23.07.2010 · Die Teilnahme der Schwellenländer an der Globalisierung verändert Machtstrukturen und Kapitalströme in der Welt. Der Westen muss umdenken und lernen, bescheidener zu werden, sagt der Chef-Volkswirt der HSBC Hongkong and Shanghai Banking Corporation.
Herr King, Sie sagen, der Westen unterschätze die Folgen des Aufstiegs der Schwellenländer. Können Sie diese These erläutern?
Es gibt im Westen zwei Ansichten zur Globalisierung. Die Liberalen sagen, dass die Globalisierung mit ihren offenen Märkten ein vorteilhafter Prozess für alle Beteiligten sei. Die Linken sagen, dass die Globalisierung den großen Konzernen des Westens die Möglichkeit gebe, die Menschen in den Schwellen- und Entwicklungsländern auszubeuten. Ich halte beide Ansichten für falsch.
Warum?
Weil die Schwellenländer an Bedeutung gewinnen und selbst einen wirtschaftlichen und politischen Gravitationspunkt bilden werden. Und das wird Auswirkungen für den Westen haben, die unsere Politiker nicht unterschätzen dürfen.
Haben Sie ein Beispiel parat?
Ja, schauen wir uns den Außenhandel an. Wir halten es im Westen für ein Erfolgsrezept, wenn wir möglichst viele Güter in rasch wachsende Länder wie China exportieren.
Was ist daran falsch?
Wissen Sie, welche Industrienation seit Jahren am meisten nach China exportiert? Das ist Japan, und dort läuft die Wirtschaft seit Jahren überhaupt nicht gut. Ein Teil dieses Rätsels besteht meines Erachtens in der Tatsache, dass Japan - wie übrigens auch Deutschland - sehr viele Investitionsgüter exportiert. Das hat die japanischen Großkonzerne auf die Idee gebracht, ihre Kosten im Hochlohnland Japan zu reduzieren und stattdessen lieber in Billigländern wie China zu produzieren. Die Kehrseite des japanischen Exporterfolges ist somit eine schwache Binnennachfrage.
In der Theorie gilt seit dem englischen Ökonomen David Ricardo (1772 bis 1823), dass Freihandel für alle Beteiligten vorteilhaft ist.
Für den Handel mit Konsumgütern bei gleichzeitig immobilen Investitionsgütern wie Fabriken und Maschinen mag dies gelten. Das war die Welt von Ricardo. Für den internationalen Handel mit Investitionsgütern gilt dies aber nicht immer. Zudem leiden wir unter Verzerrungen an Kapitalmärkten.
Woran denken Sie?
In Schwellenländern wie China werden hohe Ersparnisse gebildet, die dann als Kapitalanlagen in den Westen, zum Beispiel in die Vereinigten Staaten, fließen. Das Problem ist, dass diese Ersparnisse nur in sehr wenigen Anlageformen gebündelt werden. Die Chinesen können aus politischen Gründen nicht viele amerikanische Unternehmen kaufen. Also kaufen die Chinesen, die ihre Kapitalanlagen eigentlich gerne diversifizieren würden, in hohen Beträgen amerikanische Staatsanleihen und drücken damit deren Renditen auf ein sehr niedriges und verzerrtes Niveau. Da dieses Renditeniveau aber wiederum für westliche Vermögensverwalter wie Pensionskassen unattraktiv ist, suchen diese höherrentierliche Anlagen. Also haben sie vor der Krise Hypothekenpapiere oder griechische Staatsanleihen gekauft und dabei deren Risiken unterschätzt.
Und was kann man tun?
Im Prinzip gibt es zwei Möglichkeiten. Die erste wäre der Abbau der außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte, aus denen diese Kapitalströme entstehen. Diese Ungleichgewichte bestehen zum Teil aber schon seit Jahrzehnten und lassen sich nicht einfach abschaffen. Die zweite, meines Erachtens vorteilhaftere, Möglichkeit bildet der Abbau der Verzerrungen an den Kapitalmärkten. Diese Probleme sind schon seit Jahren erkennbar.
Warum hat das niemanden gekümmert?
Weil sich die Politik Täuschungen hingegeben hat. Die Zentralbanken haben die sehr niedrigen Renditen für Staatsanleihen als Ergebnis ihrer Anti-Inflations- Politik verkauft. Dass es noch andere Gründe für die sehr niedrigen Renditen gab, hat man nicht sehen wollen. Es gibt aber noch ein Problem: Das ist Inflation.
Inflation ist ein gerade in Deutschland heikles Thema . . .
Die verbreitete Ansicht, dass Inflation letztlich ein monetäres Phänomen ist und die Zentralbank das Preisniveau stabilhält, stimmt im Grundsatz ja auch. Aber wir leben in einer Welt, in der viele Preise im Ausland gemacht werden.
Und was folgt daraus?
Nehmen Sie die sehr niedrigen Lohnkosten in Ländern wie China, die über den Export von Gütern die Inflationsraten im Westen gedrückt haben - zum Teil auf Niveaus von einem halben oder einem Prozent.
Das ist doch sehr vorteilhaft!
Sicher. Aber die meisten Zentralbanken haben ein Inflationsziel von rund 2 Prozent. Im Versuch, die Wirtschaft so zu beleben, dass die Inflationsrate auf rund 2 Prozent steigt, haben die Zentralbanken ihre Leitzinsen auf ein zu tiefes Niveau fallen lassen. Das Ergebnis: Am Kapitalmarkt haben die chinesischen Kapitalexporte die Renditen westlicher Staatsanleihen verzerrt, und am Geldmarkt haben die niedrigen chinesischen Lohnkosten die Leitzinsen im Westen verzerrt und zu einem viel zu schnellen Geldmengenwachstum geführt. Über Verteilungseffekte müssten wir übrigens auch noch reden.
Bitte sehr . . .
Vor allem in Großbritannien und den Vereinigten Staaten haben nur wenige die Früchte der Globalisierung geerntet. Die Langzeitarbeitslosigkeit war in der Nachkriegszeit noch nie so hoch wie jetzt in den Vereinigten Staaten. Der Wunsch, das vertraute Konsumniveau beizubehalten, hat dazu geführt, dass viele Haushalte hohe Konsumentenkredite aufgenommen haben. Im Westen könnte die Neigung wachsen, Länder wie China für eigene Probleme zu beschimpfen und für Protektionismus einzutreten.
Der Westen hat in der Industrialisierung selbst zu Protektionismus gegriffen.
Richtig. Wir erzählen im Westen die Geschichte unseres Aufstiegs so, als sei sie eine Geschichte freier Märkte gewesen. Das ist ein Mythos. Es hat zum Beispiel Sklaverei gegeben. Im Vergleich zu heute haben wir im Westen, und nicht zuletzt Großbritannien, eine Art Staatskapitalismus betrieben. Wenn wir heute sehen, wie sich China strategische Rohstoffreserven sichert, sehen wir den gleichen Staatskapitalismus am Werk. Globalisierung ist keine Einbahnstraße, und die Demographie macht es nicht einfacher.
Warum nicht?
Dem Westen gehen die Arbeitskräfte aus. Weil die Generation der Babyboomer der Verrentung entgegengeht, wird der Anteil derer, die noch in Arbeit stehen, rapide fallen. Dies wird verschärft durch zwei Gegenbewegungen: höhere Lebenserwartung und einen großen Zuwachs an Arbeitskräften in den aufstrebenden Entwicklungsländern. Werden wir also in Zukunft abhängig von deren Arbeitskraft, und, wenn ja, bringen wir entweder unser Kapital in die Entwicklungsländer oder holen wir stattdessen die Arbeitskräfte zu uns? Bislang haben wir diese Entscheidung vermieden, indem wir über unsere Verhältnisse gelebt haben. Die Schuldenkrise ist das Ergebnis.
Wie löst der Westen seine Probleme?
Nehmen wir die hohen amerikanischen Staatsschulden, von denen ein Teil von China gehalten wird. Ich glaube nicht, dass der amerikanische Steuerzahler sie einfach zurückzahlen wird. Die Vereinigten Staaten werden auch nicht bankrottgehen wollen. Also liegt die Vermutung nahe, dass die Amerikaner das Problem ihrer Auslandsschulden über eine Abwertung ihrer Währung lösen werden. Aber das wird auf Dauer nicht gutgehen.
Bleibt der Dollar die Weltwährung?
Die Geschichte lehrt, dass dem Niedergang einer dominierenden Währung erst einmal eine längere Phase eines Vakuums folgen kann, in der es noch keinen Nachfolger gibt. Aber auf ganz lange Sicht könnte das durchaus der Renminbi sein.
Kritiker sehen den Aufschwung Chinas von Spekulationsblasen begleitet.
Ich denke, dass es in China von Zeit zu Zeit Spekulationsblasen geben wird. Sie sind natürlicher Begleiter eines dynamischen Aufschwungs der Wirtschaft. Darüber muss man sich keine Sorgen machen. China ist nicht Japan.
Warum nicht?
Japan ist als ein hochentwickeltes Land in eine Stagnation geraten, weil es an der möglichst effizienten Allokation von Kapital gescheitert ist. Daran hat auch der schlechte Zustand des Bankwesens beigetragen. In China wird derzeit sicherlich auch Kapital schlecht eingesetzt. Aber viel wichtiger ist dort der richtige Einsatz von Arbeit. In China leben immer noch viel zu viele Menschen in der Landwirtschaft, aber das wird sich ändern. FRAGE:
Wenn Sie optimistisch für Schwellenländer sind, erwarten Sie einen langfristigen Aufschwung der Rohstoffpreise?
Das ist sehr gut möglich. Wenn ein Land auf der Entwicklungsstufe Chinas kräftig wächst, benötigt es viele Rohstoffe, zum Beispiel für den Ausbau seiner Infrastruktur. Wir wissen von Japan und Südkorea, dass die Rohstoffnachfrage stark steigt, bis das Pro-Kopf-Einkommen bei rund 15 000 Dollar liegt. In China liegt es derzeit zwischen 3000 und 4000 Dollar pro Kopf.
Was raten Sie Anlegern?
Wenn meine Annahmen richtig sind, müssten sich die Währungen aus Schwellenländern langfristig gegenüber den Währungen aus dem Westen aufwerten. Rohstoffe und Währungen sind herausragende Themen, die bei Anlagen in Schwellenländern zu berücksichtigen sind.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3195 | −0,67% |
| Rohöl Brent Crude | 117,61 $ | −0,91% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |