Geht man von der Marktentwicklung der letzten Zeit aus, so wird 2003 von den Geschehnissen an der geopolitischen Front bestimmt werden. Im Vordergrund stehen zurzeit die verstärkten Spannungen zwischen den USA und dem Irak und nun auch Nordkorea, die in der vergangenen Woche erneut die Marktbewegungen dominierten.
Da Lateinamerika (Venezuela/Brasilien/Argentinien) mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen hat, die Wirtschaft in Europa langsam in die Knie geht und Japan nach wie vor in seiner bereits zehn Jahre dauernden deflationären Rezession steckt, könnte die Entwicklung im Inland noch das geringste Problem für die Vereinigten Staaten darstellen. Die zurzeit beträchtliche Risikoprämie, die von all diesen geopolitischen Unsicherheiten herrührt, könnte für 2003 zwar genauso viel Aufwärts- wie Abwärtspotenzial bereithalten. Es ist aber auf jeden Fall davon auszugehen, dass diese Entwicklungen für Volatilität an den Märkten sorgen werden.
Flucht in sichere Häfen
In der ersten Woche des Jahres lassen sich die zu Grunde liegenden Trends wegen der geringen Liquidität - viele Trader sind noch im Urlaub - erneut nur schwer einschätzen. Es wäre dennoch keine Überraschung, wenn die Anleger ihre Präferenzen der jüngsten Zeit beibehielten. Dies würde bedeuten, dass sichere Häfen wie Treasuries, Gold, Öl und der Schweizer Franken fest blieben, während der Dollar und Aktien weiter auf der Schattenseite dieser Finanzströme stehen könnten.
Wir erwarten jedoch in keinem dieser Märkte eine große Bewegung - vorausgesetzt, es tritt kein bedeutsames geopolitisches Ereignis ein. Der Aktienmarkt hat, gemessen am S&P 500, im abgelaufenen Jahr rund 24 Prozent verloren, während die Rendite der zehnjährigen Treasuries im Moment bei etwa 3,8 Prozent liegen - ungefähr 125 Basispunkte niedriger als vor Jahresfrist.
Das große Dilemma für die Analysten ist aber die Frage, ob wir uns den Wendepunkten für diese beiden Trends nähern. Die Ankündigung dieses Wendepunkts hat mittlerweile Ähnlichkeit mit einer Uhr, die stehen geblieben ist. Denn selbst sie zeigt zweimal am Tag die richtige Zeit an, obwohl sie chronisch falsch liegt - genauso wird irgendwann einmal auch die Ankündigung des Wendepunkts richtig sein. Da wir aber gerade ein weiteres Jahr mit einer Abweichung vom langjährigen Mittel hinter uns gebracht haben, ist die Frage berechtigt, ob irgendwelche fundamentalen Faktoren eingetreten sind, die eine Änderung der zuletzt beobachteten Trends herbeiführen könnten.
Verarbeitendes Gewerbe am Scheideweg
Sowohl die Fed Funds Futures als auch die MMS Weekly Economic Survey, unsere wöchentliche Wirtschaftsumfrage, deuten darauf hin, dass der Fed nach Auffassung der meisten Analysten durch das geopolitische Risiko die Hände gebunden sind - obwohl dieser Konsens genauso gut darauf zurückzuführen sein könnte, dass die geopolitischen Ereignisse nicht vorhersehbar sind. Die Teilnehmer unserer wöchentlichen Umfrage sind sich weitestgehend einig, dass die Fed ihre Zinssätze bis Mitte des Jahres unverändert beibehalten wird. Lediglich eine kleine Minderheit von zehn Prozent der Befragten geht von einer erneuten Zinssenkung der Fed innerhalb dieses Zeitraums aus.
Wir fragen uns an dieser Stelle, ob es sich in diesem Fall nicht genauso verhält wie mit der Wettervorhersage, in der eine 50-prozentige Regenwahrscheinlichkeit angekündigt wird, obwohl wir alle wissen, dass es entweder regnen wird oder nicht. Somit besteht das Risiko, dass sich die Konsensmeinung ebenfalls zwangsläufig als falsch erweist: Entweder die geopolitischen Risiken werden immer bedrohlicher und bewegen die Fed zu einer erneuten Zinssenkung, oder die Sorgen lösen sich auf und es tritt eine Marktrally ein, die einen restriktiveren geldpolitischen Kurs zur Folge haben könnte.
Was die aktuelle Woche angeht, so werden die entscheidenden Impulse für den Markt nicht nur durch geopolitische Entwicklungen, sondern auch durch Gewinnwarnungen und Wirtschaftsdaten bestimmt werden. Obwohl die Woche wegen des Neujahrsfeiertags verkürzt ist, stehen verschiedene wichtige Wirtschaftsdaten zur Veröffentlichung an. Von entscheidender Bedeutung sind dabei insbesondere der ISM-Index am Donnerstag und die Zahlen zum Autoabsatz am Freitag. Der ISM-Bericht informiert über die aktuelle Entwicklung im verarbeitenden Sektor, für den nach wie vor keine allzu erfreulichen Trends erwartet werden. Man hofft zwar, dass die Kombination aus verringerten Lagerbeständen und einer stärkeren Nachfrage von Seiten der Unternehmen dem Sektor im Jahr 2003 einen Aufschwung bescheren wird, doch das hatte man auch schon für das Jahr 2002 gehofft. Die Daten zum Autoabsatz werden Aufschluss darüber geben, wie sich die Absatzzahlen angesichts der zunehmend aggressiven Rabattpolitik in letzter Zeit entwickelt haben.