24.01.2003 · Die Wirtschaft in den baltischen Staaten wächst und wächst. Das kommt den dortigen Börsen zu Gute. Dem Bärenmarkt haben sie sich völlig entzogen.
Angesichts der anhaltend negativen Schlagzeilen zum Thema Börse könnte man glauben, alle Aktienmärkte befänden sich seit dem Jahr 2000 im Bärenmarkt. Doch weit gefehlt. Auf der Weltkarte findet sich eine kleine Region, die sich dem Abwärtssog standhaft entzogen hat.
Von Berlin aus ist dieses Refugium für alle Bullen lediglich rund 1.000 Kilometer entfernt. Die Rede ist vom Baltikum, also den Börsen in Estland, Lettland und Litauen. Wie gut es dort zuletzt gelaufen ist, lässt sich am Baltic 30 Index ablesen. Der setzt sich aus 30 baltischen Unternehmen zusammen und hat nicht nur im Vorjahr mit einem Plus von 7,2 Prozent überzeugt. Nein, sehen lassen können sich auch die in schwedischen Kronen berechneten Kurszuwächse für die Jahre 2001, 2000 und 1999, die 17,7, 23,4 und 15,7 Prozent betrugen.
Anlagecocktail aus sinkenden Zinsen, hohem Wachstum und niedriger Bewertung
Wer damit noch immer nicht zufrieden ist, dem wäre bestimmt mit dem Baltic Fund von East Capital geholfen gewesen. Denn dieser Fonds schnitt noch besser ab als der Index. Im Vorjahr brachte er es auf Basis schwedischer Kronen auf eine Wertsteigerung von 23,7 Prozent und war damit der Beste in Schweden registrierte Aktienfonds. Und in den Jahren 2001 bis 1999 betrug die jährliche Performance 20,2, 41,2 und 25,7 Prozent.
Für den zuständigen Fondsmanager Peter Elam Hakansson haben die baltischen Börsen ihre Trümpfe damit aber noch immer nicht ausgereizt. Auch in den nächsten Jahren traut er ihnen noch einiges an Aufwärtspotenzial zu. Die Bausteine, auf denen sein Gedankengerüst steht, lauten wie folgt: Die Volkswirtschaften der Region wachsen seit Jahren mit hohen Raten, trotzdem sind Dank des EU-Konvergenzprozesses die Zinsen in jüngster Vergangenheit von 8,5 Prozent auf aktuell 4,0 Prozent gefallen.
Diese vorteilhafte Entwicklung stecke aber noch nicht ausreichend in den Aktienkursen. Das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis dieser Märkte beziffert Hakansson auf sieben bis acht. „Wenn ich mir ansehe, wie gut die Rentenmärkte und die Immobilien gelaufen sind, muss ich eine Fehlallokation innerhalb der Asset-Klassen konstatieren. Die Aktienkurse hinken hinterher und haben Nachholpotenzial“, lautet seine Schlussfolgerung.
Zur Demonstration, wie viel versprechend die Ausgangslage ist, reicht ein Blick auf die vermeintlichen Wachstumsraten in diesem Jahr. Die Volkswirte bei der estnischen Hansabank veranschlagen den Zuwachs beim Bruttoinlandsprodukt in Lettland auf 4,6 Prozent, in Litauen auf 5,2 Prozent und in Estland sogar auf sieben Prozent.
Eldorado für Value-Investoren
Das ist in der Tat der Stoff, aus dem Anlegerträume gewoben werden. Zumal dann, wenn sich für Stock-Picker noch günstig bewertete Titel finden lassen. So hat der litauische Aktienmarkt mit Lietuvos Telekomas die laut Toomas Reisenbuk, Fondsmanager des Trigon Baltic Fund, weltweit günstigste Telekomaktie zu bieten. „Wenn hier erst einmal der Aktienüberhang beseitigt wird, der daraus resultiert, dass der Staat alte Verpflichtungen an manche Bürger mit Aktien dieser Gesellschaft bezahlt hat, dann kann sich dieser Titel verdoppeln“, hofft Reisenbuk. In der Zeit, bis dieser Prozess abgeschlossen ist, können sich Anleger mit einer Dividendenrendite von rund sechs Prozent trösten.
Hakansson schwört dagegen auf den litauischen Kühlschrank-Hersteller Snaige und den lettischen Likör-Produzenten Latvian Balzams. Beide Gesellschaften haben nach Angaben von Hakansson günstige Geschäftsaussichten, weisen aber dennoch nur Kurs-Gewinn-Verhältnisse von sechs und drei auf. „Wenn es gut läuft, haben diese Werte ein Kurspotenzial von 50 bis 100 Prozent“, lautet die Rechnung des Fondsmanagers von East Capital.
Angetan sind beide Fondsmanager vom estnischen Bauunternehmen Merko. Hier sprechen ein KGV von sechs sowie die Aussicht auf die im Baltikum wegen der im Zuge der EU-Annäherung anstehenden Infastrukturmaßnahmen auf Jahre hinweg weiter anziehenden Bauausgaben für diesen hervorragend geführten Wert. Voll des Lobes sind Hakansson und Reisenbuk auch über die estnische Hansabank. Dieses Kreditinstitut habe nicht nur ein sehr gutes Management sondern auch glänzende Geschäftsaussichten, da sich das Kreditgeschäft in den baltischen Ländern bis zum Erreichen des westeuropäischen Standardniveaus erst noch entwickeln müsse. „Für mich ist die Hansabank über Jahre hinaus der Top-Pick in der Region“, bricht Reisenbuk eine Lanze für den Titel.
Informations- und Liquiditätsproblem
Wen die zuvor genannten Argumente überzeugt haben, der steht allerdings vor dem Problem, dass beide genannten Fonds in Deutschland nicht gehandelt werden. Wer sich dennoch engagieren will, der muss sich direkt mit den Anbietern in Verbindung setzen. Und wer auf eigene Faust anlegen will, muss als Kröte eine geringe Liquidität schlucken. Außerdem wird über diese Aktien hierzulande, obwohl sie in der Regel allen Anforderungen an eine transpareten Rechnungslegung sehr gut nachkommen, praktisch nicht berichtet. So werden in Estland in einem normalen Handelstag nur Aktien im Wert von gerade einmal einer Million Euro gehandelt. Doch wer die damit verbundenen Mühen und Risiken nicht scheut, der findet in der Börsenbullen-Enklave einen Ort, an dem er sich austoben kann.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.401,20 | +1,23% |
| FAZ-INDEX | 1.393,33 | +1,20% |
| TecDAX | 760,99 | +0,66% |
| MDAX | 10.372,00 | +1,07% |
| SDAX | 4.842,15 | +0,54% |
| REX | 435,43 | +0,17% |
| Eurostoxx 50 | 2.166,72 | +0,88% |
| F.A.Z. EURO | 70,06 | +0,94% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.657,08 | +0,89% |
| EUR/USD | 1,2564 | +0,18% |
| Rohöl Brent Crude | 107,72 $ | +0,43% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
| Bund Future | 144,11 € | −0,14% |