Manche Menschen suchen mit Ferngläsern seltene Vögel. Andere säumen die Elbe, um ausgefallene Schiffe bei der Einfahrt nach Hamburg zu beobachten. Wer namhafte Millionäre sehen will, hat es da einfacher. Er kann in die Tropenmetropole Singapur reisen. Statistisch betrachtet lebt hier in jedem sechsten Haus eine Familie, die mehr als eine Million Dollar investieren kann - wohlgemerkt ohne die Immobilie, in der sie wohnt. Nach dem jüngsten Bericht der Boston Consulting Group lassen es sich in dem südostasiatischen Stadtstaat inzwischen 188.000 Millionäre gutgehen, mehr als 17 Prozent der Haushalte Singapurs. Das ist die höchste Millionärsdichte der Welt - und gut 14 Prozent mehr als noch 2010.
Der Börse Singapurs aber hilft all der Reichtum in diesen Tagen nichts. Denn der straff geführte Inselstaat ist ein Abhängiger. Logistikstandort, geschäftigster Hafen der Welt, asiatisches Finanzzentrum, Rohstoffhandelsplatz, Sitz der Asien-Manager - das alles treibt Singapurs Aktien nicht. Denn letztlich sind die Bezeichnungen der Hafenstadt nur Ausdruck ihrer Abhängigkeit von den Entwicklungen im Rest der Welt. Brummt China, kauft es mehr Öl, das über Singapurs Schreibtische verschifft wird. Kaufen die Europäer mehr Fernseher oder Mobiltelefone, werden die Container in Singapurs Hafen umgeladen. Zieht in Asien die Konjunktur an, entsenden mehr Firmen Manager nach Singapur, steigen hier die Wohnungspreise, legen die Einkommen zu. Danach aber sieht es derzeit nicht aus. Denn Europas Wirtschaftskraft lahmt, Asien beginnt nachzugeben, und Singapur spürt die Folgen an allen Ecken und Kanten.
Derzeit spricht wenig für Aktien aus Singapur
Schon im Mai hatte der Straits-Times-Index (STI) der Börse in Singapur 7 Prozent verloren. Seitdem ging es täglich um rund 1 Prozent weiter in den Keller. Am gestrigen Montag gab er weitere 1,7 Prozent nach und beendete den Handel mit 2698,9 Punkten. Bis auf einen fielen alle 30 Werte. Damit nähert sich der STI rasch dem Tiefststand der letzten zwölf Monate, der im Oktober vergangenen Jahres markiert worden war. Schon jetzt notiert der Index auf dem tiefsten Stand seit gut einem halben Jahr. Die Ängste strömen aus allen drei Weltregionen heran: Die wachsende Krise in Griechenland und Spanien, die schwachen Daten der Industrieproduktion in China, die erschreckenden Arbeitsmarktdaten aus Amerika. Von einem „uns nun schon bekannten roten Meer“ spricht Jason Hughes von IG Markets in Singapur mit Blick auf die Zahlen der Börsen in Asien.
Da eine Abkoppelung der asiatischen Märkte blanke und schon 2008 widerlegte Theorie ist und bleibt, gibt es derzeit wenige Gründe, sein Geld in Singapurs Aktien zu investieren. Wer noch einen letzten Fingerzeig braucht: Selbst der für diesen Monat geplante Börsengang der Formel 1 in Singapur ist auf unbestimmte Zeit vertagt. Hinzu kommt: Für Europäer ist es aufgrund des schwachen Euro teuer geworden, in Singapur einzukaufen - und das gilt für Kameras genauso wie für Aktien.
Mutige Anleger setzen auf den Immobilienentwickler Yoma Strategic
Hinter den Megatrends der Weltwirtschaft gibt es allerdings auch prägende Einflüsse am Heimatmarkt. Die staatliche Bank DBS Holdings, die größte Bank Südostasiens, die durch gute Führung glänzt, beißt sich die Zähne im Nachbarland Indonesien aus. Um einen Kauf der dortigen Bank Danamon zu verhindern, will Jakarta eine Obergrenze von 40 Prozent für die Beteiligung durch andere Banken verhängen. Damit wäre es DBS unmöglich, die Mehrheit an der Bank Danamon zu übernehmen, und die Wachstumsstrategie der Singapurer im Ausland wäre ausgebremst - trotz aller Lippenbekenntnisse asiatischer Staatsführer, die Märkte füreinander zu öffnen. Vielleicht aber könnte ein Kursrutsch der staatlichen und damit sicheren DBS-Bank eine Kaufgelegenheit bedeuten: „Wir glauben, das Risiko eines Kurssturzes für die DBS-Aktie ist begrenzt. Denn der Markt hat das Angebot für Danamon als überzogen empfunden und die Aktie schon entsprechend abgestraft“, heißt es von Analysten.
Für den mutigeren Anleger, der Geld auf Asien setzen will, bietet sich möglicherweise auch Yoma Strategic Holdings an. Hinter dem Namen verbirgt sich ein Immobilienentwickler, gegründet von einem Exilburmesen, der sein Geschäft in Burma betreibt und dessen Aktien an der Börse in Singapur gehandelt werden. Für Yoma gilt alles, was konservative Analysten sich schütteln lässt. Das Papier ist markteng, das Geschäft kaum einzuschätzen. Und um die Sache gänzlich unwägbar zu machen, kauft man sich mit der Aktie nicht nur das Unternehmensrisiko, sondern auch noch das Risiko der Entwicklung der sich gerade erst öffnenden ehemaligen Militärdiktatur Burma.
Optimisten führen dagegen an, dass sich die Wohnungen von Yoma im Goldrausch Burmas wie geschnitten Brot verkaufen. Dass das Unternehmen auch eine Handelslizenz für chinesische Dongfeng-Lastwagen in Burma besitzt. Und dass allein der Burma-Boom den Kurs als Hoffnungswert noch eine Weile steigen lassen dürfte. Vergangene Woche legte er um 18 Prozent zu, nachdem eine Bank Yoma empfohlen hatte. Ende Mai wies die kleine Firma eine Verdoppelung des Gewinns im Geschäftsjahr (31. März) auf 6 Millionen Singapur-Dollar (3,7 Millionen Euro) aus. Wen stört es da schon, dass Yoma es noch nicht einmal geschafft hat, eine Internetseite für Investoren zusammenzustellen?