktie von Potash sank von ihrem Hoch bei 239 Dollar am 17. Juni 2008 auf 86 Dollar am 17. April. Dieser massive Rückgang ist teilweise auf Störungen im Produktionsbetrieb des Unternehmens zurückzuführen. Schmeidler formuliert ein Zwölfmonats-Kursziel von 140 Dollar. Der Kursrückgang der Aktie hat zu Spekulationen geführt, dass Potash zu einem Übernahmeziel werden könnte.
Unternehmen mit rezessionsresistenten Produkten
William Harnisch, Vorsitzender des Hedge-Fonds Peconic Partners in New York City, war ebenfalls auf Schnäppchenjagd, beschränkte seine Auswahl jedoch auf Unternehmen mit rezessionsresistenten Produkten, starker Cashflow-Generierung und stabilem Gewinnwachstum. Zu dieser Kategorie zähle Harnisch zufolge Varian Medical Systems, ein führender Hersteller von Strahlentherapiesystemen für die Krebsbehandlung sowie ein bedeutender Produzent von Röntgenröhren und von Flachbilddetektoren für die digitale Röntgenbildgebung für medizinische, wissenschaftliche und industrielle Anwendungen.
Auch die Varian-Aktie musste kräftig Federn lassen: Vom 15. August 2008 bis zum 17. April 2009 gab der Kurs von 64 Dollar auf 33 Dollar nach. Laut Harnisch sei Varian vor kurzem eine Verbesserung seiner Strahlentherapiesysteme gelungen, die nun eine noch genauer dosierte Strahlenbehandlung bei Krebserkrankungen ermögliche. „Dank stetiger Nachfrage nach seinen Produkten konnte das Unternehmen trotz schwierigem Wirtschafts- und Finanzumfeld seinen Wachstumskurs fortsetzen“, sagt er. Dalton Chandler, Analyst beim Wertpapierhaus Needham, der für Varian ein Zwölfmonats-Kursziel von 52 Dollar formuliert, geht davon aus, dass das Unternehmen in dem am 30. September endenden Geschäftsjahr 2009 einen Gewinn je Aktie von 2,61 Dollar ausweisen werde, während er für 2010 einen Gewinn je Anteilsschein von 2,95 Dollar prophezeit (2008: 2,19 Dollar).
In der Zwischenzeit wird der Aktienmarkt weiterhin das tun, was er am besten kann - unentschlossene Anleger in Erstaunen versetzen und Investoren verblüffen, die es vorziehen, das Geschehen von der Seitenlinie zu verfolgen.
"bis zu zwei Milliarden Dollar in die Finanzmärkte zu pumpen"
jürgen fischer (rdeniro)
- 22.04.2009, 12:43 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
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| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
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| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |