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Prognose Europa bleibt an den Märkten das wichtigste Thema

12.01.2012 ·  An den Aktienmärkten wird eine turbulente erste Jahreshälfte erwartet. Banken raten zu stabilen Dividendentiteln, die Bewertungen gelten als günstig.

Von Alexander Armbruster, Hanno Mußler, Anne-Christin Sievers, Frankfurt
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Die Euro-Krise und die Schwierigkeiten, ihre möglichen Folgen abzuschätzen, wird auch in diesem Jahr vermutlich das wichtigste Thema an den Aktienmärkten bleiben. Dieser Eindruck ergibt sich aus den Einschätzungen professioneller Marktteilnehmer. Eine schwächere gesamtwirtschaftliche Entwicklung beunruhigt verglichen dazu die Fachleute schon etwas weniger. „Eine Rezession in Verbindung mit sinkenden Unternehmensgewinnen alleine muss keine Katastrophe sein“, sagte etwa Peter Oppenheimer, verantwortlicher Aktienstratege der amerikanischen Bank Goldman Sachs, während einer Anlegerkonferenz in Frankfurt.

Oppenheimer prognostiziert für dieses Jahr einen Gewinnrückgang der europäischen börsennotierten Unternehmen von durchschnittlich 10 Prozent, die meisten Marktbeobachter gehen demgegenüber von steigenden Unternehmensgewinnen aus. Herabgesetzte Gewinnprognosen in Verbindung mit drohenden schlechten Nachrichten zur Euro-Krise sorgen nach Ansicht Oppenheimers deswegen zumindest auf Sicht der kommenden Monate für hohe Unsicherheit und volatile Märkte.

Gleichwohl sieht er Anlagechancen. Die Weltwirtschaft insgesamt habe sich in jüngster Zeit wieder besser als erwartet geschlagen. Außerdem sei die aus Aktienkursen, Zinsniveaus und Unternehmensgewinnen abgeleiteten Anlegersorgen derzeit übertrieben groß. „Nur eine kleine Verbesserung in punkto Euro-Krise kann deshalb eine große Wirkung am Markt haben“, sagt Oppenheimer und rät dazu, Aktien von Unternehmen überzugewichten, die eine stabil hohe Dividende zahlen und außerdem viel Geschäft außerhalb ihrer Heimatmärkte machen. Er rät zu Aktien aus den Branchen Pharma, Energie und Telekommunikation. Für den amerikanischen Aktienmarkt erwartet Goldman Sachs eine Seitwärtsbewegung. Unter den asiatischen Börsen findet die Bank Malaysia und China interessant.

Finanzunfall vermeiden

Sollte ein Finanzunfall - zum Beispiel die unerwartete Insolvenz einer bedeutenden Bank oder eines Eurolandes - besonders in der ersten Jahreshälfte ausbleiben, in der viele wichtige Anleiheemissionen anstehen, dürfte sich die Anlegerstimmung zunehmen aufhellen. Die Lage werde sich entspannen, vorausgesetzt den Eurostaaten gelinge es, eine Kreditklemme zu verhindern, erwarten etwa die Analysten der Schweizer Privatbank Sarasin in ihrem Ausblick auf das Aktienjahr 2012. Grund für die positive Entwicklung ist ihrer Ansicht nach eine steigende Nachfrage aus aufstrebenden Volkswirtschaften, welche vom zweiten Quartal dieses Jahres an wieder zu einer wachsenden gesamtwirtschaftlichen Aktivität auch in Europa führen werde. Aufgrund der weiter zu erwartenden hohen Kursschwankungen raten die Analysten von Sarasin Anlegern dazu, am Aktienmarkt auf kurzfristige Zyklen zu setzen. Außerdem seien Unternehmen attraktiv, die stark von einer positiven konjunkturellen Entwicklung in den Schwellenländern profitierten.

Generell sind nach Auffassung der Sarasin-Analysten die Aktienmärkte derzeit günstig bewertet, wenn man traditionelle Kennzahlen wie das Verhältnis aus Börsenkursen und Unternehmensgewinnen (KGV) zugrundelegt. Denn: Die meisten Aktienkurse seien im zurückliegenden Jahr trotz gestiegener Gewinne gesunken. Der Euro Stoxx 50, der die 50 wichtigsten börsennotierten Unternehmen des Euroraums abbildet, fiel im Jahr 2011 um 17 Prozent, der deutsche Standardwerteindex Dax um 15 Prozent. Der amerikanische Leitindex S&P500 blieb nahezu unverändert. Gerade diese unterschiedliche Entwicklung zwischen den beiden wichtigsten Aktienregionen der Welt verliehen europäischen Aktien in diesem Jahr viel Potential, heißt es von Sarasin.

Davon gehen auch die Analysten der amerikanischen Bank J. P. Morgan aus, die europäische Titel gemessen an ihren derzeitigen Kurs-Gewinn-Verhältnissen für unterbewertet halten. Aktien von Unternehmen auf dem europäischen Festland wie auch in Großbritannien notieren nach Angaben von J.P. Morgan um mehr als 30 Prozent unter ihrer langfristigen Durchschnittsbewertung.

Die Anlagestrategen dieser Bank empfehlen, Aktien von großen Unternehmen auszuwählen, die eine attraktive Dividendenrendite aufweisen. Außerdem sollten Anleger darauf achten, dass die ausgesuchten Unternehmen eine geringe Ausschüttungsquote aufweisen, also einen geringen Anteil der ausgeschütteten Dividendensumme am Gesamterfolg des Unternehmens. Sei die Ausschüttungsquote eines Unternehmens gering, könne es Dividenden auch ausschütten, wenn die Marktlage insgesamt schwierig sei. Solide europäische Titel könnten im Jahr 2012 eine Dividendenrendite von durchschnittlich 4,6 Prozent erzielen. Im Gegensatz zur optimistischen Einschätzung der Bank Sarasin und J. P. Morgan blickt die Banque de Luxembourg skeptisch auf das Aktienjahr 2012 in Europa. Die Bank warnt davor, dass die Bewertungen an den Aktienmärkten angesichts der andauernden Euro-Krise unter ihrem langfristigen Durchschnitt bleiben. Da die meisten europäischen Börsenindizes im Jahr 2011 mehr als 10 Prozent verloren hätten, seien die Aktien angemessen und nicht zu gering bewertet.

Unterstützung durch Notenbanken

Für den deutschen Aktienmarkt gehen die Einschätzungen der Marktbeobachter ebenfalls relativ weit auseinander. Die Analysten der Bank HSBC Trinkaus erwarten für den Dax im ersten Halbjahr zunächst einen Rückgang auf rund 5000 Punkte. In der zweiten Jahreshälfte dürfte der Index dann bis auf 7000 Punkte klettern. Wichtigster Treiber für die Aktienkurse sind nach Ansicht des verantwortlichen Anlagestrategen Christian Heger die Notenbanken, die das Finanzsystem mit billigem Geld fluten. Chefvolkswirt Stefan Schilbe erwartet im ersten Quartal noch zwei Zinssenkungen durch die Europäische Zentralbank (EZB). Die EZB hatte schon im November und Dezember des vergangenen Jahres den Leitzins überraschend um jeweils einen Viertelprozentpunkt auf nunmehr 1 Prozent herabgesetzt. Weil fast niemand außer ihr Staatsanleihen kaufen wolle, werde die EZB mehr Staatsanleihen kaufen müssen, sagt Schilbe voraus.

Spanien und vor allem Italien prognostiziert er mit einem Rückgang der Wirtschaftstätigkeit um 2 Prozent im Jahr 2012 eine tiefe Rezession. Anlagestratege Heger hält daher auch die Gewinnerwartungen von derzeit im Durchschnitt 5 Prozent für die Unternehmen im Euro Stoxx 50 noch für zu hoch. Daher sollten Anleger im ersten Halbjahr auf dividendenstarke Unternehmen aus den Branchen Pharma, Energie und Telekom setzen. Auch Schwellenaktienbörsen wie China, Indien und Brasilien seien attraktiv bewertet, findet Heger. Zyklische europäische Werte dagegen sollten Anleger erst dann kaufen, wenn sich die Gewinnerwartungen weiter zurückgebildet haben. Bankaktien sollten wegen des hohen Kapitalbedarfs der Banken gänzlich gemieden werden.

In Deutschland geben nach Ansicht der Marktbeobachter der Weberbank positive Wirtschaftsindikatoren wie der Geschäftsklimaindex des in München beheimateten Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo Hoffnung auf eine stabile Konjunkturentwicklung und tendenziell steigende Aktienkurse. Ermunternde Signale für die deutsche Exportindustrie kämen aus den Vereinigten Staaten und China, sagt die Tochtergesellschaft der Mittelbrandenburgischen Sparkasse in Potsdam. Auch der stabile inländische Konsum durch sehr gute Arbeitsmarktdaten stütze die deutsche Konjunktur. Im Gegensatz dazu seien die Daten zu Produktion und Konsum im Rest Europas, etwa in Spanien und Italien, besorgniserregend und dürften den innereuropäischen Handel belasten. Kurzfristig rechnet auch die Weberbank darum nicht mit einer positiven Entwicklung an den Aktienmärkten und rät zu defensiven Titeln.

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