Die seit Jahren der Krise trotzende Moskauer Börse hat am Donnerstag ein Rekordhoch erreicht. Der Leitindex RTS steigt im Handelsverlauf bis zum Mittag um weitere 1,92 Prozent auf fast 585 Punkte.
Damit liegt das acht Jahre alte und in Dollar berechnete Börsenbarometer wie schon am Vortag weiter über dem bisherigen Höchststand von 571 Zählern vom 6. Oktober 1997. Der Wert der notierten Unternehmen beträgt damit mehr als 200 Milliarden Dollar. Dies sind rund 50 Milliarden Dollar mehr als vor sechs Jahren kurz vor der Finanzkrise von 1998.
Damit ist der RTS-Index, der während der Rußland-Krise im Jahr 1998 rund 85 Prozent an Wert verloren hat und bis auf einen Stand von unter 50 Punkten abgestürzt war, auch in diesem Jahr schon wieder deutlich mehr als sechzig Prozent gestiegen. Der Trend, daß die dortige Börse seit Jahren zu den Aktienmärkten mit den größten Wertsteigerungen zählt, setzt sich damit unvermindert fort.
Positives Umfeld treibt die Kurse nach oben
Getragen wird der Markt nach Angaben von Analysten auch weiterhin vom hohen Ölpreis, neuer Liquidität zum Quartalsanfang und allgemein guten Wirtschaftsdaten. So sagte der Internationale Währungsfonds kürzlich für 2003 ein höheres Wachstum als die bisher erwarteten sechs Prozent voraus und auch 2004 soll die Wirtschaft immerhin um fünf Prozent wachsen. Und nachdem die Zuwachsrate im ersten Halbjahr 2003 bei sieben Prozent lag, scheint man bei der Erreichung dieser Zielvorgabe auf einem guten Weg zu sein.
Beruhigend wirkt auch die Tatsache, daß Rußland anders als noch vor wenigen Jahren, als man vor dem Bankrott stand, auf rekordhohen Gold- und Devisenreserven von zuletzt 62,6 Milliarden Dollar sitzt. Rund läuft es auch bei der Erdölförderung, die im September mit 8,73 Millionen Barrel pro Tag auf den höchsten Stand seit dem Zerfall der Sowjetunion gestiegen ist. Und beim Verkauf des schwarzen Goldes hilft den Russen die Absicht der westlichen Welt, ihre Abhängigkeit vom Öl der Opec-Länder zu verringern.
Sergei Ambartsumov, Händler bei Hermitage Capital Management, ergänzt dazu: „Es sieht so aus, als ob sich der befürchtete Rückgang beim Ölpreis auf 20 Dollar je Barrel nicht bewahrheitet und das ist ein positives Signal für alle Anleger in Rußland. Denn für die russischen Firmen ist es ziemlich wichtig, daß der Ölpreis zwischen 25 und 30 Dollar je Barrel und nicht bei 20 Dollar notiert.“
Darüber hinaus verweist Tim McCarthy, Fondsmanager bei Troika Dialog Asset Management, auf einen weiteren wichtigen kurstreibenden Faktor: „Die reichen Russen investieren ihr Vermögen jetzt vermehrt im Inland und nicht mehr im Ausland.“
Kurs-Gewinn-Verhältnis noch einstellig
Das Positive an der russischen Börsengeschichte ist, daß die Bewertung trotz der fulminanten Kursgewinne der vergangenen Jahre noch immer sehr vertretbar erscheint. Einige Brokern vor Ort, die an die früher noch tieferen Bewertungen zurückdenken, warnen zwar mitunter davor, daß der Markt aus ihrer Sicht inzwischen zu teuer geworden ist.
So schreiben die Analysten bei der Investmentbank Troika Dialog in einer Studie: „Wir sehen zwar noch vereinzelt Anlagechancen, allgemein ist die russische Börse aber nicht mehr günstig. Sollte es trotzdem noch weiter nach oben gehen, dürfte es sich dabei nur um heiße Luft handeln“, lautet ihr Fazit. Den fairen Wert für den RTS-Index beziffert man dort auf 533 Punkte.
Ganz anderer Ansicht ist da offenbar Schwellenländer-Guru Mark Mobius von der Fondsgesellschaft Templeton. Er ließ kürzlich durchblicken, daß man darüber nachdenke, das Engagement in Rußland in den nächsten drei Jahren auf eine Milliarde Dollar zu verdreifachen.
Hedgefonds-Manager setzt vehement auf Gazprom
Zu den Optimisten zählt auch Bill Browder, Fondsmanager des Hedgefonds Hermitage Fund. Für ihn bestehen keine Zweifel daran, daß russische Aktien mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 7,5 auf Basis der Gewinne für 2003 noch immer günstig zu haben sind. „Die anderen Börsen der Schwellenländer kommen im Schnitt auf eine doppelt so hohe Bewertung“, lautet seine Rechnung. Mit seinem Fonds, der den Markt seit Jahren schlägt, ist er derzeit deshalb voll investiert und er setzt dabei vor allem auf Titel aus dem Öl- und Gassektor.
Den Gaskonzern Gazprom zählt Browder sogar zu den momentan am günstigsten bewerteten Aktien weltweit. Die Gasreserven seien jedenfalls viel tiefer bewertet als bei anderen Unternehmen aus dem Sektor. Und sollten sich Gerüchte bewahrheiten, wonach die Beschränkungen für Ausländer beim Kauf der in Rußland gehandelten Gazprom-Aktien aufgehoben werden soll, dann könnte alleine das zu mehr als einer Kursverdoppelung führen. Man darf gespannt sein, ob der Titel noch den Elan für einen solchen Kraftakt hat, schließlich hat sich der Kurs vom Tief im Januar bei 9,50 Euro bereits bis auf aktuell 22,00 Euro verbessert.