Das desaströse erste Halbjahr 2009 könnte für die europäische Beteiligungsbranche (Private Equity) zugleich den Tiefpunkt der Marktentwicklung bedeuten. Die Anzeichen mehrten sich, dass die Finanzmärkte das Schlimmste überstanden hätten und die Bereitschaft für neue Übernahmen und Risiken wieder wachse, schreiben die Marktbeobachter von Mergermarket, einer Tochtergesellschaft des Medienkonzerns Pearson.
Allerdings müssen sich die Beteiligungsfirmen auf zunehmend komplexe Strukturen bei einer Übernahme einstellen, da es nach wie vor an der klassischen Kreditfinanzierung mangelt. So spielen Verkäuferdarlehen eine wachsende Rolle, ebenso wie reine Eigenfinanzierungen aus den Mitteln eines Private-Equity-Fonds, die später jedoch umfinanziert werden sollen. Auch sogenannte „Club-deals“, bei denen sich mehrere Beteiligungshäuser zusammenschließen, sowie Minderheitsbeteiligungen müssen - mehr oder weniger freiwillig - eingegangen werden. „Die Branche ist weit entfernt von einem Stadium des dauerhaften Niedergangs“, schreiben die Mergermarket-Forscher. Klar sei jedoch auch: „Private Equity hat schon bessere Tage gesehen.“
Tiefpunkt bei 49 Verkäufen für 1,3 Milliarden Euro
Die Auswertung der Daten des ersten Halbjahres zeigt in aller Deutlichkeit, wie abrupt und kräftig das Geschäftsvolumen der europäischen Private-Equity-Branche in den vergangenen Monaten zurückgegangen ist. Im zweiten Quartal 2009 wurden noch 125 Transaktionen registriert, deren Gesamtwert (Kaufpreis plus Schuldenübernahme) 4,6 Milliarden Euro betrug. Das war zwar eine leichte Verbesserung gegenüber den ersten drei Monaten des Jahres, als es 124 Übernahmen im Volumen von 2,9 Milliarden Euro gab. Im ersten Halbjahr 2008 verbuchte die Branche allerdings noch 641 Übernahmen mit einem gesamten Transaktionswert von gut 58 Milliarden Euro, in den ersten sechs Monaten des Jahres 2007 waren es sogar 712 Transaktionen für rund 132 Milliarden Euro.
Positiv werteten die Marktbeobachter jedoch, dass auch die andere Seite des Geschäfts, der Weiterverkauf von Unternehmen, sich wieder etwas belebt hat. Im zweiten Quartal 2009 wurden 56 Veräußerungen im Wert von 2,7 Milliarden Euro gezählt, im ersten Quartal lag der Tiefpunkt bei 49 Verkäufen für 1,3 Milliarden Euro.
Bislang größte Übernahme des Jahres
Das größte Augenmerk richteten die Private-Equity-Manager in Europa in diesem Jahr bislang auf den Industrie- und Chemiesektor, hier wurden 70 Übernahmen im Wert von knapp 1 Milliarde Euro verbucht. Nach wie vor wurden die meisten Transaktionen in Großbritannien und Irland getätigt. Der deutschsprachige Markt für Private-Equity-Beteiligungen zeichnete sich im ersten Halbjahr durch eine - im europäischen Vergleich - hohe Zahl von Übernahmen kleinerer Unternehmen aus. Insgesamt 44 Firmen wurden von Beteiligungsgesellschaften neu erworben, der Gesamtwert der abgeschlossenen Transaktionen lag nach dieser Statistik allerdings nur bei 205 Millionen Euro.
Der deutsche Branchenverband BVK kam dagegen unlängst in seiner Statistik, die zum Beispiel auch den Markt für Wagniskapitalfinanzierungen umfasst, zu deutlich höheren Werten. Demnach wurden hierzulande allein im zweiten Quartal Private-Equity-Investitionen in Höhe von 280 Millionen Euro vorgenommen. Dies bedeutete allerdings einen Rückgang gegenüber den ersten drei Monaten (323 Millionen Euro). Auch der BVK geht von einer Belebung der Geschäfte im zweiten Halbjahr aus.
Die bislang größte Übernahme des Jahres wurde Ende Mai angekündigt: Die beiden Finanzinvestoren AXA Private Equity und F2i wollen zusammen vom italienischen Energiekonzern Enel einen Anteil von 80 Prozent an der Tochtergesellschaft Enel Rete Gas erwerben - für knapp 1,7 Milliarden Euro (480 Millionen Euro Kaufpreis plus Übernahme von 1,2 Milliarden Euro an Schulden).