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Schwellenländer Lateinamerikas Börsen bleiben vorerst tabu

20.09.2002 ·  Ein Kontinent in der Dauerkrise. Nur so lässt sich der Zustand Lateinamerikas beschreiben. Folglich können auch die dortigen Finanzmärkte nicht glänzen.

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Wer sich an Hiobsbotschaften ergötzt, der muss sich in Lateinamerika fast wie in einem Paradies vorkommen. Schon seit Monaten sind dort kaum positive Meldungen auszumachen, negative Nachrichten für die Region tickern dagegen fast täglich über die Agenturen.

Am Donnerstag war beispielsweise wieder einmal ein Tag, an dem man beim Blick nach Lateinamerika depressiv werden konnte. Katastrophal gestaltet sich insbesonders weiterhin die Lage in Brasilien. Dort ist der Real zum Dollar wieder auf Notierungen von 3,454 abgestürzt. Damit hat die Landeswährung alleine im September 13 Prozent verloren und seit März sind es insgesamt über 30 Prozent.

Selbst der Stabilitätshort Mexiko „schwächelt“

Gleichzeitig ist die Rendite der bis 2014 laufenden Staatsanleihe auf 23,54 Prozent gestiegen, was nicht mehr weit entfernt ist vom bisherigen Rekordhoch. Auf dem absteigenden Ast befinden sich auch zahlreiche andere lateinamerikanische Währungen, wie etwa der auf Rekordtief zum Dollar abgerutschte kolumbianische Peso. Selbst das wegen seiner engen Verflechtung mit den USA als relativ stabil geltende Mexiko kann sich dem Abwärtsstrudel nicht mehr entziehen.

Der mexikanische Peso rutschte auf ein Drei-Jahrestief ab und auch der mexikanische Aktienmarkt machte in negativer Hinsicht auf sich aufmerksam. Der IPC Index verbuchte mit minus 5,29 Prozent auf 5.645 Punkte das stärkste Tagesminus seit dem 11. September 2001.

Angeführt wurde die Verliererliste von Lateinamerikas größtem Mobilfunkanbieter America Movil, dessen Aktie 6,2 Prozent auf 6,34 Peso verlor. Unter die Räder kam auch Mexikos größte Bank Grupo Financiero BBVA-Bancomer mit minus 10,8 Prozent auf 6,87 Peso und der größte Einzelhändler des Landes, Walmex, der um sieben Prozent auf 24,29 Peso nachgab.

Als Erklärung für den Einbruch führte Arjun Divecha als Fondsmanager bei Grantham Mayo Van Otterloo & Co an, dass „Mexikos Wirtschaft anfällig ist bei einer konjunkturellen Abschwächung in den USA.“

Argentinien ohne Konzept gegen die Krise

Verglichen mit Argentinien sind die Probleme Mexikos aber derzeit noch minimal, denn die Lage in Argentinien gestaltet sich praktisch hoffnungslos. Dort schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal um 13,6 Prozent, wobei die Bauaktivitäten sogar um 41 Prozent einbrachen. Damit muss das Land den 15. Quartalsrückgang beim Bruttoinlandsprodukt hinnehmen. Und Besserung in Form überzeugender Programme ist weit und breit nicht in Sicht.

Viele Anleger haben Argentinien deshalb schon abgeschrieben. Ähnlich sieht das offenbar auch der ehemalige Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer. Der ist jetzt für den Internationalen Währungsfonds tätig, was ihn aber nicht daran hindert zu sagen, was viele denken. Nämlich das ist sich bei Argentinien um ein Land ohne Führung handelt, das selbst verschuldet und wahrscheinlich für lange Zeit in die Bedeutungslosigkeit abgerutscht ist.

Große Bedenken vor den Wahlen in Brasilien

Das einzige Gute an der Misere in Argentinien ist, dass diese schon in den Kursen steckt und die Börsianer Fehlentwicklungen dort nicht mehr wirklich schreckt. Anders dagegen ist die Situation im Falle Brasiliens, dem derzeit größten Sorgenkind. Hier wird im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen am 6. Oktober mit Hochspannung jedes neue Umfrageergebnis verfolgt. Und nachdem der linke Präsidentschaftskandidat Lula zuletzt seinen Vorsprung sogar noch weiter ausbauen konnte, bleibt die Nervosität hoch. Schließlich ist es kein Geheimnis, dass sich die Finanzmärkte vor etwaigen Beschüssen des als Populisten geltenden Lula fürchten, die dazu führen, die Haushaltsdisziplin aufzuweichen.

Ob sich hinter den Kursverwerfungen aber nur die Angst vor Lula verbirgt, erscheint ohnehin fraglich. Denn erstens hat er sich zuletzt eindeutig zu einer Stabilitätspolitik bekannt und zweitens hat sich die Verschuldung unter der Prsidentschaft von Cardoso in den vergangenen acht Jahren verdreifacht.

Trotzdem ist zumindest so lange mit keiner Beruhigung zu rechen, bis Klarheit über den Wahlausgang herrscht. Das sieht auch Sergio Machado als Anleihehändler bei Banco Fator, so, wenn er sagt: „Solange die Siegchancen von Lula steigen, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass sich die Märkte bessern. Zumal die weltweit schwierige Lage auch den Appetit auf risikoreichere Anlagen zügelt.“

In der Tat verschärft das bereits zu beobachtende Versiegen der Mittelzuflüsse aus dem Ausland die Lage schon jetzt. Dieser Umstand trägt zudem entscheidend zur Schwäche des Real und zu den rekordhohen Renditen bei. „Was dem Bovespa-Index am meisten zu schaffen macht ist der schwache Real“, erklärt aber Luiz Antonio Vas de Neves, Head of Research bei Planner Brokerage, so dass sich ein Teufelskreis ergibt.

Region kein Tummelplatz für Privatanleger

Deshalb mehren sich auch die Zweifel, wie die Bedienung der rund 328 Milliarden Dollar betragenden Staatsverschuldung erfolgen soll. Zumal beim Real kein Ende der Abwärtskorrektur in Sicht ist. „Wir laufen in Richtung vier Real zum Dollar“, prognsotiziert jedenfalls Joao Medeiros Händler beim Broker Pioneer Corretora.

Vor diesem Hintergrund klingt es schon mutig, wenn die Dresdner Bank Lateinamerika in ihrer neuesten Lateinamerika jetzt wieder mehr Chancen als Risiken bei Investitionen in der Region ausmacht. Chef-Volkswirt Heinz Mewes stellt aber klar, dass es sich dabei um einen sehr langfristigen und an Unternehmen gerichteten Rat handelt.

Anlegern würde dagegen auch er derzeit raten, sich noch nicht zu engagieren. „Für Privatanleger ist Lateinamerika derzeit keine sehr attraktive Region“, lautet seine angesichts der zahlreichen Probleme noch als vornehm zurückhaltend zu bezeichende Einschätzung.

In den Charts sehen Sie in dieser Reihenfolge die Entwicklung der vergangenen fünf Jahre beim brasilianischen Bovespa, dem mexikanischen IPC und dem argentinischen Merval.

Quelle: @JüB
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