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Schwellenländer Indiens Börse hat viel vorweggenommen

29.05.2009 ·  An Indiens Börse stiegen in den vergangenen Wochen die Kurse deutlich. Die Gründe: Wiederwahl einer wirtschaftsfreundlichen Regierung und allgemeine Wachstumshoffungen. Der Markt hat jedoch schon viel Positives vorweggenommen.

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Mit Meldungen und optimistischen Einschätzungen wie „überraschend starkes Wirtschaftswachstum in Indien“ versuchen sich Anleger und optimistische Strategen aus der ausgeprägtesten Wirtschafts- und Finanzkrise seit mehr als 70 Jahren herauszureden.

Dabei beziehen sie sich oft auf die leichte Erholung verschiedenster Indikatoren, die in den vergangenen Wochen und Monaten massiv eingebrochen waren. Ausgehend von einer extrem tiefen Basis kommt eine leichte Erholung kaum überraschend. Allerdings sollte das nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie sich absolut betrachtet noch auf tiefem Niveau befinden. Darüber hinaus ist offen, wie weit eine Erholung tragen kann.

Schwache Industrieproduktion - stagnierender Güterverkehr

Mit einem Wirtschaftswachstum vom 5,8 Prozent im ersten Quartal entwickelte sich die indische Volkswirtschaft im ersten Quartal etwas robuster, als allgemein befürchtet worden war. Allerdings ist das etwas verwunderlich, da die Im- und Exporte im ersten Quartal extrem stark eingebrochen sind und realwirtschaftlichen Zahlen wie der Güterverkehr in den indischen Häfen stagnieren.

Nach Angaben der Indian Ports Association ist der Güterverkehr im April im Vergleich zur Vorjahresperiode sogar leicht zurückgegangen. Die Industrieproduktion des Landes schrumpfte alleine im März um 2,3 Prozent. Die Anzahl der produzierten und im In- und Ausland verkauften Firmenwagen und LKWs ist im April nach Angaben der Society of Indian Automobile Manufacturers massiv eingebrochen, während die PKW-Produktion stagnierte.

Verdoppelt und verdreifacht

Das hinderte die Anleger jedoch nicht daran, die Aktien an den indischen Börsen im Rahmen des allgemeinen Optimismus nach oben zu kaufen. Der Aktienindex Sensex hat seit dem 9. März knapp 90 Prozent auf zuletzt 14.625 Zähler zugelegt. Allein in der laufenden Woche ging es um mehr als 5 Prozent nach oben. Die Aktien einzelner Firmen wie die des Ingenieurdienstleisters Jaiprakash konnten in wenigen Wochen mehr als 230 Prozent zulegen, die des Immobilienunternehmens DLF, des Versorgers Reliance Infrastructure, des Kabelherstellers Sterlite Industries, des Stahlherstellers Tata Steel, des Bau- und Baumaschinenkonglomerates Larsen & Toubro und nicht zuletzt auch der ICICI Bank konnten ihre Kurse mehr als verdoppeln. Selbst die Papiere des Automobilunternehmens Tata Motors verdoppelten sich, obwohl der Gewinn sich im Ende März beendeten Geschäftsjahr halbiert hatte.

Insgesamt wetten die Anleger offensichtlich sowohl auf die rasche Erholung der Weltwirtschaft und auf die Wirkung von massiven Staatsausgaben in Indien, die primär auf eine Verbesserung und Modernisierung der Infrastruktur ausgerichtet sind. Auch die jüngste Wahl spielt eine Rolle. Das neue Kabinett, das am Donnerstag vereidigt worden ist, kann so frei schalten wie kaum eines vor ihm. Erstmals gönnten die Inder einer amtierenden Regierung eine zweite Legislaturperiode und das mit einer tragfähigen Mehrheit. Die Kongress-Partei führt eine Koalition, die die Entscheidungen zur weiteren Öffnung des Landes nicht länger blockieren wird, heißt es (siehe: ).

Hohe Erwartungen

Die Politiker, die jetzt die wirtschaftlichen Geschicke Indiens leiten, wüssten, was sie zu tun hätten, erklären Optimisten. Finanzminister Pranab Mukherjee gelte als alter Fuchs. Handelsminister bleibe Kamal Nath, ein geachteter Verhandler. An der Spitze stehe der langjährige Reformer, Ministerpräsident Manmohan Singh. Nur einige nüchterne Analytiker wiesen darauf hin, dass auch diese Regierung angesichts der Fülle und Größe der Aufgaben letztlich nur enttäuschen könne.

Das Wachstum reicht nach Auffassung von kritischen Ökonomen nicht aus, um die stetig wachsende Bevölkerung mit ausreichend Arbeit zu versorgen. Es bestehe die Gefahr, dass die Arbeitslosigkeit zunehme, da die erwerbstätige Bevölkerung Indiens um fast 10 Millionen Menschen wachse. Ein Wirtschaftswachstum von rund 10 Prozent sei nötig, um die Lage zu entspannen, heißt es.

Auch der Staatshaushalt ist ein Problem. Hohe, kreditfinanzierte Staatsausgaben drohen einen Ausverkauf am Anleihemarkt auszulösen, da die Bonität gefährdet wird. Indische Staatsanleihen stehen seit der Wiederwahl von Ministerpräsident Manmohan Singh am 16. Mai unter Verkaufsdruck. Die Rendite zehnjähriger Rentenpapieren stieg seitdem um 28 Basispunkte auf 6,7 Prozent.

Hohe Staatsausgaben trotz starker Verschuldung und hoher Defizite

Finanzminister Pranab Mukherjee hat in dieser Woche angekündigt, die Konjunktur mit höheren Ausgaben anzukurbeln. Dabei setzt er darauf, dass mit einer wirtschaftlichen Belebung auch die Steuereinnahmen anziehen werden. Ein höheres Wirtschaftswachstum solle zudem dazu dienen, die Lebensverhältnisse der Menschen zu verbessern. Leitzinssenkungen und staatliche Konjunkturhilfen im Volumen von 7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes zeigen nach optimistischer Ansicht Mukherjees bereits allmählich Wirkung.

Der Verkauf von Beteiligungen an Staatsbetrieben wie dem Versorger National Hydroelectric Power und Oil India sei wichtig, um höhere Staatsausgaben ohne eine Ausweitung des Haushaltsdefizits finanzieren zu können. „Das überraschende Wahlergebnis schafft Spielraum für eine rationalere Ausgabenpolitik, verstärkte Privatisierungen und wichtige Reformen“, hieß es in einem Bericht der Ratingagentur Moody's vom Donnerstag. Im Fiskaljahr bis Ende März lag Indiens Haushaltsdefizit bei 6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und damit mehr als doppelt so hoch wie ursprünglich angepeilt.

Die Kurse an der indischen Börse werden unter anderem von ausländischen Anlegern getrieben, die nach dem Ausverkauf des vergangenen Jahres wieder in Indien investierten. Mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15 sind die Aktien des Sensex inzwischen keine Schnäppchen mehr. Einzelne Aktien wie die von Bharat Heavy Electricals, der Jaiprakash Associates oder auch der ICICI Bank sind inzwischen sogar ausgesprochen teuer. Aus diesen Gründen werden Anleger dazu neigen, nur noch in Verbindung mit Absicherungsstrategien in den Markt zu investieren. Denn sollten Wachstumshoffnungen enttäuscht werden, dürften Kursrückschläge kaum überraschen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @cri
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