Home
http://www.faz.net/-gv7-tp6p
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Schwellenländer Tiefe Baisse am russischen Aktienmarkt

15.09.2008 ·  Die Börse in Moskau befindet sich auf steiler Talfahrt. Obgleich viele Anlagestrategen und Analysten beteuern, russische Aktien seien inzwischen beispiellos billig, mangelt es offensichtlich an Kaufwilligen - besonders aus dem Ausland.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (2)

Die Börse in Moskau befindet sich auf steiler Talfahrt. Obgleich viele Anlagestrategen und Analysten beteuern, russische Aktien seien inzwischen beispiellos billig, mangelt es offensichtlich an Kaufwilligen - besonders aus dem Ausland.

Da die Aktienkultur in Russland selbst noch nicht weit gediehen ist, wäre ein geordneter Markt als Quelle für die Kapitalbeschaffung russischer Unternehmen ohne ausländisches Kapital kaum denkbar. Da sich dieses nun aber auf dem Rückzug befinde, könne das, was an Kapital noch verblieben sei, rasch ausgehöhlt werden, meinen Pessimisten auch mit Hinweis auf die Entwicklung an den internationalen Finanzmärkten.

Anleger am Rand einer Panik?

Die Ereignisse um Lehman Brothers und Merrill Lynch hätten das Risikobewusstsein der Anleger an den Rand einer Panik getrieben. Bis auf weiteres werde kaum noch Kapital für Anlagen in risikoreichen Ländern und Anlageformen bereitstehen. Dies These vom Exodus ausländischen Kapitals wird gestützt von der Tatsache, dass der russische Rubel gegenüber dem Dollar zuletzt auf den niedrigsten Stand seit 13 Monaten gedrückt wurde. In Moskau hat der RTS-Index seine Talfahrt nach dem Erreichen des Rekordstandes Mitte Mai (2487,92 Punkte) begonnen. Schon vier Wochen später nahm der Kursrückgang exponentielle Züge an. Bis zu diesem Montag stürzte der Index auf 1254 Punkte ab und erfüllte damit alle Kriterien für eine Baisse.

Die langjährige Hausse, die nun ein unrühmliches Ende genommen zu haben scheint, hatte bereits im Dezember 2007 einen Knacks erhalten, als der RTS bei etwa 2350 Zählern kurz zurückschlug, sich dann aber wieder erholte, doch Mitte Januar unter erneut auflebendem Verkaufsdruck scharf einbrach. Bei 1900 Punkten war dann ausreichend Kaufbereitschaft aufgekommen, um den Index zunächst unter Schwankungen, zuletzt aber steil auf den Mitte Mai verzeichneten Rekord zu treiben. Das Verhalten des RTS zwischen Dezember 2007 und Mai 2008 drückt nach Meinung technisch orientierter Analysten ein aufschlussreiches Ringen zwischen Haussiers und Baissiers aus.

Zu den gängigen Begründungen für die Baisse russischer Aktien und auch des Rubels zählt, dass die Preise für Rohstoffe sowie für Rohöl und Erdgas stark gesunken sind. Dies ist leicht zu verstehen und mag zuletzt tatsächlich zur Entwicklung beigetragen haben. Doch die Wahrheit sieht nach dem Urteil zahlreicher Strategen anders aus: Die innenpolitischen Ereignisse in Moskau haben ihrer Ansicht nach stärker zu der Baisse beigetragen.

Die politische Unsicherheit trägt zum Kursverfall bei

Genannt werden der Wechsel Putins vom Präsidentenamt zu dem des Ministerpräsidenten und die damit undurchsichtiger gewordenen Machtverhältnisse, die Eingriffe des Staates in die inländischen Unternehmensstrukturen mit der Tendenz hin zum Staatskapitalismus und die damit einhergehende Beschneidung der Rechte ausländischer Investoren. Auch die Drohungen gegenüber osteuropäischen Ländern sowie das russische Vorgehen im Kaukasus sollen zum Kursrutsch beigetragen haben. Dass unter dem Gewicht dieser negativen Eindrücke und Ereignisse bei den Anlegern die langfristig herausragend günstigen Perspektiven für das Wirtschaftswachstum und die Unternehmensgewinne außer Sicht geraten seien, erscheint Beobachtern daher verständlich.

Optimistische Marktakteure und Beobachter hoffen nun darauf, dass dem russischen Aktien- und dem Anleihemarkt in Zukunft beachtliche Kapitalmengen aus staatlich kontrollierten Unternehmen und aus dem Staatsfonds (National Welfare Fund) zufließen werden. Letzterer wird überwiegend aus den Exporteinnahmen für Rohöl und Erdgas gespeist, doch wegen der stark gefallenen Preise für diese Energierohstoffe scheint fraglich, wie viel künftig noch für diesen Fonds übrig bleibt. Skeptiker geben zu bedenken, dass die russische Regierung vor allem wegen deutlich steigender Rüstungsausgaben nicht mehr so hohe finanzielle Mittel für den Fonds abzweigen könne, wie es noch bis in den Juli hinein für möglich gehalten wurde. Jedenfalls sind sich die Pessimisten sicher, dass die russische Wirtschaft die Risikoscheu ausländischer Anleger und Investoren deutlich spüren wird.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
25.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.339,94 +0,38%
 OK
25.05.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.339,94 +0,38%
FAZ-INDEX 1.377,69 −0,11%
TecDAX 752,47 +0,08%
MDAX 10.196,40 −0,34%
SDAX 4.817,28 +0,29%
REX 434,70 −0,15%
Eurostoxx 50 2.161,87 +0,25%
F.A.Z. EURO 69,61 +0,13%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
Nasdaq 100 2.527,05 −0,17%
S&P500 1.317,82 −0,22%
Nikkei225 8.580,39 +0,20%
EUR/USD 1,2515 −0,14%
Rohöl Brent Crude 106,90 $ +0,14%
Gold 1.569,50 $ +0,06%
Bund Future 144,35 € +0,25%