02.06.2010 · Aktien sind eine Langfristanlage. Zumindest wird das gemeinhin immer wieder behauptet. Wer indes die Zahlen betrachtet, dem mögen Zweifel kommen. Immerhin 26 Aktien aber qualifizierten sich Ende Mai für den Titel der „Aktie der Dekade“.
Von Martin HockAuf lange Sicht bringen Aktien immer Gewinn. Dieses Argument werden leidenschaftliche Aktionäre nicht müde zu wiederholen. Betrachtet man indes die Werteentwicklung deutscher Aktien in den vergangenen 10 Jahren, so kommen leise Zweifel an der wohlklingenden These auf.
1964 deutsche Aktien kennt die Datenbank des Finanzdienstleisters Bloomberg. Schließt man indes nur diejenigen ein, die in den vergangenen 10 Jahren Kursgewinne verzeichneten, so reduziert sich die Auswahl sofort auf rund ein Zehntel. Lediglich 191 Aktien notieren derzeit auf höheren Kursen als dies vor 10 Jahren der Fall war.
Indexwerte schneiden gut ab
Und nicht in jedem Fall können die Anleger damit glücklich sein, obwohl sie doch wesentlich besser gefahren sind als die Aktionäre der 112 Gesellschaften, deren Kurse um mehr als 99 Prozent gefallen sind und unter denen sich Namen finden, die einmal als Geheimtipps galten wie Heyde, Azego (ACG), Babcock-Borsig, Intershop oder - Arcandor. Doch auch jede Sechste der Gewinner-Aktien brachte noch nicht einmal Kursgewinne in Höhe der Inflation, so beispielsweise die Dax-Mitglieder Bayer, BMW und Metro.
Immerhin sind die Index-Werte gut vertreten: Immerhin 30 Prozent der Gewinner-Aktien sind oder waren zu diesem Zeitpunkt in einem der vier großen Indizes Dax, MDax, TecDax oder SDax vertreten. Das ist keine schlechte Bilanz, machen sie doch unter den deutschen Aktien nur wenig mehr als 7 Prozent aus.
Viele Werte sind wenig liquide
Doch blickt man genauer auf die Liste, so kommt man ins Grübeln. Fast jede dritte Sieger-Aktie stammt von einem kleinen Unternehmen, dessen Marktkapitalisierung unter 100 Millionen Euro liegt, bei mehr als der Hälfte sind es weniger als 250 Millionen. Das gilt auch für die ersten drei der Liste: Die Aktien von Camera Work, Arques Industries und das Aluminiumwerk Unna verzeichneten Kursgewinne zwischen 1960 und 5100 Prozent, bringen aber zusammen nur ein Gewicht von knapp 400 Millionen Euro auf die Waage.
Im Falle des Aluminiumwerks Unna kommt hinzu, dass gerade einmal rund 6000 der insgesamt ebenfalls lediglich 1 Million Aktien im Streubesitz ist. 25,1 Prozent halten über einen Verein die Mitarbeiter des Werks, knapp 73 Prozent hält der Vorstandsvorsitzende Thomas Wiese. In den vergangenen 3 Monaten wurden gerade einmal 52 Aktien gehandelt. Insofern ist die Kursentwicklung wenig aussagekräftig.
Börsenmantel-Effekte
Sowohl die Aktie von Camera Work als auch die von Arques profitierten auf Sicht von 10 Jahren vor allem von einem Umstand. Im Jahr 2000 waren beide Gesellschaften noch Börsenmäntel. So wurde 2003 aus der früheren Nordhäuser Tabakfabrik Camera Work. Schon ein Jahr zuvor war aus dem 1900 gegründeten Kurmittelbetrieb der Stadt Bald Salzschlirf, die 2001 in die Insolvenz gegangen war, die Beteiligungsgesellschaft Arques Industries geworden.
Gerade dies zeigt, dass eine gute langfristige Wertentwicklung nicht unbedingt aussagekräftig hinsichtlich der Qualität des Investments ist. Denn der Kurs der AG Bald Salzschlirf hatte im Jahr 2000 bei 0,12 Cent gelegen. Erst am 16. Dezember 2003 wurde aus dem Unternehmen Arques Industries. Da lag der Kurs schon bei 1,08 Euro und bei drei Viertel des heutigen Werts. Dieser liegt unter dem Niveau des Jahresendes 2003 und hat sich dabei schon erholt. Aufstieg und Fall liegen nahe beieinander: Im September 2007 hatte Arques sogar die MDax-Mitgliedschaft erhalten. Neun Monate später war dies vorbei, mittlerweile ist die Aktie auch nicht mehr im SDax notiert.
Camera Work besitzt eine der weltweit größten Photo- und Photobuchsammlungen. Geschäftszweck ist die Weiterentwicklung dieser Sammlung und die Förderung der Photographie als Kunstform. Dies soll die Grundlage für Wertsteigerung und langfristige Werthaltigkeit bilden. Im Berliner Freiverkehr notierend, ist die Gesellschaft weitgehend nicht publizitätspflichtig. Gemäß der letzten veröffentlichten Bilanz für 2007 hat sie kaum Schulden, 2006 erlöste sie 1,3 Millionen Euro. Am 4. Mai wurde zuletzt eine Aktie gehandelt, davor am 12. Januar 2 Aktien.
Außerhalb der Indizes - viel Glück
Auch das ist ein Charakteristikum unter den Sieger-Aktien. Neben den zahlreich vertretenen Indexwerten findet sich eine große Zahl von Werten mit geringer Stückzahl an Aktien, minimalem Streubesitz und fast keinem Handel. Symptomatisch mag sein, dass auf Platz 8 die F. Reichelt AG zu finden ist. 1994 hatte der 148 Jahre alte Pharmagroßhändler den Geschäftsbetrieb an die Phoenix Pharmahandel verpachtet. Seitdem verwaltet sie ihren Immobilienbesitz und ihre Pachteinnahmen.
40 Prozent der 191 Gewinner-Aktien müssen als illiquide gelten. Neben Börsenmänteln finden sich viele historische Relikt-Notierungen wie etwa die ehemalige Traktorenfabrik Lanz, die als John-Deere-Lanz-Verwaltungs-AG längst zum amerikanischen Landmaschinenbauer gehört. Lässt man all diese Titel außen vor, so bleiben gerade einmal 113 Werte übrig, von denen rund die Hälfte im HDax oder dem SDax vertreten ist. Das spricht nicht für Investments in Nicht-Indextitel.
26 Spitzen-Aktien
Indes muss man zugeben, dass die Zehn-Jahres-Frist etwas ungerecht ist, bezieht sie sich doch auf einen Zeitpunkt, an dem der Dax mit 7100 Punkten deutlich höher notierte als dies derzeit der Fall ist. Das gilt auch für den SDax und erst recht für den TecDax. Nur der MDax notierte vor 10 Jahren mehr als 40 Prozent unter dem heutigen Niveau.
Die Zahl der Gewinner ist daher auf jeder anderer Zahl von Jahren innerhalb der vergangenen Dekade meist deutlich höher (vgl. Infografik). Zieht man nun Bilanz über die jeweiligen Jahresfristen, so kommt ein überraschendes Ergebnis zustande. Denn immerhin 26 Aktien ist das Kunststück gelungen, auf jede Frist im Plus zu notieren. Trotz der zugegebenermaßen nur punktuellen Ausleuchtung spricht das für die Titel.
Keinem der Titel ist es gelungen, auch noch von Jahr zu Jahr eine positive Wertentwicklung zu erwirtschaften. Das wäre aber auch wohl zu viel verlangt. Deutliche Unterschiede treten dabei aber zu Tage. So sind die Kursschwankungen bisweilen extrem. So stieg der Aktienkurs des SAP-Zulieferers SNP Schneider-Neureither von 2004 auf 2005 um mehr als das Fünfzehnfache, verlor in den darauffolgenden 12 Monaten knapp drei Viertel an Wert und hat sich in den vergangenen 12 Monaten wieder um fast das Dreifache erhöht. Der Kurs der Optikerkette Fielmann brachte es in seinem Spitzenjahr auf einen Aufschlag von wenig mehr als 40 Prozent - dafür lag das größte Minus auch nur bei rund einem Achtel.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3195 | −0,67% |
| Rohöl Brent Crude | 117,61 $ | −0,91% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |