Der Insolvenzantrag von Centrotherm, der den Aktienkurs am Mittwoch um 75 Prozent fallen lässt, kam überraschend und dann doch wieder nicht. Dass das Unternehmen Probleme hatte, war spätestens Mitte Juni klar geworden, als Centrotherm bekannt gab, dass Warenlieferungen an das Unternehmen künftig nicht weiter versichert würden. Als Grund wurde eine anhaltend schlechte Marktlage und daraus folgend eine angespannte Finanzierungssituation angegeben.
Überraschend ist dagegen zum einen, dass es mit Centrotherm einen Ausrüster erwischt und zum anderen die Geschwindigkeit des Abstiegs. Ausrüster galten noch als gute Investments, als Zellen- und Modulhersteller längst in der Krise steckten. Doch das war insofern Augenwischerei, als der Wettbewerber Roth & Rau schon vor fast zwei Jahren Auftragseinbrüche vermelden musste.
Noch vor elf Monaten (fast) alles eitel Sonnenschein
Centrotherm vermeldete dagegen noch vor elf Monaten einen deutlichen Anstieg der Nachfrage nach Hochleistungszellen und –modulen und damit nach Maschinen von Centrotherm. „Der Markt honoriert unsere Technologiestärke und unsere Kompetenz entlang der kompletten solaren Wertschöpfungskette“, sagte damals Robert Hartung, Gründer und Sprecher des Vorstands. Und 2011 erzielte das Unternehmen mit 699 Millionen Euro Umsatz sogar noch einen Rekord. Indes waren im ersten Halbjahr Aufträge im Volumen von 44 Millionen Euro storniert worden. Der Auftragsbestand war damals auf 715 Millionen Euro um immerhin 129 Millionen Euro gefallen.
Doch danach ging es sehr schnell bei dem selbst ernannten „Vordenker der Solarbranche“. Im dritten Quartal 2011 betrug der Verlust schon 29 Millionen Euro vor Steuern. Im ersten Quartal 2012 waren es schon 43 Millionen Euro – die Hälfte des gegenüber dem Vorjahr um fast 60 Prozent gefallenen Umsatzes. Doch auch dann verbreitete Finanzvorstand Thomas Riegler Optimismus: Der Kostendruck in der Industrie sei eine Chance, weil Centrotherm den Kunden mit hocheffzienten Anlagen einen Wettbewerbsvorteil verschaffen könne. Allein im ersten Quartal seien Aufträge für 255 Millionen Euro eingegangen.
Zu späte Besinnung?
Doch der Auftragseingang half kurzfristig nicht. Beispielsweise kann ein Großauftrag über 227 Millionen Euro aus Algerien im Ergebnis erst 2013/2014 zu Buche schlagen. Hinzu kamen Abschreibungen auf Forderungen: Für eine bereits in Betrieb gegangene Anlage zur Produktion von Polysilizium blieb der Auftraggeber die Schlussrate bislang schuldig. In Deutschland sollten 400 Stellen gestrichen, ein Werk geschlossen werden. Künftig soll wieder mehr Gewicht auf das angestammte Geschäft mit der Halbleiterindustrie gelegt werden.
Diese Maßnahmen könnten nun zu spät gekommen sein. Drei Monate hat Centrotherm im Schutzschirmverfahren nun Zeit, unbehelligt von Gläubigern einen Insolvenzplan zu entwickeln. Zur Höhe der Verbindlichkeiten und den konkreten Gläubigern will Centrotherm nichts sagen. Aus dem Bericht zum Ende März abgelaufenen ersten Quartal ist zu entnehmen, dass das Unternehmen zu diesem Zeitpunkt kurzfristige Schulden in Höhe von 271 Millionen Euro hatte. Dem standen frei verfügbare Zahlungsmittel in Höhe von knapp 90 Millionen Euro gegenüber.
Offen blieb zunächst, wie ein Sanierungskonzept und somit eine Lösung für die Gläubiger aussehen soll. Nach Ansicht von Insidern könnte etwa - wie schon in anderen Fällen in der Solarbranche - eine Umwandlung von Gläubigeransprüchen in Aktien eine Möglichkeit sein.
„Reine Spekulation“
Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) hat sowohl ihre Bewertung als auch das Kursziel für Centrotherm unter Beobachtung gesetzt. Analyst Erkan Aycicek geht davon aus, dass das Management versuchen wird, Aufträge aus Algerien und Katar nachzuverhandeln, um die operativen Risiken zu minimieren. Algerien und Katar hätten mit diesem Schritt ein klares Zeichen bekommen, dass deren Prestigeprojekte scheitern können, wenn keine Zugeständnisse gemacht werden. Außerdem dürfte Centrotherm versuchen, den Druck auf die Banken zu erhöhen, um eine Einigung über eine neue Finanzierung zu erreichen.
Das Düsseldorfer Bankhaus Lampe hat das Kursziel von 6,00 auf 0,80 Euro gesenkt, die Einstufung aber auf „Halten“ belassen. Ein Investment in die Aktien wäre reine Spekulation, schreibt Analyst Frank Neumann. Centrotherm werde eine positive Trendwende nur schaffen, wenn sich der Auftragseingang in den kommenden Monaten stabilisiert.