Eigentlich war es ein bisschen enttäuschend. Was war nicht alles mal wieder von der Apple-Entwicklerkonferenz WWDC erwartet worden. Der nächste große Hit, der Nachlass von Steve Jobs, konkret der Apple-Fernseher, mit dem der Konzern eine weitere tradierte Technik überholen würde. Stattdessen kein Wort davon, sondern ein verbessertes Notebook, ein neues Betriebssystem, eine verbesserte Sprachsoftware und ein eigener Kartendienst.
Kommt nichts Großes mehr?
Also blieb den Apple-Fans nichts weiter übrig, als sich selbst zu feiern. Stellenweise habe die Präsentation einem Sportereignis geglichen, berichtete das Wall Street Journal. So war es wie im Fußball: Wenn das Spiel gelaufen ist, die eigene Mannschaft auf der Siegerstraße zu sein scheint, aber nicht mehr viel auf dem Platz passiert, wird jeder Pass bejubelt.
Dabei wird dann vergessen, dass das Team längst noch nicht Meister ist und vielleicht sogar die Luft raus ist. Ist das mit Apple der Fall? Es handelt sich immerhin um die erste große Präsentation nach dem Tod von Steve Jobs und Nachfolger Tim Cook bietet nichts, was einem iPad oder iPhone auch nur nahe käme – noch nicht einmal einen iTV. Skeptiker wie der Blogger Paul Graham glauben nicht, dass nichts Großes mehr kommen wird, nachdem was jetzt noch in der Pipeline sei.
Kriegserklärung an Google
Aber vielleicht ist auch alles ganz anders. Vielleicht ist gerade gar nicht die Zeit der Pionierarbeit und der spektakulären Produkte, sondern geht es darum, die damit erkämpfte Machtposition zu festigen und auszubauen. Und das geht nicht nur mit dem Gewinnen von Neuland, sondern auch mit dem Erobern von fremdem Terrain. In diesem Fall ist der erste Gegner der einstige Partner Google.
Der neue Karten- und Navigationsservice wird Google Maps als Standardeinstellung auf iPhones und iPads ersetzen. Das ist schon ein heftiger Schlag, in einer Welt in der mobile Anwendungen immer wichtiger werden. Den Krieg eröffnete wohl aber am ehesten Scott Forstall, Senior-Vizepräsident für die Software iOS, der in seiner rund zweistündigen Grundsatzrede immer wieder darauf verwies, in welchen Bereichen diese Googles Android-Software überlegen sei.
Der Riss zwischen Google und Apple könnte kaum deutlicher sein als während der Präsentation, sagt auch Gene Munster, Analyst bei Piper Jaffray. Apple fache diesen mit den neuen Maßnahmen an.
Facebook umarmt, Ebay im Blick
Dazu gehört auch die neue Partnerschaft mit Facebook. Die Dienste des sozialen Netzwerks sollen besser in Apples Betriebssysteme für mobile Anwendungen und Macs integriert werden. Mehr als ein Jahr lang sei eine solche Übereinkunft dementiert worden, heißt es. Aber offenbar braucht man im Krieg eben Alliierte. Apple hat kein echtes soziales Netzwerk, und Google soll es auch nicht bekommen. Ist Facebook das wichtigste Soziale Netzwerk in der Apple-Welt, hat Google Plus wenig Chancen. Gleichzeitig macht man auch Facebook abhängiger von der Apple-Welt und es kann für die Social-Media-Zukunft von Apple nur gut sein, wenn in Facebook nicht ein unabhängiger Konkurrent erwächst.
Daneben sind China und der Markt der Bezahlsysteme ein weiteres Angriffsziel. Im letzteren heißt der Kontrahent Ebay, der inzwischen immer mehr mit dem Bezahlsystem Paypal verdient. Passbook soll zwar derzeit nur zum verwalten von Gruß-, Eintritts- und Flugkarten dienen, doch könne man das auch als ersten Schritt in Richtung des kontaktlosen Bezahlens mit dem iPhone verstehen, sagt Ross Rubin, Analyst bei der NPD Group. Die Kreditkartendaten sind über den App-Store und iTunes schon vorhanden.
Kein einfacher Weg aus der Apple-Welt
Gleichzeitig wird der Mac über einen Messenger Service besser mit iPhone und iPad verknüpft und so wird es den Nutzern wieder ein bisschen schwerer gemacht, die schöne, bequeme Apple-Welt zu verlassen, sagt Chris Jones vom Marktforschungsinstitut Canalys. Diese wichtigen inkrementellen Verbesserungen sorgten dafür, dass Apple immer mehr in das Leben seiner Nutzer eindringe, sagt Walter Piecyk, Analyst bei BTIG.
Wenn diese Strategie aufgeht, so kann Apple seine Erfolge weiter ausbauen, an Bedeutung gewinnen und das Alltagsleben seiner Nutzer noch stärker dominieren als bisher. Indes zeigt sich hier letztlich eine Veränderung vom Innovator zum Versorger. Das spräche dafür, dass auch die Wachstumsgeschwindigkeit nachlassen könnte und Apple mehr den Charakter einer Dividendenaktie gewinnen könnte. Immerhin hat der Konzern im März auch die erste Dividendenzahlung seit 1995 angekündigt.
Unterwegs zur Versorgeraktie
Dafür spricht auch die Entwicklung der Bewertung der Aktie. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis des Gewinns der vergangenen 12 Monate ist im Trend rückläufig und war seit dem Jahr 1995 nicht mehr so niedrig, also lange bevor die große Apple-Begeisterung einsetzte. Ähnliches gilt für das Verhältnis von Kurs und Mittelzufluss je Aktie, das jetzt auf dem Niveau des Jahres 2000 liegt. Dabei hat sich der Kursrückgang seit April in Grenzen gehalten, die Apple-Aktie sich in den vergangenen drei Monaten besser entwickelt als der Markt.
Die künftigen Geschäftszahlen werden zeigen müssen, inwieweit Apple sich in einem Verdrängungswettbewerb durchsetzen kann. Jedenfalls schadet es als Apple-Aktionär nichts, sich wieder einmal mit der Zukunft des Unternehmens und des Aktienkurses auseinanderzusetzen.
also ehrlich...
alexander b (dinazwei)
- 12.06.2012, 23:50 Uhr
Höhepunkt überschritten
Ulrich Wahr (wahrheit29)
- 12.06.2012, 22:40 Uhr
Wieso "Aggression"?
lothar kempf (wilkem)
- 12.06.2012, 14:34 Uhr
Die Überschrift sagt ja schon alles. NICHT
Florian Machauer (Florian.M)
- 12.06.2012, 13:58 Uhr
Was erlauben Apple?
Karl S. Walter (skeptiker01)
- 12.06.2012, 13:23 Uhr