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Serie Die Liste der Fehlurteile von Analysten ist lang

02.07.2002 ·  Den Analysten droht auch in diesem Jahr mit ihren Dax-Prognosen ein Fiasko. Fast stellt sich die Frage, ob die Empfehlungen nur als Kontraindikator taugen.

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Nicht selten werden Aktienanalysten und -strategen mit Sterndeutern verglichen. Mitunter scheint es fast so, als ob dieser Vergleich eine Beleidigung wäre. Allerdings nicht für die Analysten sondern für die Astrologen.

Zu diesem Schluss muss zumindest kommen, wer die Qualität der Prognosen von Analysten beurteilt. Denn die Liste der Verfehlungen ist erschütternd. Trotzdem gehört es noch immer zum Ritual aller Medien, zu Jahresbeginn die Schätzungen der Analysten für die Märkte zum Jahresende abzufragen.

Dax-Prognosen für 2002 in weiter Ferne

Das ist deshalb erstaunlich, weil inzwischen eigentlich bekannt sein müsste, dass dies überhaupt nichts bringt. Es sei denn, man zählt sich zu den Zynikern und nimmt die Konsensschätzung als Kontraindikator. In den vergangenen Jahren lagen die Analysten jedenfalls mit schöner Regelmäßigkeit schief. Im Jahr 2001 wurde dem Dax beispielsweise ein Plus von 20 Prozent vorhergesagt. Am Ende kam auch eine Veränderung von 20 Prozent heraus. Nur leider mit dem falschen Vorzeichen, nämlich einem Minus.

Von diesem Rückschlag ließen sich die Analysten aber nicht ins Bockshorn jagen. Für dieses Jahr trauten sie dem Dax bis Jahresende munter ein Plus von 50 Prozent zu. Doch mit der Erreichung dieser Zielvorgabe könnte es schwierig werden. Zur Halbzeit hielt sich der Dax jedenfalls erneut nicht an das Drehbuch. Vielmehr steht bisher ein Minus von 15 Prozent zu Buche. Um das Jahresziel doch noch zu erreichen, müsste der Dax nun in der zweiten Jahreshälfte um schlappe 76 Prozent steigen.

Sind Analysten notorische Optimisten?

Aus Fehlern wird man klug, sollte man da denken. Analysten aber offenbar nur bedingt. Mit den fallenden Kursen sind zwar auch sie im Jahresverlauf mit den entgegen ihrer Prognose fallenden Kursen zurückgerudert. Von ihren grundsätzlichen Optimismus ließen sie sich aber trotzdem nicht abbringen. Wie dem ZEW-Finanzmarktreport vom Juni zu entnehmen ist, liegt die mittelfristige Prognose für den Dax jetzt bei 5.350 Punkten. Gemessen am aktuellen Niveau wäre aber auch das noch ein Plus von über 27 Prozent.

Optimismus scheint aber allgemein ein unerschütterlicher Wesenszug der Analystengilde zu sein. Zumindest sagen die Strategen auch für den S&P zum Jahresende derzeit einen Stand von 1.205 Zählern voraus. Um dieses Niveau zu erklimmen, müsste aber auch der S&P 500 Index um über 26 Prozent steigen.

An den heutzutage undurchschaubaren Märkten scheint zwar selbst diese Entwicklung nicht völlig ausgeschlossen. Aktuell spricht die gedrückte Stimmung unter den Anlegern und die zahlreichen Probleme, mit denen sich die Börse herumzuplagen hat, eher gegen diese Variante. Wegen der trüben Ausgangslage ist der allgemein im Konsens vorherrschende Optimismus aber zumindest überraschend.

Als Beobachter könnte man sich schon fragen, wann die Experten denn im Schnitt auch einmal eine tiefere Indexprognose abgeben wollen, wenn nicht jetzt nach über zwei Jahren im Bärenmarkt. Aber im angelinkten Beitrag „Systemfehler belasten den Glauben der Analysten“ ist nachzulesen, warum Analysten tendenziell immer zuversichtlich sein müssen.

Worldcom als jüngstes Negativbeispiel

Auch das Ergebnis einer von Reinhart Schmidt, Professor für Finanzwirtschaft und Bankbetriebslehre an der Universität Halle, durchgeführten Studie zeigt, dass es sich bei den genannten Beispielen um keine Einzelfälle handelt. Demnach erzielten Anleger, die im Beobachtungszeitraum den Empfehlungen der Analysten für die im DJ Stoxx Index vertretenen Aktien folgten, ein Minus von 24,5 Prozent, während der Index selbst nur 23,5 Prozent verlor. Im Klartext: Wer einfach nur den Index nachbildete, konnte ohne großen Aufwand sogar leicht besser abschneiden als mit ständigem Studium der Analystenberichte.

Aber auch in vielen anderen Einzelfällen drängt sich immer wieder die Frage auf, wie es zu solchen Fehlurteilen kommen konnte. So konnte sich beim skandalumwitterten Telekomunternehmen Worldcom bis vor einem Jahr keiner der 19 mit dem Wert betrauten Analysten zu einer Verkaufsempfehlung durchringen. Rückblickend ist das wenig verständlich. Denn schon damals war der Titel gegenüber den Höchstkursen um fast 80 Prozent gefallen und zudem wie die gesamte Telekombranche mit vielen Problemen behaftet.

Ganz egal, ob damals keine Verkaufsempfehlung geschrieben wurde, weil die Investmentbanken auf lukrative Beratungsaufträge hofften oder andere Gründe eine Rolle spielten. Gelohnt hätte sich selbst damals noch, wenn kritische Analysten die Reißleine gezogen hätten. Denn inzwischen ist der Aktienkurs bekanntlich fast auf null gefallen. Das Papier ist damit praktisch in etwa so viel wert, wie viele der Analystenstudien.

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